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„Wenig Wissen“

Auch am Kronplatz haben Variantenfahrer am Sonntag Lawinen ausgelöst (Foto: Bergrettung Bruneck)

Mit der Gondel hinauf und außerhalb der Pisten im Tiefschnee wieder ins Tal: Variantenfahren ist längst Trendsport. Manchmal endet ein solches Abenteuer tödlich. Skiführer Erwin Steiner ist überzeugt davon, dass sich mit Grundlagenwissen viele tragische Lawinenunglücke vermeiden ließen.

Frisch gefallener Schnee. Für einen Tourengeher, einen Freeskier oder einen Snowboarder gibt es kaum etwas Schöneres, als über eine schöne Schneedecke ins Tal zu fahren. Dieses idyllische Bild wird brutal zerrissen, sobald eine Lawine sich löst und einen Menschen verschüttet.

Dabei stellen sich immer die Fragen: Was kann man tun, um ein solches Unglück zu verhindern? Hat jemand Schuld daran oder liegt die Verantwortung allein beim Variantenfahrer, der die Lawine ausgelöst hat?

Sonntagnachmittag im Skigebiet Rotwand in Sexten: Hannes Schwienbacher ist mit einem Freund unterwegs. Die beiden – sehr erfahrenen und gut ausgerüsteten – Skifahrer wollen erkunden, ob sie über eine der frisch eingeschneiten Rinnen bis ins Fischleintal abfahren können. Aber kaum hatte der 18-jährige Hannes Schwienbacher seine Skier in den Tiefschnee gleiten lassen, passiert das Unglück. Eine Lawine bricht ab, der Schnee reißt den jungen Skifahrer mit und begräbt ihn unter sich. Hannes Schwienbacher überlebt das Unglück nicht.

Erwin Steiner ist jedes Mal sehr betroffen, wenn er von Unfällen wie diesem hört. Er ist Leiter für die Ausbildung der Südtiroler Berg- und Skiführer und gehört zu den Gründern der Alpinschule Globoalpin im Pustertal – damit beschäftigt er sich sozusagen jeden Tag nicht nur mit den schönen Seiten des Lebens im Gebirge, sondern auch mit den Gefahren, die damit zusammenhängen. Er sagt: „Lawinentote wird es immer geben. Das Risiko besteht. Aber sehr viele Fälle könnte man vermeiden.“ Mehr dazu lesen Sie im Interview.

Erwin Steiner

TAGESZEITUNG: Herr Steiner, immer wieder geraten vor allem junge Leute außerhalb der Pisten unter eine Lawine. Oft mit tödlichen Folgen…

Erwin Steiner: Es sind definitiv sehr viele junge Leute außerhalb der Pisten unterwegs. Die allermeisten von ihnen sind ausgezeichnete Skifahrer. Aber viele von ihnen wissen nicht, wie eine Schneedecke aufgebaut ist. Vielen fehlt das theoretische Wissen über die Lawinengefahr. Daran müsste und könnte man etwas ändern.

Warum aber erreicht man diese jungen Leute offensichtlich nicht mit dieser wichtigen Botschaft?

Oft ist es so: Sobald der erste Schnee da ist, wird einfach drauflosgefahren. Das ist durchaus verlockend. Aber eben auch gefährlich. In Südtirol gibt es die Auseinandersetzung mit dem Thema nicht mehr. Im benachbarten Ausland, etwa in Österreich oder der Schweiz, wird wahrscheinlich noch mehr außerhalb der Pisten gefahren. Dort passieren auch immer wieder tragische Unfälle. Aber es scheint etwas mehr an der Kultur gearbeitet zu werden.

Sollte man das Wissen über die Gefahren im Tiefschnee beim ersten Skikurs vermitteln?

Das geht nicht. Zu diesem Zeitpunkt sind die Skilehrer damit beschäftigt, den Kindern die technischen Grundlagen zum Skifahrern auf der Piste zu vermitteln. Darüber, was draußen im Tiefschnee passiert, wird gar nicht erst geredet.

Freeriden ist nun mittlerweile seit Jahren zur ernstzunehmenden Trendsportart geworden. Wie erreicht man diese jungen Leute?

Außerhalb der Piste zu fahren ist modern. Wir haben versucht, die Jugendlichen in den Mittel- und Oberschulen zu erreichen, um ihnen zumindest ein wenig theoretische Grundlagen zu vermitteln. Die Schwierigkeit dabei ist, dass es in jeder Klasse auch viele gibt, die das Thema gar nicht interessiert. Es bleibt schwierig, flächendeckend genügend Informationen zu vermitteln. Aber wir sollten es zumindest wieder verstärkt versuchen.

Wie erleben Sie die jungen Leute, die nichts lieber tun als Tiefschneefahren?

Viele von ihnen haben tatsächlich wenig Ahnung davon, wie man sich dem Thema nähert. Sie haben keine Ahnung von Lawinenkunde. Dabei ist die Thematik gar nicht so kompliziert. Man kann über den Lawinenlagebericht viele Informationen einholen. Wenn man sich dazu noch ein wenig Grundlagenwisse über das Verhalten im Gelände aneignet, ist man schon gut gerüstet. Ich bin überzeugt davon, dass sich auf diese Weise ein großer Prozentsatz der Lawinenunglücke vermeiden ließe.

Aber warum fehlt dieses Grundlagenwissen?

Ich kann nur sagen: Sobald Kurse angeboten werden, sind diese in der Regel sehr gut besucht. Das Interesse besteht. Aber es ist und bleibt schwierig, tatsächlich alle zu erreichen. Dabei sollte man auch bedenken: Das Risiko ist beim Variantenfahren im Skigebiet höher als bei einer Skitour. Warum? Weil der Variantenfahrer mehrere Abfahrten am Tag schafft. Diese Jugendlichen fahren oft einen gesamten Tag lang im freien Gelände.

Nach dem vielen Neuschnee am Wochenende: Wie gefährlich ist es mittlerweile?

Vor allem in den Dolomiten sollte man vorsichtig sein. Dort steigt die Gefahr, weil wir bisher kaum Schnee hatten und sich deshalb ganz unten eine labile Schicht bildet. Diese Situation kann katastrophal sein. Dieses Thema wird uns sicherlich jetzt noch länger begleiten. Weniger gefährlich ist es in jenen Gebieten wie dem Ahrntal oder der Gegend um Sterzing, wo es vorher bereits viel geschneit hatte. Dort sind die Verhältnisse weit stabiler.

Trotzdem kann man den jungen Leuten das Fahren außerhalb der Pisten kaum verbieten…

Das stimmt. Man sollte nicht mit erhobenem Zeigefinger vorgehen. Die jungen Leute sehen tolle Videos im Internet, sie sehen den tollen Schnee und wollen entsprechend spannende Abfahrten erleben. Was wir tun können ist eine Kultur und ein Bewusstsein dafür schaffen, wie man sich im freien Gelände bewegt. Daran sollten wir arbeiten.

Interview: Silke Hinterwaldner

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Kommentare (4)

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  • kurt

    Der Hauptgedanke ist : Mir wird schon nichts passieren“ .
    Das man sich eine Kultur und ein Bewusstsein schaffen kann wie man sich im Gelände verhalten soll glaube ich nicht weil die Natur sich nichts aufzwingen lässt eher sollte man über die Verantwortungslosigkeit nachdenken die bei solchen Aktionen existiert wenn man die Helfer in akute Gefahr schicken muss um Gedankenlose Menschen zu retten.
    Bei den Aussagen Herrn Steiner hört man ein wenig Hilflosigkeit heraus ,ist auch so diese Leute lassen sich sowieso nichts sagen ,ich habe drei Kinder die sicher schon 8-10 Jahre mit Begeisterung Skituoren gehen ,da hört man halt immer „wir passen schon auf “ ,Ja die Hoffnung stirbt zu letzt speziell von denen die zuhause sind .

  • robby

    Wie wäre es, für diese Variantenfahrer in den Skigebieten kurze, einprägsame und realitätsnahe Vorträge von kompetenten Skilehrern abzuhalten? Mit anschließenden geführten Abfahrten während denen das Thema in der Praxis nachbearbeitet wird?

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