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Die Frau Professor

Mariasilvia Spolato (Foto: Carmelo Federico Setti/Fb)

Vor wenigen Tagen ist in Bozen eine Frau mit einer beeindruckenden Lebensgeschichte gestorben, die lange zum Stadtbild gehört hat: Mariasilvia Spolato. Ein Nachruf.

Von Arnold Tribus

Vor einigen Tagen ist in Bozen eine Frau gestorben, die lange Zeit zum Stadtbild gehört hat. Sie war dann plötzlich verschwunden und niemand wusste eigentlich, wohin sie gegangen war.

Dank eines schönen Nachrufes von Luca Fregona im „Alto Adige“ wissen wir, dass sie ihre letzten Jahre im Altersheim Villa Armonia verbracht hat, wo sie nach ihrem harten Leben auf der Straße noch schöne Tage verbringen konnte.

Die Frau heißt Mariasilvia Spolato, sie ist am 31. Oktober im Alter von 83 Jahren gestorben. Ihre Leiche wartet in einer Kühlzelle des Krankenhauses auf eine Beerdigung, zur Zeit versucht man Verwandte ausfindig zu machen, ansonsten wird wohl die Stadt Bozen für ihr Begräbnis aufkommen, eine Stadt, in der sie viele Jahre als Bettlerin gelebt hat, als Clochard, sie selbst sagte, sie sei eine Barbona.

Niemand weiß, warum sie nach langen Irrungen gerade in Bozen hängen geblieben ist. Sie bewegte sich immer in Bahnhofnähe, Hotel Laurin, hatte immer prall gefüllte Taschen bei sich, sammelte Zeitungen und Bücher, saß in einer Ecke und las. Und wenn es kalt wurde, zog sie sich auch in die Bibliothek zurück, denn die Bücher waren ihre Welt.

Mariasilvia Spalato ist ja nicht als Bettlerin geboren, im Gegenteil. Sie wurde in Padua geboren und hat Mathematik studiert und ihr Studium mit höchster Punktezahl und Auszeichnung, 110 e lode, abgeschlossen. Sie übersiedelte nach Rom, war zuerst bei Pirelli tätig um dann Universitätsprofessorin zu werden.

Sie hat Ende der 60-Jahre bei großen Schulbuchverlagen wie Zanichelli und Fabbri Lehrbücher für den Mathematikunterricht veröffentlicht. Eine schöne Hochschulkarriere, die dann aber unerwartet unterbrochen wurde, weil sich die Professorin etwas geleistet hat, was damals Sünde war: Sie hat erklärt, eine Frau zu lieben und lesbisch zu sein. Das war zu viel des Guten für die bigotte und verlogene Gesellschaft von damals.

Eine Universitätsprofessorin durfte nicht lesbisch sein, und wenn sie es war, durfte sie das nicht sagen. Eine Lesbe war für die Hochschule, aber auch für jede andere Schule nicht tragbar.

Sie verlor ihre Stelle und stand von heute auf morgen auf der Straße. Mariasilvia Spolato hatte immer für die Rechte von sexuellen Minderheiten gekämpft und viele Artikel verfasst. Als der jüdische Buchhändler aus Turin, Angelo Pezzana, die erste Schwulenbewegung „FUORI“ gründete, war Mariasilvia Spolato dabei.

Pezzana, dessen Bewegung dem Partito Radicale von Marco Pannella angegliedert war, der sich ja auch immer für die Rechte von Homosexuellen stark gemacht hat, war bekannt geworden, weil er einen Ärztekongress unterbrach und forderte, dass Homosexualität nicht weiter als Krankheit betrachtet werde. Mariasilva wurde als Kämpferin für die Rechte der Lesben bekannt.

Aber sie hat den Beruf verloren, ihre Familie hat sich von ihr losgesagt, zu groß war die Scham, die Frau, die sie geliebt, hat sie verlassen. Und damit beginnt ihr gesellschaftlicher Abstieg. Sie verliert die Wohnung, kommt eine Zeit bei Freuden unter und dann verbringt sie ihre Zeit in Zügen.

Sie fährt durch ganz Italien, durch ganz Europa, der Zug ist ihre Ersatzwohnung, sie wird zur Bettlerin, ungepflegt und ungewaschen ernährt sie sich von den Brotsamen der reichen Gesellschaft und landet schließlich in Bozen, wo sie dann ihre Zelte aufschlägt, lange Jahre ist der freie Himmel ihr Zelt, Ende der 90-Jahre wird sie eingewiesen, weil sie erkrankt und ihr Bein brandig wurde.

Ich kannte Mariasilvia, weil sie mich wiederholt auf der Straße angesprochen hat und immer um Zigaretten fragte. Ich war ja erstaunt, dass sie über mich so viel wusste.

Sie kenne Alexander Langer und mich, sagte sie. Sie wusste, dass ich ein Freund von Pannella war, auch sie sei radikal gewesen, meinte sie. Eine alte müde Kämpferin ist gegangen.

Wäre sie heute eine lesbische Professorin, würde kein Hahn krähen.

Mariasilvia sei Dank.

 

 

 

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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Kommentare (6)

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  • veit

    Großen Respekt vor dieser besonderen Frau!
    Möge sie nun in Wärme und Licht ihren Frieden
    finden und uns in liebevoller Erinnerung bleiben.

    Einen besonderen Dank an
    Arnold Tribus für die Veröffentlichung
    dieser besonderen Lebensgeschichte.

    • yannis

      erlaube mir Deinen Post anzuschließen !

      in meiner Wohn-Stadt, nicht Bozen, lebte lange Zeit ein ähnlicher hochintelligenter Mensch auf der Straße.
      Er gehörte zum Stadtbild, er lebte natürlich vom Betteln, aber auch von kleinen Dienstleistungen, wie komplexe Hausaufgaben gegen ein paar Münzen so mancher fauler Schüler zu schreiben, oder das bewachen des Kinderwagens von Müttern während diese im Geschäft waren.
      Da er selbst in den meisten Läden nicht rein durfte, war es ein leichtes sich bei ihn erkenntlich zu zeigen, eine Wurstsemmel und/oder eine Flasche Bier taten es immer.
      Wenn die „Hausaufgaben“ zu gut ausfiehlen, fragten die Lehrer schon: hat die „Rolf“ gemacht ?

  • goggile

    Danke für diesen Artikel, Herr Tribus.

  • rolandlang

    Lieber Herr Tribus, in diesem Fall schließe ich mich Ihrer Meinung an.

    Eine große Kämpferin hat uns verlassen, eine Kämpferin für die Menschenrechte!

    Pfiati, Frau Mariasilvia Spolato,

    DANKE für Deinen Einsatz!

  • mannik

    Lieber Arnold, dass sie sich von den „Brotsamen der reichen Gesellschaft“ ernährte, halte ich für ausgeschlossen. Es werden wohl eher die Brosamen gewesen sein… Der Ausdruck stammt aus dem althochdeutschen „brosama“, also kleiner Brocken, Krümel oder Zerriebenes.

  • robby

    Auch ich erinnere mich gut an diese – meist etwas sonderliche – Frau mit ihren prallgefüllten Taschen.
    Immer etwas barsch in ihrer Art, außer man schenkte ihr eine gute Zigarette.
    Als ich sie einmal am Bahnhof in Rom traf war ich erstaunt darüber dass sie mich erkannte.
    Schön, dieser Nachruf vom Tribus Arnold.

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