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Das Forscher-Treffen

Beim heurigen Südstern Health and Science Forum ging es unter anderem um das weit verbreitete Blasenkarzinom, neue Arznei, Tierversuche und Genforschung.

Einmal im Jahr treffen sich Südtirols Mediziner und Biologen, um sich ausführlich über Neues aus der Forschung auszutauschen, um die Kollegen am eigenen Berufsalltag teilhaben zu lassen, um Erfahrungen weiterzugeben. So war es auch heuer bei der 6. Ausgabe des Südstern Health and Science Forum Südtirol, das am Freitag an der Claudiana abgehalten wurde.

Sechs hochkarätige, spannende und zum Teil auch sehr persönliche Vorträge von renommierten Südtiroler Ärzten und Biologen und die traditionsmäßige Podiumsdiskussion begeisterten die mehr als 200 anwesenden Personen auf der ganzen Ebene.

Nach den einleitenden Worten von Moderator Peter Paal sprachen „Hausherr“ Klaus Eisendle (Präsident der Claudiana), Südstern-Präsident Hermann Winkler, Gesundheits-Landesrätin Martha Stocker und Roland Döcker (stellvertretender Sanitätsdirektor) die traditionellen Grußworte.

Eröffnet wurde das Südstern Health and Science Forum Südtirol schließlich von Alex Staffler, dem Direktor der Neonatologie und Neugeborenen-Intensivstation am Zentralkrankenhaus in Bozen. In seinem Vortrag sprach er über Fehlerkultur und Patientensicherheit. Staffler erklärte, dass Menschen als Kind einen völlig anderen Umgang mit Fehlern hätten als später im Erwachsenenalter.

„Irgendwann nutzen wir die Fehler nicht mehr, um wie als Kinder daraus zu lernen. Wir nehmen Fehler als Stigma wahr, wollen sie vertuschen oder geben sie nicht zu. Wir haben Angst davor, Fehler zu machen. Ängstliche Menschen werden aber nie etwas Originelles, etwas Großartiges schaffen“, sagte Staffler.

Um Fehler zu vermeiden, sei es wichtig, gewisse Arbeitsschritte immer und immer wieder zu trainieren. „So wie in der Formel 1, wo ein Reifenwechsel von einem Team innerhalb von wenigen Sekunden durchgeführt wird. Durch Training gewinnen wir an Sicherheit, das Stresslevel sinkt. Der Einsatz von Checklisten kann ebenfalls wesentlich dazu beitragen, das Fehlerlevel zu senken. Es gilt insgesamt, das gesamte System zu verbessern“, erklärte Staffler.

Blasenkarzinom extrem weit verbreitet

Evi Comploj, Fachärztin für Urologie und Kinderurologie am Zentralkrankenhaus Bozen und wissenschaftliche Leiterin der Landesfachhochschule für Gesundheitsberufe, referierte zum Harnblasenkarzinom des alternden Patienten in Südtirol. Es kommt europaweit in Italien am häufigsten vor, innerhalb von Italien ist Südtirol absoluter Spitzenreiter.

„Woran das liegt, ist leider noch nicht erforscht worden. Es kann an der alpinen Küche mit geräucherten Speisen liegen, an den Spritzmitteln in der Obstwirtschaft, aber auch an der Industrie in Bozen. Es wäre sicherlich eine interessante Studie“, so Comploj.

Die Fachärztin für Urologie und Kinderurologie am Zentralkrankenhaus gab Einblick in verschiedenste Studien, die anhand der klinischen Daten durchgeführt wurden. Sie gab ein Plädoyer dafür ab, alle an einem Blasenkarzinom erkrankten Patienten operativ zu behandeln. „Ausschlaggebend für eine Operation darf nicht sein, wie lange ein Patient noch lebt, sondern wie komfortabel. Schließlich geht es auch darum, in Würde zu sterben“, so Comploj.

Arznei-Entwicklung kostet eine Milliarde

Über die Rolle von computerbasiertem Wirkstoffdesign in der Arzneimittelentwicklung sprach hingegen Christoph Sotriffer. Der Chemiker am Institut für Pharmazie und Lebensmittelchemie der Universität Würzburg Am Hubland führte aus, dass die Entwicklung einer neuen Arznei zirka eine Milliarde Euro kostet. Bis sie auf den Markt kommt, würden zwei bis drei Jahre vergehen.

„Eine Schwierigkeit bei unserer Forschung ist, dass der chemische Suchraum riesig ist. Es ist wie die Suche einer Nadel im Heuhaufen, nur dass dieser Heuhaufen kosmische Dimensionen hat. Die Angriffspunkte sind außerdem dynamisch, die Umgebung ist sehr komplex. Und dann sind die Gesetzmäßigkeiten der Wechselwirkung auch noch sehr kompliziert“, so Sotriffer.

Organe von einer Maschine „optimiert“

Forschung in der Anästhesie betreibt Gabriel Putzer. Und das auch noch sehr erfolgreich. Denn der Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, bzw. Notarzt an der Universitätsklinik Innsbruck hat in den vergangenen drei Jahren sechs Arbeiten eingereicht, die allesamt ausgezeichnet wurden. Putzer berichtete von der Forschung an einem verunglückten Skitourengeher und wie durch die Zufuhr von Adrenalin die Sauerstoffzufuhr im Gehirn erhöht werden konnte.

Besonderes Augenmerk legt Putzer auch auf die Forschung im Bereich der Transplantationsmedizin. „Es ist Fakt, dass sowohl Spender, als auch Empfänger immer älter werden. Anhand neuester Maschinen können wir die Organe der Spender ‚optimieren‘, bevor wir sie den Empfängern transplantieren“, sagte Putzer, der betonte, dass man in der Forschung nicht gänzlich auf Tierversuche verzichten könne.

„Tierversuche müssen von verschiedenen Stellen, unter anderem Ethik-Kommissionen genehmigt werden. Nicht jeder kann einfach so einen Tierversuch durchführen. Im vergangenen Jahr wurden in Österreich rund 260.000 Tiere, vorwiegend Mäuse, für Tierversuche eingesetzt. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum wurden fünf Millionen Schweine und 80 Millionen Hühner geschlachtet“, nannte Putzer konkrete Zahlen.

Zusammenspiel zwischen Medizin und Informatik

Informatik und Medizin verbindet der Träger des Südtiroler Forschungspreises, Bioinformatiker Christian Fuchsberger. Er sprach über „Meine Genforschung.“ Fuchsberger arbeitet und forscht am Institut für Biomedizin an der EURAC. In seinen Ausführungen gab er einen Überblick darüber, wie sich die Genforschung in den vergangenen Jahren verändert hat.

„Die Zahl der Probanden und die Größe der Datensätze hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Glücklicherweise nahm auch die Rechnerleistung drastisch zu, ansonsten müssten wir Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte auf die Auswertung der Daten warten“, so Fuchsberger.

Der Bionformatiker gab zudem Einblick in die Chris-Studie, die von der EURAC durchgeführt wurde. Im gesamten Vinschgau ließen bis dato 13.000 Menschen ihre Genome untersuchen. Das wissenschaftliche Ziel der Studie ist es herauszufinden, welche Umwelteinflüsse und welche genetischen Faktoren für verbreitete Erkrankungen in Südtirol verantwortlich sind.

Der Schwerpunkt liegt dabei auf Herzkreislauferkrankungen, neurologischen und Stoffwechselerkrankungen sowie auf Krebserkrankungen. Die Forschungsergebnisse sind von großem Wert für die internationale Wissenschaftsgemeinschaft.

„Die Entwicklung neuer Methoden zur Auswertung von Daten ist ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit. Ich habe eine Methode zum Auslesen des Genoms entwickelt, die 40 Euro anstelle von 1.000 Euro kostet“, schloss Fuchsberger ab.

Das Helicobacter Pylori ausrotten

Abgeschlossen wurde das 6. Südstern Health and Science Forum Südtirol mit einem sehr unterhaltsamen Vortrag von Peter Malfertheiner. Der Direktor in Ruhestand der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektiologie Magedburg präsentierte seine Erkenntnisse über die zentrale Bedeutung für Gesundheit und Krankheit des Magen-Darm-Mikrobioms.

Malfertheiner warnte nicht nur vor der Einnahme von Antibiotika, um die Darmflora zu schützen, sondern auch vor Emulgatoren, die sich in vielen Speisen befinden und die Darmflora ebenfalls angreifen würden. Es gebe Studien, die die Auswirkung der Darmflora auf Autismus, Parkinson oder Alzheimer nachweisen würden.

„Unser Ziel ist die Ausrottung des Helicobacter Pylori. Möglicherweise wird es eines Tages einen Impfstoff geben. Auch an unserem Institut haben wir im Rahmen einiger Studien daran gearbeitet“, so Malfertheiner, der den Anwesenden Bewegung, gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf empfahl.

Abgeschlossen wurde das Forum mit der traditionsgemäßen Diskussionsrunde zum Thema „Forschung und Sanität in Südtirol. Herausforderungen und Perspektiven im Gesundheitssystem Südtirol.“ Hier waren sich alle Beteiligten einig, dass Südtirol mehr Wert auf Forschung legen sollte. Die Forschung könne in den vorhandenen Strukturen erfolgen, etwa anhand klinischer Daten.

„Dass Südtirol einmal ein breit angelegtes, internationales Forschungszentrum wird, wage ich zu bezweifeln. Auch eine eigene Medizinfakultät halte ich nicht für erstrebenswert. Südtirol soll sich auf seine eigenen Stärken besinnen, gleichzeitig aber die Vernetzung ankurbeln“, sagte Professor Malfertheiner in diesem Zusammenhang abschließend.

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