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„Ich glaube weder an Gott noch …“

Klaus Gasperi hat Krebs. Der Theaterdirektor aus Bruneck spricht offen über seine Krankheit: über seine unerträglichen Schmerzen, über den Bart, der ihm fehlt, und über die Leichtigkeit des Krankseins.

Als Klaus Gasperi den Raum betritt, lächelt er. Er grüßt fast alle, die sich in der Bar des Hotels Blitzburg in Bruneck gerade aufhalten und setzt sich dann an unseren Tisch. Der Händedruck ist fest. Der Gemütszustand offensichtlich auch. Der Theatermann aus Bruneck wirkt nicht wie jemand, den die Krankheit fest im Griff hat. Er wirkt eher wie ein Mann, der sich dessen bewusst ist, was er gerade durchmacht, aber dieses Schicksal mit der nötigen Gelassenheit und Stärke annimmt. Klaus Gasperi hat Krebs, die Prostata, sagt er.

TAGESZEITUNG Online: Herr Gasperi, bei Ihnen wurde Krebs diagnostiziert. Wie wurde die Krankheit bemerkt?

Klaus Gasperi: Begonnen hat alles im Frühjahr. Plötzlich bekam ich Schmerzen in der Hüfte und ging zunächst davon aus, dass dies eine Art Rheumatismus oder Muskelkater sein könnte. Später hat mir die Schulter wehgetan, dann das Knie. Als die Schmerzen irgendwann unerträglich wurden, bin ich ins Krankenhaus. Anfangs war man auch dort der Ansicht, dass es sich um einen Wanderrheumatismus handeln könnte. Die vielen Kontrollen und Untersuchungen haben dann zum Ergebnis geführt, dass es Krebs ist. Dabei wurden auch Metastasen in der Wirbelsäule gefunden. Das Wilde für mich war der Schmerz. Wenn ich keine Schmerzen mehr habe, dachte ich von Anfang an, dann ist der Rest mir eigentlich egal. Mehr oder weniger.

Wurde Sie operiert?

Nein, operiert wurde ich nicht. Ich habe zuerst Bestrahlungen in Bozen gemacht, weil an der Wirbelsäule die Gefahr bestand, dass etwas bricht. Daraufhin begann ich vor vier Monaten mit der Chemotherapie. Ich hatte sechs Einheiten im Abstand vor drei Wochen. Der letzte Termin war vor einigen Tagen.

Und jetzt?

Ich bin zwar noch voller Medikamente. Aber die Schmerzen haben nachgelassen. Darüber bin ich sehr froh. Nur wenn ich länger gehe, dann schmerzt es wieder, aber ich glaube das sind die Muskeln. Am Freitag muss ich wieder Untersuchungen machen: Blutwerte kontrollieren und Computertomografie. Dann  erfahre ich wie es tatsächlich ausschaut.

Wie sehr beschäftigt Sie die Krankheit? Machen Sie sich dauernd Sorgen, dass sich Ihr Zustand verschlechtern könnte?

Überhaupt nicht. Die Situation ist, wie sie ist. Wie mein Freund Joesi Prokopetz in seinem letzten Kabarett gesagt hat: Vom Jammern wird man auch nicht gesund. Das nehme ich mir zu Herzen. Dass ich gar nicht so sehr darüber nachdenke, erstaunt mich selbst. Vor zehn Jahren habe ich an einer Reihenuntersuchung teilgenommen, wo bei mir eine Koloskopie durchgeführt wurde. Damals hat man mir eine Fistel entfernt und die Proben ins Labor geschickt. Da hatte ich wirklich Schiss. Ich konnte einige Tage an nichts anderes denken. Aber zum Glück war damals nichts. Jetzt, wo tatsächlich etwas ist, beschäftigt mich das viel weniger.

Aber war die Diagnose am Anfang ein Schock für Sie?

Auch nicht. Wahrscheinlich hatte ich bereits etwas geahnt. Dieses Mal hatte ich so große Schmerzen, dass ich nur noch den Wunsch hatte, diese loszuwerden.

Wie sehr können Sie Ihren Alltag und Ihre Arbeit noch weiterleben?

Momentan bin ich Stammgast in der Onkologie in Bruneck. Ich war anfangs noch davon ausgegangen, dass ich mehr oder weniger der einzige bin, der betroffen ist. Ich war dann umso mehr erstaunt darüber, wie viele Bekannte ich dort treffe. Es beeindruckt mich, wie weit verbreitet diese Krankheit ist. Manche Menschen erkenne ich nicht gleich, weil sie in der Chemotherapie die Haare verloren haben…

Wie war das bei Ihnen?

Mir ist eigenartigerweise der Bart ausgefallen. Die Haare hatte ich mir vor drei Monaten so kurz geschnitten, wie sie jetzt sind. Die Haare am Kopf sind zwar nicht gewachsen, aber eben auch nicht ausgefallen. Ich hatte mein ganzes Leben lang einen Bart. Jetzt ist er weg. Die Chemotherapie wirkt bei jedem anders.

Haben Sie sehr gelitten unter den Nebenwirkungen der Chemotherapie?

Eigentlich nicht. Nach der Chemotherapie ist es mir zwei Tage unheimlich gut gegangen. Aber das ist normal: Dabei bekommt man so viel Cortison, dass man sich pudelwohl fühlt. Dieser Zustand lässt später nach. Dann geht es einem echt beschissen. Mittlerweile kann ich damit gut umgehen, weil ich weiß, was mich erwartet. Was mich allerdings schon stört: Der Geschmacksinn kam mir nach einigen Tagen völlig abhanden. Ich könnte die Serviette anstatt dem Schnitzel essen. Das schmeckt beides gleich. Nach eineinhalb Wochen kann ich wieder Schmecken.

Müssen Sie sich noch unters Messer legen oder ist das nach der Chemotherapie nicht mehr notwendig?

Das wird man sehen. Normalerweise wird der Tumor an der Prostata sofort operiert. Das funktioniert aber nur, so lange sich keine Metastasen bilden. Weil bei mir auch die Wirbelsäule befallen ist, musste man eine ganzheitliche Methode wählen.  Nach Bestrahlung und Chemotherapie wird es noch Zeit brauchen, bis sich die Knochen erholen. Jetzt möchte ich anständig Urlaub machen. Dazu hatte ich im Sommer keine Gelegenheit.

Und die Arbeit? Ist das nicht zu anstrengend?

Manchmal tut etwas weh. Ich bin schon geschwächt, werde schnell müde. Aber: Ich muss im Theater ja nicht Ballett tanzen und hüpfen.

Lenkt die Arbeit auch von der Krankheit ab?

Ich wüsste gar nicht, wovon ich mich ablenken sollte. Ich hatte kürzlich Prämiere in Landshut, wo ich für das Landestheater Niederbayern ein Bühnenbild gemacht hatte. Ich hatte Lust wegzufahren und habe mich ganz bewusst mit dem Camper aufgemacht anstatt ins Hotel zu gehen. So hatte ich ein wenig Urlaubsgefühle.

Hat die Diagnose Krebs Ihr Leben grundlegend verändert?

Das ist ein neues Thema in meinem Leben. Es ist mir aufgezwungen worden. Aber abgesehen davon hat sich nichts verändert.

Und wie geht Ihre Familie damit um?

Meiner Mutter habe ich nichts davon erzählt. Sie ist mittlerweile 93 Jahre alt, und ich bin mir sicher, dass sie sehr viel mehr als ich darunter leiden würde, wenn sie es wüsste. Das bringt nichts.

Aber wenn sie aus der Zeitung davon erfahren würde?

Sie liest zum Glück keine Zeitung.

Was empfinden Sie, wenn Sie an Ihre Zukunft denken?

Ich lebe jetzt. Und denke gar nicht so viel daran. Ich versuche nicht zu viel zu planen, obwohl ich freilich schon am Spielplan für die nächsten zwei Jahre arbeite…

Gibt es nichts, von dem Sie sagen: Das wollte ich immer schon erleben, jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, es auch zu tun?

Ich habe fast immer getan, was ich wollte. Da gibt es nichts nachzuholen.

Krebs ist keine tödliche Diagnose. Denken Sie manchmal trotzdem, dass Sie an dieser Krankheit sterben könnten?

Als ich selbst betroffen war, ist mir ein Interview wieder in den Sinn gekommen, das ich vor zehn oder zwölf Jahren im Magazin Stern gelesen habe. In einem langen Gespräch hat der bayrische Musiker Fredl Fesl über seine Krebserkrankung gesprochen. Die letzte Frage lautete: Haben Sie Angst vor dem Sterben? Seine Antwort: Nein. Warum sollte ich Angst haben? Das kann doch nicht so schlimm sein, sonst würden es nicht so viele tun. (lacht) So muss man das sehen.

Sehen Sie sich selbst eher als Ausnahme-Patient, weil sie so offen und auch mit einer großen Portion Leichtigkeit mit der Krankheit umgehen?

Eines vorweg: Ich muss sagen, dass man in der Onkologie in Bruneck wunderbar betreut wird. Die Ärzte und das Pflegepersonal leisten hervorragende Arbeit, sie verbreiten dabei auch eine gute Stimmung. Das hat mich gewundert: In der Ersten Hilfe schauen die Patienten viel betretener drein als oben in der Onkologie.

Das ist für Außenstehende nicht ganz leicht nachzuvollziehen…

Vielleicht ist es so, weil alle in derselben Situation stecken. Ich treffe immer wieder Freunde und gute Bekannte, dabei kommt man ins Gespräch, auch über die Krankheit. Aber so richtig dramatisch war das selten.

Die Krebsgespräche in Bruneck haben vor einem Jahr zum ersten Mal stattgefunden. Wie wichtig ist es Ihnen, dass man über die Krankheit reden kann?

Das ist sehr wichtig. Noch immer versuchen viele die Krankheit zu verstecken, vielleicht weil man denkt, dies sei ein Makel. In unserer Leistungsgesellschaft darf so etwas offenbar nicht sein.  Es gibt eine Selbsthilfegruppe für an Prostatakrebs Erkrankte, bei der ich einige Male war. Das ist nett dort. Sehr offen spricht man über alle Themen: der eine hat Probleme mit dem Essen, der andere hat Schwierigkeiten mit der Frau. Schließlich kann es vorkommen, dass nach einer Behandlung und einer Operation im Bett nichts mehr läuft. Darüber reden zu können, ist wohltuend.

Eigentlich nicht.

Haben Sie Angst vor der ersten großen Untersuchung nach der Chemotherapie?

Ich sehe das recht positiv. Ich fühle mich gut und hoffe natürlich, dass die Therapien etwas gebracht haben. Als Kind habe ich mir oft die Knochen gebrochen, aber später war ich selten krank. Umso mehr war ich beeindruckt davon, wie gut, freundlich und kompetent das Personal in den Krankenhäusern arbeitet. Ich verstehe gar nicht, was es daran immer zu kritisieren gibt.

Machen Sie begleitend zur Schulmedizin auch noch andere Therapien?

Man redet über Homöopathie oder Heilung mit Cannabis: Aber wenn da wirklich etwas dran wäre, dann wüsste das mein Arzt wahrscheinlich. Ich falle darauf nicht herein. Ich glaube weder an Gott noch an die Homöopathie. Ein Freund von mir hatte vor einigen Jahren Blasenkrebs und wollte sich homöopathisch behandeln lassen. Er ist jetzt schon lange tot. Das war mir eine Lehre.

Und…

Etwas ärgert mich schon: Ich habe 40 Jahre lang in eine private Krankenversicherung eingezahlt. Sobald ich dann den Krebs hatte, sagte man mir, dass diese Krankheit ausgenommen sei. Wenn die Versicherung etwas zahlen würde, dann sind dies nur Leistungen, die man ohnehin kostenlos bekommt. Man hat mir klipp und klar gesagt: Eine Blinddarmoperation würde problemlos bezahlt, aber für Krebstherapien gibt es praktisch nichts.

Sie treten bei den Krebsgesprächen als Patient öffentlich auf: Haben Sie eine Botschaft für die Erkrankten, ihre Angehörigen oder die Ärzte?

Das einzige, das ich sagen möchte: Ich war blöd, weil ich nie eine Voruntersuchung machen ließ. Ab einem Alter von 40 Jahren sollte man sich  ab und zu einer Kontrolle unterziehen. Ich bin nun bald 70 Jahre alt und habe nie nachschauen lassen. Plötzlich war es dann etwas spät. Meine Botschaft deshalb: Lasst euch untersuchen! Sobald man die Krankheit hat, muss man damit leben und das Beste daraus machen.

Interview: Silke Hinterwaldner

 

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