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Das Schildkröten-Problem

In Südtirols Seen schwimmen immer mehr ausgesetzte Schildkröten. Warum das ein Problem für die Fischbestände ist und was dagegen unternommen wird.  

von Ariane Perktold

Ausgesetzte Schildkröten sind eine Gefahr für die Fische in Südtirol. Der Grund: Die „in Freiheit entlassenen Tiere“, die ihren Besitzern keinen Spaß mehr bereiten, sogenannte nordamerikanischen Buchstabenschildkröten, bedrohen aufgrund ihrer Nahrungsgewohnheiten die Fischbestände in Südtirols Gewässern.

Die große Zahl an Schildkröten in Südtirols Gewässern ist zwar nicht neu, aber dennoch problematisch. „Die vielen Schildkröten gibt es bei uns schon seit x Jahren“, informiert Ivan Plasinger vom Südtiroler Herpetologen-Verein Herpeton.

Der italienische Staat versuchte schon früher, gegen die große Anzahl von Schildkröten vorzugehen. So wurde der Verkauf von Rotwangenschildkröten in Italien vor einiger Zeit gesetzlich verboten. Jedoch gibt es von dieser Schildkrötenart zahlreiche Unterarten, deren Verkauf nicht vom Gesetz untersagt wird. Dadurch wurde das Problem also nicht gelöst.

Jetzt war vorgesehen, dass alle Schildkrötenbesitzer ihre Haustiere beim zuständigen Amt in Rom bis 14. August 2018 melden sollten. Diese Verordnung erfolgte jedoch sehr kurzfristig und wurde inzwischen wieder aufgehoben.

Die neue Frist: 31. August 2019. Bis dahin sind alle Schildkröten zu melden. Die Meldung erfolgt kostenlos und dient dazu, eine Erhebung über den Schildkrötenbestand in Italien zu erstellen.

Der Verein Herpeton hat das Problem mit den Schildkröten schon vor vielen Jahren erkannt und startete verschiedene Projekte. Eines davon befindet sich in St. Anton bei Kaltern. Dort wurde gemeinsam mit dem Amt für Landschaftsökologie, der Forstwirtschaftsbehörde und dem Tierheim Sill ein Auffangbecken für Schildkröten erbaut – ohne Gefahr für Fische.

„Die Schildkröten haben starke Vorder- und Hinterbeine und graben damit unter der Erde. Der Teich wurde daher ober- und unterirdisch eingezäunt“, erklärt Plasinger. Privatpersonen können sich bezüglich ihrer Schildkröte beim Tierheim Sill melden. Dort werden die Schildkröten mit einem Chip versehen, für ein paar Tage lang beobachtet und dann in den Teich entlassen. Einen weiteren kontrollierten Teich gibt es in der Gemeinde Tirol.

Ein Problem entsteht nur dann, wenn Schildkrötenbesitzer ihre Haustiere in Seen und Tümpeln aussetzen. „Wenn sich in einem Weiher viele Schildkröten befinden, dann fressen sie den Weiher leer. Solange sie jung sind, fressen sie Fleisch. Wenn sie heranwachsen, fressen sie Pflanzen“, informiert der Herpetologe Plasinger. In jenem Fall werde das ökologische Gleichgewicht gestört.

Der Verein Herpeton überprüft daher in Zusammenarbeit mit dem Tierheim Sill, der Forstwirtschaftsbehörde, dem Amt für Jagd und Fischerei und den betroffenen Gemeinden, in welchen Gewässern sich Jungschildkröten befinden. Die Schildkröten werden dann gefangen, mit einem Chip versehen und in die kontrollierten Weiher gebracht.

Kann das Problem dadurch gelöst werden oder vermehren sich die Tiere zu schnell? „Schildkröten legen Eier. Wenn die nordamerikanische Buchstabenschildkröte schlüpft, dann braucht sie zwei Monate, um sich Reserven für die Überwinterung anfressen. Außerdem ist bei uns der Winter in vielen Fällen zu lang für das Überleben der jungen Schildkröten. Viele werden auch von Hechten gefressen. In Südtirol stirbt daher ein großer Prozentsatz der Jungtiere“, erläutert Plasinger. Von einer Schildkrötenplage kann laut Plasinger also nicht die Rede sein. Dazu könne es aber kommen, wenn „stuffe“ Besitzer ihre Tiere weiter aussetzen.

Bleibt noch die Frage, wie viele Schildkröten es denn konkret in Südtirol gibt. Erhebungen gibt es aktuell noch keine, weswegen die genaue Zahl unbekannt ist. „Ein Prozent der Südtiroler Bevölkerung hält ein exotisches Haustier, also ungefähr 5.400 Personen. Wie viel davon Schildkröten besitzen, weiß man nicht“, schließt Plasinger. Er selbst schätzt auf ungefähr 2.000 Schildkrötenbesitzer.

„Am besten ist es, die Tiere gar nicht zu kaufen“, so Plasinger. Man müsse sich zuerst darüber im Klaren sein, dass ein Tier viel Arbeit bedeutet: „Eine Schildkröte lebt 40 Jahre lang. Das ist mehr wie manch eine Ehe.“

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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