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Der Abschiedsbrief

Ein (teils handgeschriebener) Briefverkehr zwischen dem scheidenden Mobilitätslandesrat Florian Mussner und SAD-Boss Ingemar Gatterer zeigt, wie zerrüttet das Verhältnis im öffentlichen Nahverkehr ist.

von Heinrich Schwarz

Florian Mussner hätte sich seinen Abschied von der Politik anders vorgestellt. Anstatt auf einen verbesserten öffentlichen Nahverkehr in Südtirol blicken zu können, musste der Mobilitätslandesrat in den letzten Monaten eine große Menge an Beschwerden und Rechtsstreitigkeiten zur Kenntnis nehmen. Den Grund für diese Entwicklung hat Mussner schnell gefunden: Ingemar Gatterer, der seit bald drei Jahren Mehrheitseigentümer der SAD AG ist.

In zwei handgeschriebenen Briefen an Gatterer – einer vom November und einer von kurz vor Weihnachten als Abschiedsbrief – spricht Florian Mussner seine Enttäuschung offen an. Der sonst sehr wortkarge Landesrat spart dabei nicht mit Kritik am SAD-Chef. Der TAGESZEITUNG liegen die beiden Briefe und die Antwort von Ingemar Gatterer vor.

Im ersten Brief schreibt Mussner, dass er das Amt als Mobilitätslandesrat vor fünf Jahren mit viel Freude und Engagement übernommen habe. Die Qualität des öffentlichen Nahverkehrs sei zu Beginn der Legislatur auch sehr gut und die Zufriedenheit der Bürger in den allermeisten Fällen vorhanden gewesen. Offene Baustellen habe man meist überwinden können. „Mit der Übernahme der SAD durch Sie, DDr. Gatterer, hat sich die Situation – und das stelle ich mit großem Bedauern fest – leider wesentlich verschlechtert“, so Mussner.

„Es ist mir/uns“, schreibt der Landesrat weiter, „in all den gemeinsamen Gesprächen nicht gelungen, auf normalen Weg mit Ihnen die zweifelsohne vorhandenen, teils prekären Probleme zu lösen. Die Qualität leidet derzeit bei unseren öffentlichen Busdiensten enorm. Beschwerden sind an der Tagesordnung und werden – das erachte ich als besonders gravierend – faktisch von Ihnen und Ihren Leuten ignoriert.“

Was den Umgang der SAD mit ihren Mitarbeitern anbelangt, betont Mussner unter anderem: „Ein Unternehmen steht und fällt mit seinen Mitarbeitern.“ Hier verstehe er Ingemar Gatterer wirklich nicht – „und ich frage mich bereits seit geraumer Zeit, wie sowas nur möglich ist.“ Die ständigen Negativmeldungen sollten laut Mussner eigentlich zu denken geben. Der scheidende Landesrat wiederholt: „Ein Unternehmen ohne zufriedene und fähige Mitarbeiter taumelt und fällt früher oder später.“

Ebenso überrascht zeigt er sich über die „bedauernsweise nicht vorhandene Sensibilität der SAD, und vor allem von Ihnen persönlich, gegenüber der Zwei- und Dreisprachigkeit in Südtirol.“

Ein Auszug aus dem Schreiben von Mussner an Gatterer:

„Dass Sie als Südtiroler, tief verwurzelt in diesem Land, als engagierter Politiker, keinen Wert auf die für uns so große autonomiepolitische Errungenschaft der Zwei- bzw. Dreisprachigkeit legen, ist bedauerlich und für mich und viele andere nicht nachvollziehbar. (…) Wenn Sie diese Entwicklung wirklich mittragen, wovon ich aufgrund Ihrer rechtlichen Schritte ausgehe, dann haben Sie, mit Verlaub, von unserem Land, unserer Geschichte und unserer Autonomie nur sehr wenig verstanden. Ich bin noch nicht sicher, Herr Gatterer, ob Sie sich der angesprochenen Problematik überhaupt bewusst sind. Es wäre sicherlich für Ihre Arbeit und die Wahrung bzw. Wiederherstellung der Qualität von Nutzen, wenn Sie vielleicht manchmal die ein oder anderen Buslinien selbst nutzen würden, um direkt und selbst die Probleme zu erkennen, die unsere Mitbürger teilweise täglich haben.“

Abschließend schreibt Mussner: „Vielleicht können diese Zeilen doch etwas bewegen. Mündlich war dies, wie angesprochen, leider unmöglich. Schade.“

Im zweiten handgeschriebenen Brief, den der Landesrat kurz vor Weihnachten an Ingemar Gatterer schickte, heißt es unter anderem:

„Herr DDr. Gatterer, da es uns beiden nicht gelungen ist, auf normaler Ebene verschiedene Thematiken anzusprechen, möchte ich zum Abschluss meiner politischen Tätigkeit mit diesem Schreiben an Sie auf einen wesentlichen Punkt im derzeitigen öffentlichen Personennahverkehr hinweisen.
Mit großer Sorge nehme ich die derzeitige Entwicklung der Qualitätsstandards bei den öffentlichen Busdiensten der SAD zur Kenntnis. Die Qualität leidet enorm, hoffen wir, dass keine Unfälle passieren, denn in jedem Sektor leidet bei abfallender Qualität auch die Sicherheit. Gerade bei öffentlichen Diensten wie dem Personentransport sollte dies doch sehr zu denken geben. Das ist besorgniserregend, absolut unverständlich und inakzeptabel. Ich denke schon, dass diese Entwicklung auch Ihnen Sorge bereitet. Verbesserungen sind absolut notwendig. Ich vertraue hier auch auf Ihre Menschlichkeit und Ihr Verständnis von Sicherheit und Verantwortung.“

Auf diesen Brief hat Ingemar Gatterer per Handy-Nachricht geantwortet. Darin schreibt der SAD-Boss: „Du machst mir wie immer Vorwürfe zu mangelnder Qualität und Sicherheit. Das nehme ich zur Kenntnis, teile diese Meinung jedoch nicht! Ich sage Dir vielmehr, dass Deine fünf Jahre die Mobilität in Südtirol in vielerlei Hinsicht kaputt gemacht haben. Noch nie war die Anspannung zwischen Konzessionären und öffentlicher Verwaltung/Politik so groß wie heute.“

Ein Auszug aus dem Antwortschreiben:

„Du hast nie unsere Probleme, Sorgen und Anliegen ernst genommen oder auch nur im Geringsten zu verstehen versucht, sondern immer nur Deinen Standpunkt verteidigt und durchgesetzt. Du hast dadurch Konflikt und Streit provoziert. Du hast der SAD Eisenbahnleistungen entnommen und Trenitalia begünstigt, Du hast uns ungerechtfertigt finanzielle Zuwendungen entzogen, Du hast uns im Mehrwertsteuer-Streit allein gelassen, Du hast die italienische SASA protegiert und das wichtige PPP-Projekt Deiner deutschen Nahverkehrsindustrie abgelehnt, Du hast uns bei ANAC und AGCM angezeigt, Du hast im Gewerkschaftsstreit nie die Probleme der Unternehmerseite betrachtet, Du hast die Ausschreibung im Nahverkehr bewusst so konstruiert, dass SAD Fahrleistungen verlieren soll, Du hast uns den Vermögenswert des Busfuhrparkes ohne Gegenleistung enteignet (…). Die Liste ist so lang, dass mir die Lust zum Schreiben vergeht.“

Dann vertieft Gatterer den ethnischen Aspekt und seine SVP-Zugehörigkeit: „Und dabei habt ihr alle eines vergessen: Ich bin in meinem Herzen einer von euch – dem Edelweiß treu und verbunden. Ich habe diesen italianisierten und über Jahrzehnte faschistisch geprägten Sektor zu einem unsrigen gemacht. Dies ist gelungen durch unermüdlichen Einsatz. Dass Deine Politik die Antwort darauf ist, werde ich nie verstehen. Ich habe Dich sehr geschätzt – heute verachte ich Dich, denn das, was Dein Tun uns angetan hat, können diese Worte nicht beschreiben.“

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