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„Pseudo-Verkehrsberuhigung“

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„Der Druck von Tourismus und Gemeinden hat gesiegt“, kommentieren die Grünen die neue Verkehrsstrategie für das Sellajoch. Auch vom Umwelt-Dachverband kommt heftige Kritik.

„Nach dem zaghaften Versuch 2017, einer Uralt-Forderung von Umwelt- und Heimatschützern nachzukommen und den lärm- und abgasgeplagten Dolomiten ein wenig Verkehrsberuhigung zu gönnen, kommt heuer ein lauer Kompromiss. Vom 23. Juli bis 31. August folgt eine grundsätzliche Schließung zwischen 9.00 und 16.00 Uhr, die zwar Kontingentierungen vorsieht, aber wohl niemanden abweist, zusätzlich gelockert durch viele Ausnahmen“, kommentieren die Grünen Landtagsabgeordneten Hans Heiss, Brigitte Foppa und Riccardo Dello Sbarba die diesjährige Verkehrsstrategie für das Sellajoch (siehe https://www.tageszeitung.it/2018/06/23/beschraenkter-verkehr/).

Sie sprechen von einer „Pseudo-Verkehrsberuhigung am Sellajoch“.

Das 2017 „zaghaft beschrittene“ Projekt einer Schließung an einem Wochentag laufe als Alibihandlung weiter, „um den Widerstand der Wirtschaftstreibenden abzumildern, der im Vorjahr auch prompt gekommen ist und im Wahljahr besonders gefürchtet wird“, so die Grünen.

Die grünen Abgeordneten Hans Heiss, Brigitte Foppa und Riccardo Dello Sbarba

Die Natur begnüge sich aber nicht mit Halbheiten oder Viertellösungen. „Nach der ersten Testphase wäre es fällig gewesen, wirkungs- und sinnvolle Folgemaßnahmen zu setzen. Dies hätte bedeutet, die Passsperre auszudehnen, in einem Ausmaß und einer Form, um eine wirkliche Umsteuerung des Dolomiten-Tourismus zu ermöglichen. Nur dann, wenn kein Ausweichen auf andere Tage oder Routen möglich ist, werden sich Gäste für eine andere Urlaubsgestaltung entscheiden“, betonen die Grünen.

Dies wieder könne die Touristiker dazu ermutigen, auf nachhaltige Angebote umzurüsten. Nur so werden laut den Grünen auf lange Sicht alle zu gewinnen haben: Landschaft, Natur, Einheimische und Gäste.

„Aber“, ärgern sich Hans Heiss und Co., „der Tourismus in Südtirol betet nur ein Mantra herunter: Wachstum ohne Grenzen, koste es, was es wolle.“

Für echten Fortschritt brauche es aber ein mutiges Gesamtkonzept und breite Schultern der Verantwortlichen, um dies auch politisch voranzutragen. „Wir hätten uns solche Schritte von Landesrat Theiner erwartet – in seiner letzten Amtsphase kann er sich das auch leisten“, meinen die Grünen.

Sie erklären: „Die minimalistischen Sperrungen wirken wie die berühmte weiße Fahne gegenüber dem anhaltenden Verkehrsdruck. Und sie machen deutlich, mit wie wenig Mut diese Landesregierung auch dazu bereit sein wird, dem weiteren Wachstum der Transitlawine entgegenzutreten.“

Kritik vom Dachverband

Auch der Dachverband für Natur- und Umweltschutz hat mit der heurigen Strategie für den Verkehr auf den Dolomitenpässen keine Freude. „Ein weiteres Jahr nur Experimente“, kommentieren Präsident Klauspeter Dissinger und Geschäftsführer Andreas Riedl.

Sie schreiben in einer Aussendung:

„Auch heuer wieder wird es keine umfassende Verkehrsberuhigungen auf den Passstraßen im UNESCO-Weltkulturerbe-Gebiet geben. Maßnahmen gibt es weiterhin nur am Sellajoch und dies auch nur an insgesamt 30 Tagen. Die Wochenenden sind ausgenommen. Vielmehr soll durch einen dynamischen Numerus Clausus und eine Registrierungspflicht der Verkehrssturm um rund 20 Prozent reduziert werden. Schließungen für einige Stunden wie im letzten Jahr gibt es keine mehr. Auch konnte man sich nicht durchringen, das Grödner Joch in die Kampagne mit einzubeziehen.“

Vor neun Jahren wurden die Dolomiten von der UNESCO als Weltnaturerbe anerkannt. „Im Zuge der Anerkennung wurden der Verwaltern auch einige Hausaufgaben mit auf den Weg gegeben. So wurde von der UNESCO bereits damals für den Südtiroler Bereich des Weltnaturerbes der menschliche Druck, insbesondere die Verkehrsbelastung, als kritisch gesehen“, so Dissinger und Riedl.

Andreas Riedl

Seit damals fordert der Dachverband für Natur- und Umweltschutz konkrete, griffige und umsetzbare Maßnahmen zur Einschränkung der Blechlawine auf den Passstraßen.

Der Dachverband schreibt:

„Von unserer Seite wurde und wird ein Zeitfenster favorisiert, das saisonal und an die jeweiligen Pässe angepasst nicht nur zu einer Reduzierung des Durchzugsverkehrs sorgt, sondern über ein Zeitintervall auch zu einer spürbaren Reduzierung der Lärmbelästigung führt. Erst im vergangenen Jahr wurde – versuchsweise – eine zeitweise Sperre ausschließlich am Sellajoch erprobt und zwar an insgesamt neun Mittwochen im Sommer. Eine solche Schließung wird es heuer nicht mehr geben, sondern eine Einschränkung der Fahrten pro Stunde durch eine Registrierungspflicht.

Das Projekt ist auch heuer nur als Versuch deklariert, läuft nur an insgesamt 30 Werktagen mit Ausnahme der Wochenenden, die Kontigentierung ist auf den Zeitraum von 09.00 bis 16.00 Uhr beschränkt wird auch weiterhin nur am Sellajoch praktiziert. Insgesamt bemüht man sich sehr, das ganze sehr weichgespült als Sensibilisierungs- und nicht als Verkehrsreduzierungs-Kampagne zu bewerben und verkaufen.

Die stundenweise Kontigentierung, die Registrierung, die Kontrolle, die Ausweichparkplätze usw. bringen einen großen logistischen, koordinativen und schlussendlich finanziellen Aufwand mit sich. Dies alles nimmt man aber anscheinend gerne in Kauf, um die Maßnahmen weiterhin so sanft wie möglich zu halten.“

Weitere stark verkehrsbelastete Dolomitenpässe wie der Karerpass oder das Grödner Joch werden auch heuer nicht in das Projekt miteinbezogen. „Wobei vor allem am Grödner Joch die Umsetzung nochmals leichter sein dürfte, weil der Pass zur Gänze auf Südtiroler Gebiet liegt. Aber offensichtlich konnte oder wollte man sich gegen die Lokalkaiser nicht durchsetzen“, ärgern sich Dissinger und Riedl.

Und so bleibe es auch 2018 bei einem zeitlich, räumlich und von seiner Wirkung reduzierten Verkehrsversuch auf einem einzigen Pass. Für den Dachverband für Natur- und Umweltschutz ist dies absolut unzureichend, vor allem im Hinblick auf die Verpflichtungen, die man mit der Verleihung des UNESCO-Welterbe-Titels eingegangen ist.

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