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Die Gegangene

Fast zwei Jahrzehnte lang war Eva Maria Baur im Meraner Rathaus als Funktionärin für den Bereich Kultur tätig. Dann wurde die Beamtin urplötzlich und gegen ihren Willen ins Stadtarchiv versetzt. Obwohl der Arbeitsprozess noch läuft, hatte es die Gemeinde mit der Ausschreibung eines neuen Wettbewerbs eilig.

von Karin Gamper

Eva Maria Baur selbst möchte sich mit Verweis auf das noch laufende Verfahren vor dem Arbeitsgericht nicht öffentlich äußern. Im Gespräch mit der Beamtin wird jedoch bald klar, wie sehr ihr die derzeitige Situation zu schaffen macht.

Die Meraner Gemeindeangestellte hat zwei Studien abgeschlossen (Pädagogik, Alte Geschichte und Altertumskunde), im Jahr 2017 hat sie zusätzlich ein Forschungsdoktorat erworben. Damit ist Baur beinahe schon überqualifiziert für die Stelle als Funktionärin im Bereich Kultur, für die sie 1997 einen regulären Wettbewerb gewonnen hat.

Knapp 19 Jahre lang war Eva Maria Baur ohne Beanstandungen als Beamtin im Meraner Rathaus tätig, vorübergehend hatte sie auch die Bereiche Jugend, Frauen und das Stadtarchiv über. Jenen Ort also, an den sie im Juni 2016 urplötzlich und gegen ihren Willen versetzt wurde. Hier versieht sie nunmehr Dienst im Lesesaal und holt die angeforderten Dokumente aus dem Archiv.

Eva Maria Baur hat viel darüber nachgedacht, warum sie an ihrer angestammten Stelle nicht mehr erwünscht war. Offiziell stand auf dem Versetzungsbescheid: „Diensterfordernisse“.

Im Meraner Rathaus wird gemunkelt, dass die langgediente Beamtin und der neue Bürgermeister persönlich nicht miteinander konnten und dass die Versetzung nur wenige Monate nach dessen Amtsantritt eine Folge davon gewesen sei. Sowohl Paul Rösch wie Eva Maria Baur dementieren dies.

Rösch sagt, dass er sich Baurs Gang zum Arbeitsgericht nicht erklären könne. Denn laut Bürgermeister ist die aktuelle Lösung schlicht die beste: „Frau Baur hat große wissenschaftliche Kenntnisse und das Stadtarchiv ist für sie daher das perfekte Arbeitsumfeld“. Allerdings war zumindest bis dato für Eva Maria Baur keine große wissenschaftliche Arbeit möglich. Die Alt-Historikerin durfte laut eigenen Aussagen lediglich ein Kapitel in der Jubiläumsschrift zum 700-jährigen Stadtrecht Merans verfassen.

Interessant ist, wie eilig es die Gemeindeverwaltung hatte Eva Maria Baurs Stelle nachzubesetzen. Trotz des noch laufenden Verfahrens vor dem Arbeitsgericht und trotz der Bitte der Beamtin den Ausgang abzuwarten, wurde ein neuer Wettbewerb zur Besetzung von Baurs Stelle ausgeschrieben. Wie es der Zufall will, setzte der Meraner Stadtrat die Prüfungskommission zeitgleich und just an dem Tag ein, an dem vor Arbeitsrichterin Eliana Marchesini die erste Anhörung im Fall Baur stattfand.

 

Der Wettbewerb, zu dem sich 14 Teilnehmer angemeldet haben und letztlich sieben angetreten sind, wurde nach der schriftlichen Prüfung zu einem Stechen zwischen zwei Anwärterinnen: Urania-Direktorin Marlene Messner und Sarah Freimuth, der provisorischen Inhaberin von Baurs Stelle seit 2016. Am Donnerstag fand die mündliche Prüfung statt. Als Wettbewerbssiegerin ist Freimuth daraus hervorgegangen.

 

Dabei wäre durchaus noch Zeit gewesen, den Ausgang des Arbeitsprozesses abzuwarten. Die provisorische Beauftragung Freimuths wäre bis zum Dezember dieses Jahres gelaufen, das Urteil wird für Sommer oder Herbst erwartet. In Meran hat man jedoch anders entschieden.

 

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