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„Wollen kein Experiment“

Die Gemeinde Kurtatsch will sich mit allen Mitteln gegen die geplante Müllverbrennungsanlage der Eco Energy zur Wehr setzten – auch weil diese neuartige Technologie noch nicht ausreichend erprobt sei. 

Tageszeitung: Vor knapp einem Monat wurde bekannt, dass Patrick Santini in Kurtatsch eine neuartige Müllverbrennungsanlage bauen möchte. Diese Nachricht hat eingeschlagen wie ein Blitz. Wie sieht es aktuell aus?

Martin Fischer: Da die Veröffentlichung des Projekts auf der Internetseite der Agentur für Umweltverträglichkeitsprüfung aus technischen Gründen nicht funktioniert hat, wurde das Projekt am 28. November erneut veröffentlicht, sprich die Einspruchsfrist von 60 Tagen wurde verlängert. Jeder Bürger kann sich somit das Projekt auf der Homepage der Umweltverträglichkeitsprüfung ansehen und Einspruch einlegen.

Auch die Gemeinde wird von diesem Einspruchsrecht Gebrauch machen, haben Sie Anfang November angekündigt…

Die Gemeinde Kurtatsch hat eigene Techniker beauftragt, die das Projekt genauer unter die Lupe nehmen. Es geht uns nämlich nicht nur darum zu sagen, dass wir diese Anlage nicht wollen. Wir wollen Argumente herausfiltern, warum es aus technischen Gründen nicht möglich ist, eine derartige Anlage in Kurtatsch zu bauen. Zudem haben wir einen Antrag gestellt, dass die Anlage öffentlich vorgestellt werden muss und dies müsste in den kommenden Tagen organisiert werden.

In einem Interview mit der Tageszeitung hat Patrick Santini, Betreiber der Eco Energy, erklärt, dass es sich um eine neuartige Technologie handelt, die sehr umweltschonend ist.

Nach dem aktuellen Wissensstand gibt es in ganz Europa keine einzige Anlage, die mit der im Projekt angeführten Technologie in dieser Größenordnung einwandfrei funktioniert. Beispiele von ähnlichen Anlagen in Japan gehen von ganz anderen Voraussetzungen aus, die mit den unseren nicht vergleichbar sind. Das heißt, dass diese neue Technologie noch nicht sonderlich erprobt ist bzw. noch keine guten Ergebnisse erzielt hat. Diese Technologie scheint noch nicht genügend ausgereift zu sein und es darf keinesfalls hier in Kurtatsch ein Experiment erprobt werden.

Ein weiteres Argument  für diesen Standort ist laut Santini die Entfernung zu Wohnsiedlungen…

Das stimmt vielleicht, aber in dieser Gewerbezone finden sich viele Betriebe  und auch dort arbeiten tagtäglich Leute. Diese Anlage würde demnach nicht irgendwo alleine stehen, sondern in der Gewerbezone, die sich für ein solches Projekt nicht sonderlich gut eignet.

Wie reagiert die Bevölkerung auf dieses Vorhaben? 

Natürlich sind die Bürger von Kurtatsch überhaupt nicht von diesem Projekt begeistert. Die Größenordnung des Vorhabens (Kapazität, Höhe und Größe) entspricht jener des Verbrennungsofens in Bozen. Die Risiken einer derartigen Anlage sind nicht abzusehen und schon allein der Gedanke an mögliche Störfälle und an deren Auswirkungen entwertet das gesamte Gebiet und sein Erscheinungsbild. Beim Verbrennungsofen in Bozen war man zudem darauf bedacht, die Führung in öffentlicher Hand zu behalten und nicht dem freien Markt zu überlassen. Das war eine kluge Entscheidung. Dieselben Überlegungen müssen auch für andere Anlagen dieser Größenordnung gelten.

Welche nächsten Schritte stehen jetzt an?

Einerseits wird die Gemeinde in der vorgegebenen Frist eine Eingabe gegen das Projekt hinterlegen. Zudem hat uns die Agentur bereits zugesichert, dass eine öffentliche Informationsveranstaltung organisiert wird, wo der Betreiber der Eco Energy das Projekt mit allen Details vorstellt. Natürlich kann auch jeder einzelne Bürger eine Eingabe beim Amt für Umweltverträglichkeitsprüfung hinterlegen.

Interview: Lisi Lang

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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Kommentare (6)

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  • tiroler

    vielleicht hat es kurtatsch versäumt, im bauleitplan festzuhalten, dass solche anlagen auf keinen fall errichtet werden dürfen..

    • sogeatsschungornet

      Kannst du als Experte uns vielleicht ein Beispiel nennen, wie solch ein Verbot aussehen könnte?

      • besserwisser

        Die rückgratfreien vertreter des unterlandes in parteien und verbänden werden das schon machen!
        Bis zu den wahlen werden alle dagegen sein dann wird das unterland weiter schön zugebaut und zersiedelt. Die wirtschaft wird keine rücksicht auf unseren lebensraum nehmen. Und die persönlichen postenabsicherungen werden vorrang haben. Das flughäfchen hat dies (leider) schonunglos aufgezeigt

  • josef.t

    Immer das gleiche, jeder hat ein Auto und will damit auch fahren, das
    Verkehrsaufkommen soll aber anderswo abgewickelt werden ?
    Leute erzeugen Müll, soll aber anderswo entsorgt werden ?
    Vom Wohlstand wollen alle profitieren, die Nebenwirkungen sollen
    andere ausbaden ?

    • yannis

      @josef.t

      hast ja recht,
      aber es kommt nicht selten vor dass erst Überkapazitäten an Müllverbrennungs-Anlagen gebaut werden und dann der „Brennstoff“ EU weit besorgt wird. z. B. in Anlagen NRWs wird der Müll Süditaliens verbrannt und dazu auch noch zu einen deutlich „günstigeren“ Tarif als die Örtlichen Kommunal-Entsorger berappen müssen.
      Kenne einen NRW Landkreis der eine Anlage mit der ZEHNFACHEN Kapazität als benötigt bauen wollte obwohl schon die Nachbar Städte händeringend Müll suchten um ihre bestehenden Anlagen halbwegs auslasten zu können.
      Gott sei Dank hat eine Bürgerinitiative den Größenwahn verhindern können und somit das von der Müll-Mafia vergessene „smarte“ Aluköfferchen in der zuständigen Verwaltungsbüros nichts an Früchten abwarf, schade.

  • fritz

    Man sollte eine solche Diskusison sachlich führen.
    Die geplante Vergasungsanlage beruht auf einem von der Frma JFE in Japan entwickelten Verfahren. Es handelt sich dabei, im Funtkionsprinzip dem Thermoselect Verfahren nicht unaähnlich, um einen sogenannten auserstoffangereichteren Gegenstomvergaser.
    In Europa ist keine solche Anlage in Betrieb, Pleiten gibt es viele. Eine nahezu baugleiche Anlage sollte in Albani, Rom, gebaut werden.
    In Japan werden in solchen Anlagen circa 1% des Müllaufkommens thermisch behandelt. Dort gelten auch andere Voraussetzungen für den Betrieb einer solchen Anlage.
    Die Initiatoren wären sicher gut beraten, wenn sie einmal erklären würden warum eine in Europa, einer Region mit wesentlich anspruchsvolleren Umweltstandards als Japan, solch eine angeblich bahnbrechende Technologie nicht zu einem dauerhaften kommerziellen Einsatz gebracht wurde.

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