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Diagnose Demenz

10.000 bis 12.000 Demenzkranke leben in Südtirol. Wie erkennt man die ersten Symptome und wie soll man mit Betroffenen umgehen? Benedikta Fischnaller, Leiterin des Bereichs für Demenzkranke im ÖBPB „Zum Heiligen Geist“ in Brixen, klärt auf.

Tageszeitung: Frau Fischnaller, wie viele Personen sind in Südtirol von der Erkrankung betroffen?

Benedikta Fischnaller: In Südtirol spricht man zurzeit von 10.000 bis 12.000 Personen, die von Demenz betroffen sind.

Wie erkenne ich die ersten Symptome?

Erste Symptome sind Gedächtnisstörungen: Personen vergessen, wie sie Tätigkeiten verrichten sollen, welche sie bis jetzt immer gemacht haben. Ein Beispiel: Sie wissen plötzlich nicht mehr, wie man die Schuhe zuschnürt oder sie finden ihr Zuhause nicht mehr. Verwirrtheit, Wahrnehmungsstörungen, Denkstörungen, Antriebsstörungen, Unruhe oder zielloses Herumwandern sind weitere Symptome. Die Betroffenen ziehen sich aus der Gesellschaft zurück.

Ab wann erkennt der Betroffene, dass er an Demenz erkrankt ist?

Personen merken, dass mit ihnen etwas passiert, sie können jedoch ihre Wesensveränderung nicht zuordnen und versuchen, ihre Umgebung nichts davon merken zu lassen, indem sie sich immer mehr aus der Gesellschaft zurückziehen. Sie versuchen, ihr Verhalten zu bagatellisieren und/oder mit Ausreden zu erklären.

Wie reagiert der Betroffene, sobald ihm bewusst wird, dass er an der Krankheit leidet?

Es entsteht ein Leidensdruck, die Personen verstehen nicht, was mit ihnen passiert.

Wie sollen Angehörige bei den ersten Anzeichen reagieren?

Angehörige sollen den Betroffenen beobachten, den Hausarzt bzw. den Facharzt konsultieren, um genau abzuklären, ob eine andere Ursache für das Verhalten der Person vorliegt. Sie sollen sich über die Erkrankung, Begleitung und eventuelle Unterstützungsmöglichkeiten Informationen einholen.

Wie schnell schreitet die Krankheit voran?

Es gibt verschiedene Phasen in der Demenz, nicht jede von Demenz betroffene Person durchlebt alle Phasen.

Wie manifestiert sich die Krankheit?

Demenz kann schleichend auftreten, über Jahre, oder sie kann ganz plötzlich auftreten.

Wie soll ich mich Demenzkranken gegenüber verhalten?

Wir können ihnen in ihrer Welt begegnen. Wir sollen diese Personen nicht ständig in ihrem Verhalten korrigieren, durch das Korrigieren kommt es zu Konflikten. Wir versuchen, zu verstehen, was die Personen brauchen, in welchem Gefühl sie in ihrer Welt gerade leben. Wir sollen die Personen in ihrem Dasein wahrnehmen, ihr Verhalten aushalten und Toleranz zeigen, um die Menschen so sein zu lassen, wie sie sind.

Wie soll ich mich den Angehörigen gegenüber verhalten?

Angehörige brauchen Aufklärung und professionelle Begleitung, damit sie die Verhaltensweisen der Personen, die von Demenz betroffen sind, verstehen lernen.

Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrer Struktur mit Erkrankten gemacht?

Die Bewohner mit deren Angehörigen erhalten eine professionelle, individuelle Betreuung und Begleitung, wodurch die Lebensqualität erhöht wird. Dadurch erleben die Bewohner immer wieder Glücksmomente. Im Wohnbereich schaffen wir eine ruhige, ausgeglichene Atmosphäre, wo die Heimbewohner immer wieder das Gefühl haben, ein Stück zu Hause zu sein. Die Personen, die von Demenz betroffen sind, leben in ihrer Welt, wo sie ihre Emotionen tagtäglich zum Ausdruck bringen. Unser Auftrag besteht darin, sie zu begleiten, sie in ihren Bedürfnissen wahrzunehmen, sie so sein zu lassen, wie sie sind und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie so, wie sie sind, wertvoll sind. Durch räumliche und persönliche Orientierungshilfen erhalten die Personen, welche von Demenz betroffen sind, Unterstützung in ihrem Alltag.

Wie gehen Demenzkranke miteinander um?

Personen, die von Demenz betroffen sind, nehmen ihre Umgebung intensiv wahr und reagieren darauf, wie es ihre Gefühlswelt in diesem Moment zulässt: mit reden, schimpfen, streiten, weinen usw…

Was macht Demenzkranke glücklich?

Wenn sie in ihrem Dasein angenommen werden, wenn sie ihre Emotionen leben dürfen, wenn sie getröstet werden, sobald sie traurig sind, wenn sie sich geliebt, gebraucht, wertvoll und verstanden fühlen, wenn sie sich zu Hause fühlen.

Ist die Pflege zu Hause oder in einer Struktur ratsamer?

Diese Frage kann man im Allgemeinen so nicht beantworten, denn es hängt von verschiedenen Faktoren ab: in welcher Phase der Demenz sich der Betroffene befindet oder welches herausfordernde Verhalten sich zeigt. Natürlich hängt es auch vom strukturellen und sozialen Umfeld, sowie der verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten ab.

Interview: Erna Egger

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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Kommentare (1)

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  • exodus

    Demenz-Alzheimerkranke zu Hause Jahre lang zu pflegen ist für die Angehörigen eine richtige Herausforderung, physische und seelische. In Südtirol werden viele Kranke zu Hause gepflegt, vielleicht auch aus Liebe, ich bin mir sicher, der wahre
    Grund, die hohen Kosten eines Pflegeheims sind für die meisten Angehörigen nicht
    tragbar.

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