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70 Prozent für Abspaltung?

Am Freitag fand im Bildungshaus Lichtenburg in Nals eine Podiumsdiskussion unter dem Motto „Selbstbestimmung – ein gefährlicher Traum?!“ statt.

Am Podium diskutierten Ex-Senator Karl Zeller, der Journalist Ulrich Ladurner, Arno Rainer vom Südtiroler Schützenbund und der Deutsch-Katalane Heiko Kraft. Der Abend wurde von der RAI-Journalistin Gudrun Esser moderiert.

Den Auftakt des Abends bildete ein Kurzreferat von Ulrich Ladurner. Dieser berichtete über seine Erfahrungen als Berichterstatter für die Zeitschrift „Die Zeit“ in Katalonien. Ladurner kontrovers diskutierte These: Das Referendum in Katalonien sei verfassungswidrig und somit ungesetzlich gewesen. Er zweifelte auch die Gewaltanwendungen der spanischen Polizei beim Unabhängigkeitsreferendum am 01. Oktober 2017 an.

Deutsch-Katalane berichtet über Situation vor Ort

Die anschließende fand eine Podiumsdiskussion statt. Heiko Kraft, seines Zeichens Mitglied der Katalanischen Nationalversammlung konnte den Ausführungen Ladurners wenig abgewinnen. Jeder solle das Recht haben, selbst über die eigene Zukunft zu entscheiden. Katalonien sei beim spanischen Staat mit der Forderung nach Selbstbestimmung aber stets auf taube Ohren gestoßen. Der Versuch es auf dem Verhandlungsweg zu lösen wurde von Spanien jahrelang blockiert. Es sei den Katalanen somit kein anderer Weg geblieben, als ein einseitiges Referendum durchzuführen.

Selbstbestimmung ja oder nein? 

Ex-Senator Zeller war der Meinung, dass die Selbstbestimmung den Südtirolern zwar grundsätzlich zustehe, diese aber nur im Falle einer massiven Unterdrückung der Südtiroler eingefordert werden könne. Diesen Trumpf könne nur einmal ausspielt werden. Hier warf Rainer ein, dass ein Selbstbestimmungsreferendum keine einmalige Sache sein müsse. So habe die französischsprachige Region Quebec bereits zweimal über die Loslösung von Kanada abgestimmt.

Friedlich und demokratisch

Selbstbestimmung sei seiner Ansicht nach durchaus realistisch. In den letzten 38 Jahren seien weltweit 35 neue Staaten entstanden; im Schnitt also jedes Jahr einer.

Bezogen auf die Aussagen von Zeller und Ladurner ergänzte Rainer, dass in deren Lebenszeit sogar durchschnittlich zwei neue Staaten jährlich entstanden seien. Für ihn stelle die Abhaltung eines Selbstbestimmungs-Referendums den einzig vernünftigen Weg dar, um die umstrittene Frage der stattlichen Zugehörigkeit auf friedlichem und demokratischem Weg zu klären.

Ein großer Sprung ist notwendig!

Zeller nannte das Problem einer möglichen Nichtanerkennung des Ergebnisses eines Unabhängigkeitsreferendums durch andere Staaten. Er war der Meinung, dass die Politik der kleinen Schritte zum weiteren Ausbau der Autonomie realistischer sei. Arno Rainer konterte, dass die Politik der kleinen Schritte nicht immer zielführend sei. Im Falle von Hindernissen sei manchmal auch ein großer Sprung notwendig. Das Motto Magnagos, man müsse auch die Blumen am Wegesrand pflücken, berge die Gefahr in sich, vom eigentlichen Weg der Selbstbestimmung abzukommen und in die falsche Richtung zu gehen.

70% der Südtiroler für Abspaltung

Zeller kritisierte die unklaren Mehrheiten beim katalanischen Referendum. In Südtirol würden sich seiner Meinung nach wohl 70% für die Abspaltung aussprechen. Rainer sagte, dass es dann die Aufgabe der Politik wäre, auf ein Selbstbestimmungsreferendum hinzuarbeiten, wenn es in der Bevölkerung tatsächlich eine so große Zustimmung dafür gebe. Zeller relativierte daraufhin seine Aussage und meinte dies sei nur dann der Fall, wenn die Autonomie in Gefahr sei. Zeller sagte, dass es zudem unklar sei, wie es nach einer Abstimmung weiter gehen solle. Das müsse vorher geklärt werden. Ohne Plan mache eine Abstimmung keinen Sinn.

Angst in Katalonien

Kraft berichtete über das „Weißbuch“ der Katalanischen Regierung. In diesem sei detailliert dargelegt, welche weiteren Schritte nach einem erfolgreichen Referendum folgen müssten, um einen eigenen Staat aufzubauen. Leider sei es derzeit in Spanien so, dass man nicht mehr frei über den Wunsch nach Abspaltung sprechen könne, ohne eine Anklage befürchten zu müssen. Der demokratische Diskurs werde vom Staat leider völlig unterbunden. Die Katalanen seien aber weiterhin gesprächsbereit.

Angst vor Russland 

Ladurner warnte vor einer Kleinstaaterei, die unweigerlich durch die Ausübung der Selbstbestimmung in Europa entstehen würde. Dies würde unweigerlich zu einer Abhängigkeit von Russland führen. Zudem führe die Selbstbestimmung erfahrungsgemäß zu Unruhen und Gewalt. Ein Mann im Publikum meinte daraufhin, dass nicht die Forderung nach Selbstbestimmung, sondern deren Verweigerung letztlich zu Gewalt führe.

Raus aus der EU?

Zeller und Ladurner warnten auch vor einem Verlust der EU-Mitgliedschaft im Falle einer Abspaltung. Rainer warf hier ein, dass dies erst dann eintreten würde, wenn die Sezession offiziell anerkannt würde, da man bis dahin ja weiterhin Teil Italiens und der EU bleibe. Zudem erklärt er, dass eine EU-Mitgliedschaft ja nicht unbedingt notwendig sei, wie die Schweiz oder Norwegen beweisen würden. Aus dem Publikum kam der Einwand, dass die Selbstbestimmung auch zu einer Wiedervereinigung mit Österreich führen könnte. Dies könne auch die Frage der EU-Mitgliedschaft lösen.

 

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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Kommentare (27)

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  • besserwisser

    da zeigt sich wieder mal wie weit die herrschaften ganz oben vom volk ganz unten entfernt sind.

    • leser

      ganz genau und wie planlos ein politiker aussagen setzt, zeller spricht von 70% loslöser und im gleichen atemzug wieder sagt er das gegenteil, es ist auch ein wenig bedenklich, dass ein journalist wie ladurner eine absolutistische meinung im politischen stile zum ausdruck bringt, ich meine politiker dürfen das aber journalisten auf keinen fall, wahrscheinlich haben wir auch das problem , dass unser journalismus zu weit mit der politik gemeinsam geht und ihr dadurch bei der manipulation der meinungsbildung hilft,

  • jennifer

    X verschiedene Lösungen für welches Problem eigentlich?

  • einereiner

    Es sprechen sich mittlerweile auch viele Italiener in Südtirol für eine Ablösung von Italien aus. 70% insgesamt in Südtirol ist realistisch.
    Warum arbeitet denn die SVP nicht an einem Plan für die Zeit nach der Abstimmung? Zu faul? Will man noch einige Renten mitnehmen?

  • finele

    Das war wieder einmal eine von diesen Podiumsdiskussionen, die nichts bringen: Ein Haufen oberkluger Redner, die jede Möglichkeit totreden und die Leute ratlos heimgehen lassen:
    – Warum redet Zeller zuerst von 70% möglicher Zustimmung, um dann wieder zu relativieren? Woher hat er überhaupt die Zahl? Und wenn man schon an ein Referendum denkt, dann ist doch klar, dass man dann auch denkt, wie’s wietergehen soll. Oder glaubt Zeller, Leute lehnen sich gemütlidh zurück und drehen Däumchen? Da sollte er sich mal besser informieren, es gibt schon einige brauchbare Vorschläge in diversen Schubladen.
    – Was soll die Angst vor vielen Kleinstaaten? Die EU ist doch dazu da, das Dach über alle zu sein, egal wie groß sie sind.
    – Und Südtirol soll aus der EU hinausfliegen? Das dürften die sich dreimal überlegen, wenn sie merken, dass in Salurn und am Brenner plötzlich Grenzen sind.
    Wie gesagt, ich hab einfach den Eindruck, die Diskussion wurde wieder einmal bewusst so frucht- und ziellos gehalten.

    • mannik

      E sind keine 70%, besonders unter der deutschen Bevölkerung nicht, die von der Autonomie profitiert (also der größte Teil).
      Die EU zerbricht, wenn es zu viele Kleinstaaten gibt, das müsste eigentlich logisch sein.
      Südtirol, als selbstständiges Gebilde, fliegt nicht aus der EU raus, Südtirol war nie drin! daher müsste man erst einen Aufnahmeantrag stellen usw. (dauert einige Jahre). Mal schauen, ob das Italien (immerhin Gründungsmitglied) zulassen würde…
      Daher ist auch Ihr arroganter Hinweis auf die Grenzen umsonst. Glauben Sie im Ernst die EU hätte Angst vor Südtirol?

      • finele

        Was da arrogant sein soll, erschließt sich mir nicht, aber macht nicht. Warum sollte die EU vor Südtirol Angst haben? Aber wenn Südtirol plötzlich zwischen 2 Grenzen lâge, geht immer noch die Brennerstrecke durch oder?

        • mannik

          „Das dürften die sich dreimal überlegen, wenn sie merken, dass in Salurn und am Brenner plötzlich Grenzen sind.“
          Diese Aussage ist arrogant. So als ob Südtirol etwas Besonderes wäre. Glauben Sie wirklich ein selbstständiges Südtirol könnte sich Grenzen leisten?

  • robby

    Ulrich Ladurner behauptet: eine Kleinstaaterei, die unweigerlich durch die Ausübung der Selbstbestimmung in Europa entstehen würde, würde unweigerlich zu einer Abhängigkeit von Russland führen. Wie kommt der gute Mann zu dieser lächerlichen Annahme?

    • mannik

      Das ist keine lächerliche Annahme, das ist ein sehr realistisches wirtschaftspolitisches Szenario.

      • andreas

        Aus welchem Grund?
        Russland ist weder als Absatzmarkt, noch als Lieferant, außer Gas, interessant.

        • goggile

          andreasTOLM von Inkompetenz schlechthin. sie haben wohl keine Ahnung wieviel äpfelen speck suedtiroer die aus Holland kommen seilbahnstrukturen aus Südtirol nach Russland geliefert werden. man sieht in welcher ebene sie tätig sind.

          • einereiner

            @goggile
            das war mal. Seit dem Embargo geht kein Apfel und kein Speck mehr nach Russland.

        • mannik

          Weil im Spannungsfeld zwischen den Blöcken USA und Russland Kleinstaaten auf europäischem Boden unweigerlich in den Sog Russlands geraten.
          Man darf nämlich nicht vergessen, dass die Ausrufung der Selbstbestimmung, Kleinstaaten außerhalb die EU stellen würden. Wer der EU beitreten will, muss die nötige politische und ökonomische Reife nachweisen und seine nationale Gesetzgebung an den EU-Rechtsrahmen anpassen. Das dauert Jahre, die den Kleinstaat außerhalb der Europäischen Binnenmarktes stellen würde, mit dramatischen Folgen.

          • mannik

            außerhalb des Europäischen Binnenmarktes…

          • robby

            Also befindet sich die Schweiz bereits im Einflussbereich Russlands?

          • andreas

            @mannik
            Na ja, dass ein paar Oststaaten bzw. Regionen sich dem „Großrussischen Reich“ anschließen würden, könnte sein, doch würde ich weder bei Südtirol, noch bei den Katalanen eine Gefahr sehen.
            Die Aussage von Ladurner ist sehr sehr weit hergeholt bzw. eigentlich Unsinn, er nutzt das Bild vom bösen Russen um seine Ideologie zu vertreten.

            Wobei ich sowieso dafür bin die momentanen Spannungen, welche schlimmer als im Kalten Krieg sind, abzubauen.

  • morgenstern

    So viel heiße Luft wäre das Thema Klimawandel passender gewesen.

  • goggile

    einereiner, das stimmt so nicht ganz. erst kürzlich hat ein südtiroler im interwiu zugegeben dass es wege gibt die ware trotz Embargo zu liefern, da Russland dies tatsächlich wolle und nach aussen hin nur den grossen mann spielen will.

  • wollpertinger

    Die Kleinstaaterei wäre das Ende Europas, meint Ladurner. Anstatt hier in Südtirol so g’scheidt zu reden, sollte er sich mal mit dem EU-Chef Junker darüber unterhalten. Kleiner als Luxemburg geht es ja kaum mehr, aber Europa ist daran bisher noch nicht zugrunde gegangen. Anscheinend hat Ladurner noch nie etwas davon gehört, dass auch kleine Staaten gegenseitige Solidarität üben können, aber Solidarität ist wohl ein Fremdwort, das er nicht kennt.

  • pingoballino1955

    Wen interessiert eigentlich die wiedersprüchige Meinung von Karl Zeller? Der Bürger/in ist mündig genug sich selbst eine Meinung zu bilden,da braucht es keinen Zeller.Was er von sich gibt ist ohnehin einseitig und vorbestimmt.Brauchen wir NICHT!

  • mannik

    @Andreas, es geht nicht um „den bösen Russen“, es geht um geopolitische Entscheidungen und um den Markt. Dass Russland bei einem Zerfallen der EU als angrenzende Großmacht Einfluss in Europa gewinnen würde ist sonnenklar.

  • mannik

    @robby + wollpertinger – Ich frage mich, ob ihr ein wenig weiter sehen könnt als bis zu eurer Nasenspitze. Es geht um mögliche zukünftige Szenarien in Europa. Da von Luxemburg und der Schweiz zu sprechen zeugt, dass ihr von der ganzen Angelegenheit wenig bis gar nichts verstanden habt, aber auch die deutsche Sprache offensichtlich nicht versteht.

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