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Billiger Trick

Die Freiheitlichen-Kandidaten haben bei den zwei Podiumsdiskussionen der Tageszeitung „Dolomiten“ in Kaltern und Bruneck in der Publikumsgunst überraschend stark abgeschnitten. Weil geschwindelt wurde.

von Artur Oberhofer

Es war am vergangenen Mittwochabend.

Im Michael-Pacher-Haus in Bruneck fand die zweite Diskussionsrunde der Tageszeitung „Dolomiten zu den Landtagswahlen statt. Obschon das Medienhaus Athesia eifrig die Werbetrommel gerührt hatte, waren – so wie eine Woche zuvor in Kaltern – überraschend wenige Zuschauer gekommen.

In der Rienzstadt waren es knapp 50.

Doch diese 50 politisch Interessierten erlebten eine Polit-Posse der besonderen Art.

Kurz nach 21.00 Uhr wurden auf einem Riesen-Bildschirm die Säulendiagramme mit den Ergebnissen der Saalumfrage projiziert.

In Bruneck gab es einen klaren Sieger!

Mit 38 Prozent der Stimmen schnitt der – in der Diskussion ziemlich blasse und nicht gerade als Meisterredner bekannte – freiheitliche Kandidat Hannes Zingerle sensationell gut ab. Die SVP-Landesrätin Waltraud Deeg, selbst eine Bruneckerin, kam bei ihrem Heimspiel nur auf 30 Prozent der Stimmen. Der STF-Mann Matthias Hofer musste sich mit 11 Prozent begnügen.

Bereits eine Woche zuvor, bei der ersten „Dolomiten“-Diskussionsrunde in Kaltern, hatte der Vertreter der Freiheitlichen bei der Saalabstimmung ganz klar gewonnen. Florian von Ach bekam 30 Prozent der Stimmen! Der Zweitplatzierte, Peter Kasal vom Team Köllensperger, kam nur auf 19 Prozent der Stimmen.

Der SVP-Kandidat Reinhard Zublasing wurde nur von 12 Prozent der Saalgäste gewählt.

Sowohl in Kaltern als auch am vergangenen Mittwoch in Bruneck wurden sofort nach der Veranstaltung Stimmen laut, dass diese Saalabstimmungen von außen gesteuert und sogar manipuliert worden sein könnten.

Der TAGESZEITUNG liegen vertrauliche Informationen vor, die darauf schließen lassen, dass tatsächlich geschummelt wurde. Die Saalabstimmungen in Kaltern und Bruneck waren demnach gefaked – und zwar genau von jener Partei, die in Zusammenhang mit unangenehmen Nachrichten so gern von Fake News und Lügenpresse spricht.

Die Fakten: Die Wahlstrategen bei den Freiheitlichen haben offenbar ein System gefunden, mit dem sie ihre Kandidaten bei den Saalabstimmungen künstlich pushen können.

Wie funktioniert die Methode?

Bei den „Dolomiten“-Diskussionsrunden werden die Saalgäste zu Beginn der Veranstaltung darauf hingewiesen, dass sie mitstimmen können. Einmal zu Beginn der Diskussionsrunde. Und – nach der Performance der Kandidaten – zum Schluss der Veranstaltung.

Die Fragestellung: Welchem Kandidaten auf der Bühne würden Sie heute Ihre Stimme gegeben?

Die Abstimmung funktioniert so: Die Gäste im Saal könnten sich mit ihrem Handy oder Tablet auf einer Internetseite – www.menti.com– einloggen. Das erforderliche Passwort erscheint groß auf dem Riesenbildschirm.

Im Fall der Podiumsdiskussion in Bruneck lautete das Passwort: 24809.

Die erste Abstimmung wurde zu Beginn der Diskussion durchgeführt. Bei dieser ersten Abstimmung kam der Freiheitliche Hannes Zingerle auf 44 Prozent der Stimmen, Waltraud Deeg auf 21 Prozent.

Beobachtern vor Ort fiel bereits zu diesem Zeitpunkt auf, dass sich an dieser ersten Saalabstimmung 63 Personen beteiligten, obwohl nur deren 50 im Saal saßen – und einige ältere Herrschaften hatten gar kein Handy bei sich.

Nach einer Stunde konnten die Saalgäste über die Frage abstimmen, ob Südtirol für die digitale Zukunft gerüstet sei.

An dieser Abstimmung nahmen nur mehr 49 Zuschauer teil.

An der Schlussabstimmung kurz nach 21.00 Uhr nahmen dann wieder 66 Personen teil – obwohl nur knapp 50 im Saal waren.

Mit 38 Prozent der Stimmen war der blasse Blaue Hannes Zingerle der große Sieger!

F-Fraktionschefin Ulli Mair schickte dem Pusterer später via Facebook ein „Bravo, Hannes“ und schrieb, Zingerle habe mit seinen „richtigen freiheitlichen Positionen“ das Publikum überzeugen können.

Nun stellt sich heraus, dass nicht Zingerles „richtige Positionen“ den Ausschlag gegeben haben, sondern blaue Strategen, die die Abstimmung von außen gesteuert haben.

Die Diskussion in Bruneck (mit der Anzeige der 66 Abstimmenden) – Foto: Facebook

Der TAGESZEITUNG liegen eidesstattliche Erklärungen vor, aus denen hervorgeht, dass sich Spitzenvertreter der Freiheitlichen, die am Mittwoch gar nicht in Bruneck anwesend waren, kurz nach 19.00 Uhr von Parteifreunden den Zugangscode zur Abstimmung haben whatsappen lassen. Daher ist anzunehmen, dass die rund 20 Stimmen, die nicht von Saalgästen stammen können – weil nur deren 50 im Pacher-Haus waren –, von Freiheitlichen-Sympathisanten von außen abgegeben wurden.

Brisant: Auch Freiheitlichen-Obmann Andreas Leiter-Reber hat sich am Mittwochabend den Code schicken lassen.

Zahlenmäßig lässt sich die Mogelei ebenfalls dokumentieren.

Im Michael-Pacher-Haus in Bruneck saßen am Mittwochabend sechs Freiheitliche im Publikum. Unter den (mitstimmenden und) anwesenden 47 Gästen im Saal betrug der Anteil der Blauen also 13 Prozent.

An der Schlussabstimmung nahmen allerdings 66 Personen teil. Da man annehmen kann, dass diese 19 überschüssigen Stimmen von 19 blauen Sympathisanten von außerhalb gekommen sind, kommt man auf insgesamt 25 blaue Stimmen – das wären 38 Prozent.

Mit genau diesem Wert hat Hannes Zingerle die „Saalwette“ gewonnen.

Die TAGESZEITUNG hat F-Obmann Andreas Leiter mit den Rechercheergebnissen konfrontiert. Der Parteichef bestätigt, dass er sich am Mittwoch den Code habe schicken lassen. Leiter Reber: „Ja, das stimmt, ich dachte, das sei ein Online-Voting.“

Nachfrage: Wie könne er an einer Abstimmung über die Performance von Kandidaten teilnehmen, wenn er selbst gar nicht im Saal sei.

Der F-Obmann: „Ich war der Meinung, es sei eine Online-Abstimmung.“

 

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