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„Wie eine Betonwatschn“

Der „Erlkönig“ Gustav Kuhn versinkt immer tiefer im Missbrauchs-Sumpf. Wie der Mann reagiert, der die Lawine losgetreten hat.

von Artur Oberhofer

Am 28. September dieses Jahres setzten der Ex-Chefbühnenbildner der Festspiele in Erl, Jan Hax Halama, und der ehemalige Marketingchef in Erl, Christoph Ziermann, ihre Unterschrift unter eine „Solidaritätserklärung“ und unterstützten die Forderung nach einer „definitiven Entlassung Gustav Kuhns aus allen Funktionen des Festspielbetriebes von Erl“.

„Auch wir Männer“, so heißt es in dem Brief, „die wir unter Gustav Kuhn in Erl tätig waren, haben dort übergriffiges Verhalten in vielerlei Hinsicht und strukturelle Gewalt gegenüber Frauen und Männern erlebt.“

Die Wiener Nachrichtenmagazin „profil“ hat nun nicht nur das von acht Musikern und Ex-Angestellten der Tiroler Festspiele Erl unterzeichnete Solidaritätsschreiben veröffentlicht, sondern auch die neuen Anschuldigungen von zwei Künstlerinnen gegen Maestro Gustav Kuhn. Der „Erlkönig“ war bereits im Juli dieses Jahres in einem „Offenen Brief“ von Künstlerinnen des sexuellen Missbrauchs beschuldigt worden.

Im „profil“ berichten die Mezzosopranistin Julia Oesch und die Opernsängerin Manuela Dumfart über sexuelle Übergriffe durch Kuhn, die sich im Kloster „Convento dell’Angelo“ mit Blick auf die Stadt Lucca ereignet haben sollen.

Julia Oesch erzählt, Gustav Kuhn habe ihr – Zitat – „im sogenannten blauen Salon (des Klosters) aus dem Nichts heraus zwischen die Beine gegriffen und versucht, sie zu küssen und unter ihrem Pullover nach ihrer Brust gegriffen“. Manuela Dumfart berichtete:

„ Als wir in seinem Haus waren, wurde er ganz klar handgreiflich. Er hätte mich vergewaltigen können. Die allerletzte Gewalt wandte er aber nicht an, als er merkte, wie heftig meine Gegenwehr war.  Er ließ mich laufen, er war extrem grob.“

Gustav Kuhn hat zu den neuen Vorwürfen bislang nicht Stellung bezogen. Sein Anwalt sprach von einer „unwürdigen Menschenhatz“.

Für den inzwischen suspendierten Maestro dürfte nach diesen Enthüllungen wohl endgültig die Götterdämmerung angebrochen sein.

Den Fall Kuhn hat der Tiroler Blogger Markus Wilhelm (oben im kleinen Bild links) mit seinen Enthüllungen auf der Internetseite „dietiwag.org“ ins Rollen gebracht. Der Maestro und sein Mäzen, der Bauindustrielle Hans Peter Haselsteiner, überzogen Wilhelm mit Klagen und wollten ihn mundtot machen.

TAGESZEITUNG Online: Herr Wilhelm, was sagen Sie zu den Enthüllungen im „profil“?

Markus Wilhelm: Die Schilderungen der beiden Opfer sind sehr beeindruckend. Und auch die Solidaritätserklärung der Männer muss für Kuhn und Co. einer Betonwatschn gleichkommen.

Kuhn ist inzwischen suspendiert worden. Empfinden Sie Genugtuung?

Null. Um Genugtuung geht es da überhaupt nicht. Sondern darum, dass diese unhaltbaren Zustände in Erl abgestellt werden. Und soweit sind wir noch nicht.

Kuhn und sein Mäzen Haselsteiner haben Sie massiv bekämpft. Erwarten Sie sich von Haselsteiner eine Entschuldigung?

Nein. 

Was bedeutet die neue Entwicklung für Ihre Prozesse?

Gar nichts bedeutet das. Alle acht offenen Verfahren laufen weiter. 

Die „seriösen“ Tiroler Medien, vor allem die TT, haben Ihre Enthüllungen nicht unbedingt wohlwollend begleitet bzw. lange totgeschwiegen oder bagatellisiert. Warum?

Die „TT“ hat mich, glaube ich, seit 2010 kein einziges Mal mehr zitiert.

Warum das?

Ich hatte damals dem Chefredakteur Mario Zenhäusern in der Sache mit dem Unfall des stockbesoffenen Ex-Landeshauptmanns Alois Partl die Zeitungsente des Jahres nachgewiesen und ihn damit in aller Öffentlichkeit zu Tode blamiert. Auch habe ich den Geschäftsführer der Moser-Holding, Hermann Petz, der ein Buch geschrieben hat, als Plagiator entlarvt. Ich weiß aber von vielen „TT“-Mitarbeitern, dass sie elendiglich unter dem dezidierten Verbot, meinen Namen in der Zeitung zu nennen, leiden, weil sie unter schlimmen Verrenkungen meine Geschichten übernehmen müssen.

Wie reagieren andere KollegInnen?

Wenn man innerhalb weniger Wochen zwölf Klagen zugestellt bekommt, dann wäre vielleicht ein bisschen mehr Solidarität angenehm, aber ich bin ja auch nicht der, der selber pfleglich umgeht mit den Medien. Insofern ist die Zurückhaltung schon verständlich. Aber dass sich zum Beispiel Reporter ohne Grenzen um nichts kümmert, was innerhalb der Staatsgrenzen passiert, ist schon seltsam. Würde ich dasselbe, was ich hier erlebe, in Ungarn erleben, würde das vermutlich sehr ernst genommen und zum Thema gemacht.

Die Entwicklung im Fall Kuhn ist für Sie ein Vertrauensschub?

Über die vielen Jahre hinweg haben Leute aller Schichten großes Vertrauen in mich gewonnen. Das ist mein Kapital, mein einziges. Sie wissen auch, da ist noch nie ein Informant aufgeflogen. Auch dann nicht, wenn ich vor Gericht gestanden bin, auch nicht bei einem Streitwert von 500.000 Euro.

Markus Wilhelm (r.) mit seinem Anwalt vor Gericht (Foto: ORF Tirol)

Was treibt Sie an?

Ich bin kein Getriebener bin. Mir geht es um den Spaß an der Freude. Der „Falter“ hat kürzlich geschrieben, ich sei „mehr Aktivist als Journalist“. Das trifft es ziemlich gut.

Wie ist das Feedback?

Momentan werde ich geradezu geflutet mit Balsam, der steht knöcheltief in meiner Wohnung. Seltsam an den vielen Zuschriften ist jedoch, und das macht richtig traurig, dass der größte Teil der Belobigungen anonym daherkommt. Das sagt sehr viel über das Klima im Land aus.

Sie haben in einem Interview mit der „Presse“ erzählt, dass oft auch Leute vor Ihrer Haustür stünden mit einer Flasche Wein oder einem riesigen frisch gebackenen Apfelstrudel.

Richtig! Und jetzt fragen auch Sie mich, ob ich diese Geschenke annehme?

Richtig!

(lacht) Soll ich die 70-jährige Frau mit dem noch warmen Apfelstrudel abweisen?

 

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