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Die Kehrseite des Booms

Weil Südtirols Wirtschaft immer mehr Italiener und Ausländer braucht, gibt es große Auswirkungen auf Verkehr, Wohnungsmarkt und Gesellschaft. Und im Falle eines Wirtschaftsabschwungs könnten soziale Probleme entstehen.

von Heinrich Schwarz

Der Boom auf dem Südtiroler Arbeitsmarkt lässt nicht nach. In Südtirol selbst werden die Unternehmen kaum noch fündig, sodass sie auf auswärtige Arbeitskräfte zurückgreifen müssen. Weit mehr als die Hälfte des Beschäftigungszuwachses geht mittlerweile auf Nicht-Südtiroler zurück.

Konkret: Rund 25 Prozent der neuen Beschäftigten sind Italiener ohne Wohnsitz in Südtirol. 35 Prozent sind Ausländer. Berücksichtigt man auch jene Ausländer, die inzwischen eingebürgert sind, sind es insgesamt über 43 Prozent.

Die Fragen, die der anhaltende Arbeitsmarkt-Boom aufkommen lässt:

Wie „gesund“ ist es für Südtirol – etwa im Hinblick auf Verkehr, Umwelt, Wohnungsmarkt und Raum –, wenn laufend so viele Arbeitsplätze geschaffen werden, dass man fast nur mehr auf Nicht-Südtiroler zurückgreifen kann? Was passiert, wenn die Wirtschaft nicht mehr so gut läuft und viele, die inzwischen in Südtirol mit der Familie sesshaft geworden sind, ihre Arbeit verlieren? Wie groß wären dann die sozialen (und für die öffentliche Hand finanziellen) Auswirkungen?

Zusammenfassend: Wie viel Wirtschaft – über die Ausschöpfung der eigenen personellen Ressourcen hinaus – tut Südtirol langfristig gut?

„Alles berechtigte Fragen“, sagt Stefan Luther, Direktor der Landesabteilung Arbeit. Der Arbeitsmarkt sei kein isolierter Bereich, sondern interagiere mit vielen anderen Bereichen wie Wohnungsmarkt, Verkehr, Schule, Sozialwesen oder Gesundheit. Und laut Luther wird aus einem anfänglichen „Arbeitsmarktphänomen“ ein „Gesellschaftsphänomen“ mit entsprechenden Auswirkungen auf die genannten Bereiche.

„Tatsache ist, dass wir attraktiv für Arbeitskräfte von außen waren und nach wie vor sind. Wir möchten jetzt genauer erforschen, wie sich die Gesellschaft arbeitsmarktbedingt verändert. Die zentrale Frage dabei lautet, wie viele Menschen, die vom Arbeitsmarkt angezogen werden, auf Dauer in Südtirol bleiben. Darüber wissen wir noch zu wenig. Es sind aber sicher einige“, erklärt der Abteilungsdirektor.

Grafik: Landesabteilung Arbeit

Die wichtigsten Auffälligkeiten in der Grafik

  • Im Sommer 2016 gab es erstmals einen besonders großen Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften. Neben den Südtirolern wurde dabei in besonderem Maß auf Ausländer zurückgegriffen, die bereits in Südtirol lebten. Zum Teil auch auf Italiener ohne Wohnsitz in Südtirol, während Ausländer ohne Wohnsitz in Südtirol noch keine Rolle spielten.
  • Im Sommer 2017 ein ähnliches Bild, wobei die Unternehmen verstärkt auf Italiener ohne Wohnsitz in Südtirol zurückgreifen mussten, um den Zusatzbedarf zu decken.
  • Im Sommer 2018 hielt der hohe Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften an. Allerdings war die Anzahl der verfügbaren Südtiroler deutlich begrenzter. Die Unternehmen waren erstmals sehr stark auf Ausländer ohne Wohnsitz in Südtirol angewiesen.

Für den Anfang wurde erhoben, wie sich der Bestand der Personen von außen – also jenen, die nicht in Südtirol geboren und aufgewachsen sind und aufgrund einer Beschäftigung nach Südtirol kommen – verändert hat: Im Jahr 2001 waren es 3.000 Personen. Mittlerweile sind es 46.000.

„Hinter dieser Veränderung des Durchschnittsbestandes steckt aber wahnsinnig viel Bewegung, die Spuren bei öffentlicher Verwaltung, Sozialwesen, Sanität, Schule usw. hinterlässt. So hatte die Südtiroler Gesellschaft in den letzten 17 Jahren nicht mit 43.000 Auswärtigen einen Erstkontakt, sondern mit 242.000“, betont Stefan Luther.

Man wolle auch diesen Aspekt in Zukunft besser ergreifen und verstehen, ob die Personen alleine oder mit ihrer Familie kommen, welchen Einfluss dies auf die Veränderung der Südtiroler Gesellschaft hat und wo sich die Personen von außen niederlassen. „Am Anfang gab es das Phänomen vor allem in den Städten – mittlerweile immer mehr auch in den Tälern“, so Luther.

Was nun, wenn es in Südtirol einen Wirtschaftsabschwung gibt? Würde dies die auswärtigen Arbeitskräfte in besonderem Maße treffen?

Stefan Luther: „Ein Abschwung wird früher oder später sicher kommen, weil das nun mal unser Wirtschaftszyklus ist. Der Arbeitsmarkt spürt einen Abschwung sehr schnell, vor allem die mittel- bis niedrigqualifizierten Berufe. Nun sind die auswärtigen Arbeitskräfte eher in diesen Bereichen beschäftigt, sodass es sein kann, dass sie von den Betrieben plötzlich nicht mehr gebraucht werden. Wenn sie sich nicht mittlerweile in Südtirol niedergelassen haben, gehen sie eben wieder weg. Aber wenn sie in der Zwischenzeit bei uns sesshaft geworden sind, sind sie Teil der Gesellschaft mit allen Rechten und Pflichten.“

Im nächsten Jahr will man bereits mehr darüber wissen, wie viele Personen von außen langfristig in Südtirol bleiben und damit die Wohnbevölkerung beeinflussen – und welche Qualifikationen diese Personen aufweisen.

„Wir haben momentan“, so der Abteilungsdirektor, „bestimmte Boom-Sektoren wie das Gastgewerbe, das sehr personalintensiv ist und viel Personal von außen anzieht. Diese Entwicklung funktioniert nur, wenn mit dem gleichen Schwung weitergewirtschaftet wird. Im Falle eines Abschwungs aber wird jener bestimmte Prozentsatz an Personen, die ihren Lebensmittelpunkt nach Südtirol verschoben haben, in der Phase der Rezession dem Sozialsystem in Südtirol zu Lasten fallen.“

Dies dürfe man aber nicht unbedingt dramatisch sehen – der Zuzug von Arbeitskräften sei nämlich zweischneidig: „Auch wenn bei einem Abschwung zu viele Personen da sind, so wird es diese wahrscheinlich mittel- und langfristig trotzdem wieder auf dem Arbeitsmarkt brauchen.“

Sicher sei auf jeden Fall, dass Dinge wie Verkehr, Wohnungsbedarf und Flächenverbrauch zunehmen und weiter zunehmen werden, weil es eine große Anzahl an Auswärtigen brauche, um den Arbeitskräftebedarf zu decken. In den letzten drei Jahren habe sich die Zunahme der Beschäftigten und damit der entsprechenden Auswirkungen beschleunigt.

Stefan Luther betont allgemein, dass das Arbeitskräfte-Potenzial in Südtirol noch nicht voll ausgeschöpft sei: „Gemeint ist die sogenannte stille Reserve, also Personen, die weder eine Arbeit suchen noch beschäftigt sind, die sich aber aktivieren lassen, wenn die Rahmenbedingungen passen. Man sollte also nicht nur auf Auswärtige setzen, sondern auch darauf schauen, den Südtirolern bessere Chancen zu geben, am Arbeitsmarkt teilzuhaben, indem der Arbeitsmarkt für sie attraktiv gestaltet wird.“

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