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Freude & Burnout

Martin Haller und Giorgio Bergamo (Foto: lvh)

Das Südtiroler Handwerk freut sich über eine gute Umsatzentwicklung. Allerdings stünden die kleinen Betriebe kurz vor einem Bürokratie-Burnout.

Das laufende Jahr geht dem Ende zu. „Grund genug, um Bilanz zu ziehen, auf das Erreichte zurückzublicken und die zukünftigen Themen anzugehen“, findet der geschäftsführende lvh-Präsident Martin Haller.

Im Jahr 2018 hat es laut lvh es sehr viele positive Momente gegeben.

Die gute Auftrags- und Beschäftigungslage stimmt Arbeitgeber und Arbeitnehmer positiv. Die Investitionsbereitschaft und die Wachstumsmöglichkeiten wirken sich positiv auf die Wirtschaftsentwicklung aus.

„Das Handwerk befindet sich in einer bedeutenden Umbruchphase. Durch die veränderte Lebenswelt der Kunden und die neuen digitalen Möglichkeiten kommen im Handwerk neue Technologien, neue Materialen und innovative Anwendungen zum Einsatz. Die Vernetzungsmöglichkeiten werden immer größer. Heute lassen sich komplexe Bauprojekte bis ins kleinste Detail auf mehreren virtuellen Ebenen und von verschiedenen Schnittstellen aus digital nachvollziehen. Handwerker sind nicht nur spezialisierte Fertigerer, sondern Fachleute für moderne digitale Technologieprozesse geworden. Dank ihres Know-hows und der steten Neugier für Problemlösungen können neue Wege beschritten und Innovationen hervorgebracht werden“, erklärt Haller.

Das Fundament für diese Leistung bilde die Ausbildung im Handwerk. Besonders das in Italien einzigartige Modell der Dualen Ausbildung bringe ausgebildete Fachleute hervor.

Im heurigen Jahren wurden gleich mehrere Meilensteine für die Berufsausbildung umgesetzt. So startete im Herbst erstmals der Vorbereitungskurs für die Berufsmatura. Gleichwertig mit dem Bachelor soll zukünftig der Meisterbrief sein. In Zusammenarbeit mit der Südtiroler Landesregierung soll der Meisterbrief des Landes Südtirol dem Niveau 6 des italienischen Qualifikationsrahmens (NQR) und damit des Europäischen Qualifikationsrahmens (EQR) zugeordnet werden. „Damit wird die Gleichwertigkeit und Durchlässigkeit der akademischen und beruflichen Ausbildung immer mehr Realität und wir sprechen – egal ob berufliche oder akademische Ausbildung – von Ausbildungswegen erster Kategorie“, bringt es Haller auf den Punkt. Alte Klischees zum Thema Handwerk aus den Köpfen der Menschen zu verdrängen und die verschiedenen Karrieremöglichkeiten im Handwerk aufzuzeigen, ist eines der primären Ziele der Imagekampagne „Generation H“.

Einziger Wehrmutstropfen der gesamten Entwicklung ist, dass die Unternehmergewinne nicht im selben Maß zugenommen haben wie die die Auftrags- und Beschäftigungszahlen. Die Preise für die Arbeitsleistung selbst sind relativ niedrig, sodass es den Unternehmen nicht gelingt, die Preise auf ein Niveau anzuheben, um einen angemessenen Unternehmergewinn und Rücklagen für Investitionen und eventuelle Ausfälle zu schaffen.

Interessensvertretung stärken

Kleine Betriebe noch besser und effizienter zu vertreten auf lokaler, nationaler und europäischer Ebene gehört zu den wichtigsten Zielen für 2019. Europaweit sind über 90 Prozent der Unternehmen kleinstrukturiert. „Und dennoch sind die Maßnahmen, die für diese Unternehmerrealität definiert werden, immer noch unzureichend. Was nützt uns ein Small Business Act, wenn die Gesetze nur für die großen Konzerne geschrieben werden“, fragt lvh-Vizepräsident Giorgio Bergamo. In Südtirol darf man hoffen, dass mit dem Einzug von Gert Lanz ein neuer direkter Draht zur Politik für die Betriebe aller Wirtschaftssektoren entstehen wird. „Es gibt viele Themen, die wir in Angriff nehmen müssen. Die kleinen Betriebe stehen kurz vor einem Bürokratie-Burnout“, beklagt Bergamo.

Konkret geht es um die Vereinfachung von bürokratischen Auflagen, um die Nutzung von Steuerreduzierungsspielräumen, ein sinnvolles Jugendschutzgesetz und eine schlankere und schnellere Abwicklung von Förderansuchen. Fruchtbringende Lösungsansätze sind für den Fachkräftemangel erforderlich, welcher gleich wie in Österreich, Deutschland und der Schweiz auch hierzulande immer akuter wird.

2019: Die Zukunft entsteht aus der Gegenwart

Kfz-Mechatroniker begreifen Fahrzeuge als System, Elektrotechniker planen und installieren smarte Anwendungen im Sinne des Smart-Livings, Drohnen gehören für Dachdecker mittlerweile zu den gängigen Arbeitsmitteln. Kurzum: Die Digitalisierung wird das Handwerk auch in Zukunft verwandeln. Dabei bringen erfahrene Könner ihr Wissen und Traditionsbewusstsein ein und generieren so einen stetigen Innovationsprozess.

„Die Stärke des Handwerks liegt darin, für verschiedene individuelle Anfragen rasch eine Lösung auszudenken. Dank digitaler Mittel kann Bewährtes mit Neuem noch schneller, flexibler und individueller verbunden werden. Das Handwerk ist sehr wandlungsfähig und in der Lage, immer auf der Höhe der Zeit zu sein“, betont Martin Haller.
Bei diesem Prozess wird auch die Mobilität eine große Rolle spielen. Nicht nur in den Städten, wo z.T. bereits Dieselfahrverbote in Kraft sind und gerade Handwerker und Lieferanten vor neue Herausforderungen stellen. Auch die Entwicklung in der Automobilindustrie selbst bringt neue Technologien und Angebote auf den Markt. „Denken wir beispielsweise an autonom fahrende Busse oder assistenzgesteuerte Autos, an die logistischen Erfordernisse aufgrund des blühenden Online-Handels oder an die neuen Transportkapazitäten dank besserer Infrastrukturen wie den BBT.

Vorfahrt für KMU

Um Südtirols Betriebe auf ihrem Wachstumskurs zu unterstützen, will der lvh auch weiterhin gute Lobbyarbeit leisten. „In Südtirol müssen vor allem Standort- und Wettwettbewerbsnachteile ausgeglichen werden. Gerade dezentral gelegene Unternehmen sind auf gute Rahmenbedingungen angewiesen und darauf wollen wir gemeinsam mit der Politik hinarbeiten“, erklärt Haller. Fruchtbringend seien Maßnahmen zur Förderung der Realwirtschaft. Hierzu zählen auf Kleinbetriebe zugeschnittene Steuererleichterungen, Gesetze und Fördermittel, aber auch die Entwicklung einer neuen Ausbildungsstrategie. „Das Südtiroler Handwerk ist ein bedeutender Leistungsmotor, der zahlreiche Ausbildungs- und Arbeitsplätze generiert. Gleichzeitig ist das Handwerk der Spiegel unserer Gesellschaft: Geht es der Wirtschaft gut, geht es auch der Gesellschaft gut“, unterstreicht Martin Haller.

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