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„Wie ein Damoklesschwert“

Immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene erhalten die Diagnose Multiple Sklerose. Was die Krankheit für junge Menschen bedeutet und warum in der Gesellschaft noch immer das Verständnis für MS-Patienten fehlt.

Tageszeitung: Herr Mamming, immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene kämpfen mit der Diagnose Multiple Sklerose. Was bedeutet diese Diagnose für junge Menschen?

Christoph Graf Mamming: Diese Diagnose ist ein Damoklesschwert. Das schlimme an MS ist, dass man keine Ahnung hat, wohin die Krankheit führt und diese Ungewissheit ist noch schlimmer als eine negative Gewissheit. In den letzten Jahren haben immer mehr Menschen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren diese Diagnose bekommen und das ist genau jenes Alter, wo man sich über die Zukunft, über Familie, Job und ein Haus Gedanken macht.

Warum erkranken immer mehr junge Menschen an MS?

Die Anzahl der jungen MS-Patienten ist in den letzten Jahren angestiegen. Dies hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Krankheit früher diagnostiziert wird. Früher konnte man die Symptome häufig nicht sofort der Krankheit zuordnen, auch weil MS die Krankheit der tausend Gesichter ist: Viele haben Lähmungserscheinungen oder sehen auf einem Auge nichts mehr, andere machen sich aber auch plötzlich in die Hose und wissen nicht warum. Heute kann man mit modernen Geräten relativ rasch bei Anzeichen oder Vermutungen die Krankheit diagnostizieren.

In den meisten Fällen ist psychischer Stress aufgrund von schwierigen Umstellungen oder Veränderungen – eine Hochzeit, ein Jobwechsel usw. – ein Auslöser der Krankheit. Das heißt nicht, dass Stress Ursache oder Grund für eine Erkrankung ist, sondern einfach nur, dass derartige Situationen die Krankheit oft auslösen.

Mit welchen Hürden haben MS-Patienten im Alltag zu kämpfen?

In erster Linie muss man es schaffen, die Diagnose zu verarbeiten. Im Krankenhaus bekommen viele Patienten oftmals kaum Informationen und wenn man dann das Internet konsultiert, und all das schlimme über MS liest, kann man schon mal in eine reaktive Depression verfallen.

Dadurch, dass die Diagnose heute relativ früh gestellt wird, kann man mittels Therapie meist aber relativ normal weiterleben. Natürlich ist man aber anders: Man ermüdet schneller, ist nicht mehr so leistungsfähig usw. Das führt zu Stress, Konflikten und Problemen. Die Leute um einen herum, am Arbeitsplatz und auch die Familie, verlieren die Geduld und auch man selbst ist wütend. Man ist irgendwann einfach nur noch dauerwütend und dauerdeprimiert.

Die Therapie ist mittlerweile recht weit fortgeschritten. Wie normal kann ein Leben mit MS aussehen?

Wenn die Krankheit relativ früh diagnostiziert wird und man sich der Chemie verschreibt, kann man ein relativ normales Leben führen. Die medikamentöse Behandlung verlangsamt die Krankheit und mittlerweile kann man auch Medikamente gegen die Nebenwirkungen und Nebenerscheinungen von Multiple Sklerose einnehmen: Es gibt Mittel gegen das Zittern, gegen das Ermüden…

Wie schwierig ist es heute noch über diese Krankheit zu sprechen? Gehen Patienten offen mit ihrer Krankheit um oder fehlt das Verständnis der Gesellschaft?

Es fehlt das Verständnis der Gesellschaft, es fehlt das Verständnis in der Familie und vor allem fehlt das Verständnis am Arbeitsplatz. Das wird auch insofern zum Problem, weil man von Kollegen als faul abgestempelt wird. Es wird häufig nicht akzeptiert, dass eine Person nicht mehr das leisten kann, was sie leisten konnte.

Interview: Lisi Lang

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