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Der Schwazer-Krimi

Der Science-Krimi um eine mögliche Manipulation von Alex Schwazers Urin-Proben geht weiter: Bis Juni 2019 soll ein vertiefendes Gutachten von Giampietro Lago vorliegen. 

von Thomas Vikoler

Der Mann, der nun eine zweite Chance erhält, einen Science-Krimi zu lösen, hatte sich vor einem Monat äußerst skeptisch gezeigt: Giampietro Lago, Chef des RIS-Labors in Parma, erklärte weitere Untersuchungen zur Doping-Causa Schwazer am 14. September bei der Verhandlung zum Beweissicherungsverfahren am Landesgericht Bozen für „nicht zielführend“.

Nun hat Lago, keineswegs überraschend, von Voruntersuchungsrichter Walter Pelino dennoch den Auftrag für ein ergänzendes Gutachten erhalten. Am 9. November wird Lago erneut vereidigt, bis Juni kommenden Jahres sollten die Untersuchungen abgeschlossen sein.

Das Verfahren um die möglicherweise manipulierten Urin-Proben von Alex Schwazer geht also weiter, die Hoffnung des Geh-Olympiasiegers auf eine Entlastung bleibt aufrecht. Lagos erstes Gutachten hatte jedenfalls keine plausible Erklärung für die hohe DNA-Konzentration in der B-Probe vom 1. Jänner 2016 gebracht. Mit 2501 Pikogramm pro Mikroliter lag der Wert rund 20 Mal höher als jener der Urin-Probe, welche Schwazer im April dieses Jahres im Rahmen von Lagos 100-Personen-Experiment entnommen wurde. Aber auch gut dreimal höher als in der A-Probe.

In Lagos Experiment hatte sich gezeigt, dass die DNA-Konzentration im Urin der Testpersonen stark voneinander abweicht: Von 0 bis 8.762 Pikogramm/Mikroliter. Dabei fiel allerdings auf, dass bei den älteren Testpersonen die höchsten Werte nachgewiesen wurden, während ein Großteil der Jüngeren einen Wert von weniger als 2.501 aufwies.

Aus diesem Grund soll Lago nun herausfinden, ob das Alter bei der Geschwindigkeit des DNA-Abbaus eine Rolle spielt.

Noch wichtiger ist allerdings die Frage, mit welcher Geschwindigkeit die Konzentration des DNAs in Schwazers Urin abgenommen hat. Dabei spielt nicht nur der zeitliche Faktor eine Rolle, sondern auch die Art der Konservierung der Probe (Einfrieren, Behandlung mit Infrarot-Strahlen usw.).

„Es soll herausgefunden werden, warum die Konzentration in den verschiedenen Proben so unterschiedlich ist“, schreibt Richter Pelino in seiner Verfügung zum ergänzenden Gutachten.

Schwazers persönliche Theorie dazu lautet: Die B-Probe, die erst nach einem längeren juristischen Hickhack vom Kölner Labor herausgegeben wurde, könnte ebendort nachträglich geöffnet und – um eine Beigabe von Testosteron zu kaschieren – mit seinem eigenen Urin aus früheren Dopingtests versetzt worden sein.

Doch um dies zweifelsfrei nachzuweisen, hätten im Rahmen des Beweissicherungsverfahrens auch die älteren Proben „ausgeliefert“ werden müssen. Die Staatsanwaltschaft Bozen hat diesbezüglich aber keine Bemühungen unternommen.

Und so besteht die Aussicht, dass auch in Lagos zweiter Untersuchung eine Manipulation nicht feststellbar ist. Das Ergebnis dürfte aber auf jedem Fall dazu ausreichen, Schwazer vor einer Anklage wegen Dopings zu bewahren.

Richter Pelino verlangt in seiner Verfügung die Anwendung einer verfeinerten Methode (NGS), um die Anwesenheit fremder DNA aufzuspüren (siehe Kasten), aber auch eine Untersuchung darüber, ob sich durch das Öffnen und Schließen von Urin-Proben Unterschiede in der DNA-Konzentration ergeben könnten.

Letztlich geht es um die Frage, welche DNA-Konzentration Schwazers Proben am 1. Jänner 2016, dem Tag der Entnahme, aufwiesen. Eine schwierige Rückwärtsrechnung mit mehreren Variablen. Und am Ende wohl keine definitive Gewissheit.

 

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