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„Ein ausgezeichneter Präsident“

Der Südtiroler Sportfunktionär Karl Rungger trauert Carlo Tavecchio nach und erklärt, wie Italien wieder zu den großen Fußball-Nationen aufschließen kann.

TAGESZEITUNG: Herr Rungger, Sie sitzen für die Lega Nazionale Dilettanti LND im Italienischen Fußballverband FIGC. Wie dramatisch war die Sitzung am vergangenen Montag, in der Präsident Carlo Tavecchio seinen Rücktritt erklärt hat?

Karl Rungger: Das war ganz einfach: Er ist reingekommen und hat seinen Rücktritt erklärt. Fertig!

Tavecchio ist erst zurückgetreten, nachdem klar war, dass auch die LND, deren Chef er früher war, ihn fallenlassen würde. Sind Sie und Ihre fünf LND-Kollegen Tavecchio in den Rücken gefallen?

Nein! Tavecchio verdient große Anerkennung. Er hat Einmaliges geleistet. Er ist ein exzellenter Unternehmer, er hat den Amateurliga-Verband reich gemacht und auf ein hohes Niveau gebracht. Für ihn war die Sache am Ende ausweglos, er hatte keine Mehrheit mehr.

Carlo Tavecchio ist mit Entgleisungen gegenüber dunkelhäutigen Spielern, Juden oder Homosexuellen aufgefallen, zuletzt forderte er in neuen Stadien Apotheken, Kino und Striptease. Sie bleiben dabei, dass er ein guter Präsident war?

Ja. Alle machen Fehler. Bei Tavecchia war nicht böse Absicht im Spiel, er hat sich vielleicht manchmal emotional zu sehr mitreißen lassen. Er war aber ein ausgezeichneter Präsident.

Was bedeutet die Nicht-Teilnahme an der WM in Russland für die Fußball-Nation Italien?

Das kann man am Beispiel der EM in Frankreich aufzeigen: Vor zwei Jahren hat der italienische Verband 16 Millionen Euro bekommen. Hinzu kommen die Millionensumme, die die italienische Wirtschaft verliert …

Es gibt Berechnungen, laut denen Italien ein Prozent des Bruttoinlandproduktes verliert …

Ich kenne mich da zu wenig aus. Aber es ist sicher so, dass vielfach unterschätzt wird, was der Fußball der Wirtschaft bringt. Vielleicht ist dieser Moment der Niederlage eine gute Gelegenheit, sich vor Augen zu führen, was der Fußball eigentlich wert ist. Über den Fußball wird immer schlecht geredet, jetzt aber wird vielen Menschen bewusst, dass man den Fußball mehr schätzen sollte. Die Journalisten schreiben gern nur das Negative, dabei produziert der Fußball viel Positives.

Was muss der italienische Fußballverband tun, um wieder den Anschluss an die europäische Spitze zu schaffen?

Eines der großen Probleme ist der Umstand, dass die Serie A noch nicht imstande war, ihre Vertreter in den Fußballverband zu entsenden. Der Hintergrund ist der Streit um die Fernsehrechte. Wichtig ist also, dass der Fußball so schnell wie möglich eine Governance bekommt. Und dann müssen die Reformen gemacht werden

Welche Reformen meinen Sie?

Es ist wichtig, dass wir die Ausbildungszentren für die Jugend lancieren, wobei wir den Spielern dann aber auch die Möglichkeit geben müssen, zu spielen, so wie das Fußball-Nationen wie England oder Deutschland praktizieren. Das System der Leihspieler funktioniert nicht, denn jeder Verein, der Leihspieler unter Vertrag nimmt, setzt im Zweifelsfall lieber Spieler ein, die ihm gehören, weil sie ja sein Kapital sind. Jeder Club versucht, die eigenen Spieler aufzuwerten.

Wie wollen Sie da eine Änderung herbeiführen?

Zum meiner Zeit, in den 80er-Jahren, gab es in den Primavera-Mannschaft nur zwei Fuoriquota-Spieler, heute sind es vier. Hinzu kommt, dass viele Vereine bereits im Jugendbereich auf ausländische Spieler setzen. Der ehemalige UEFA-Präsident Michel Platini hat bereits vor Jahren gesagt, dass es dagegen keine Handhabe gibt …

Man kann keine Ausländer-Obergrenze fixieren …

Nein, das kann man schon aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht machen.

Hat das Waterloo der Azzurri Auswirkungen auf den Fußball in unserer Region?

Nein, das glaube ich nicht. Außer, dass die einen in Südtirol Fußball schauen werden, die anderen weniger.

Sie glauben, dass die Italiener im Lande die WM-Spiele gar nicht schauen werden?

Doch, aber sicher nicht mit der Leidenschaft und Begeisterung, wie wenn sie selbst dabei gewesen wären. Es ist wirklich schade, dass Italien nicht dabei ist. Am Fall Italien sieht man einmal mehr, wie wichtig der Fußball für das soziale Gefüge im Lande ist.

20 Serie A-Vereine, 22 Serie B-Clubs und 56 Lega Pro-Clubs. Macht es wirklich Sinn, so viele Proficlubs zu halten, oder wäre es nicht gescheiter, nur eine einzige Serie C zu machen?

Tavecchio wollte das auch machen, aber er hat keine Mehrheit bekommen.

Warum?

Die Trainer- und die Spieler-Vereinigung im Fußballverband werden nie einer Reduzierung der Mannschaften zustimmen …

… weil sie sich selbst abschaffen würden?

Richtig! Sie würden Arbeitsplätze verlieren. Meiner Meinung nach wären zwei Lega Pro-Kreise genug. Denn der Sprung von der Serie D in die Lega Pro ist groß. Das ist eine andere Welt.

Die Region Trentino-Südtirol hat mit dem FC Südtirol nur einen einzigen Proficlub. Warum das?

Schwierige Frage, aber ich würde den Spieß umdrehen und sagen: Zum Glück haben wir einen Verein, der gut arbeitet und gesund ist.

Herr Rungger, warum wird jemand Fußball-Funktionär? Wird man reich dabei?

(lacht) Das ist eine nette Frage. Bei mir ist es Leidenschaft. Ich habe 1970 als Schiedsrichter angefangen und bin heute noch im Fußball. Das ist eine Krankheit. Andere spielen Karten, andere gegen auf den Berg. Ich mit meinen 100 Kilo schaffe es auf keinen Berg. Deswegen bin ich im Fußball.

Interview: Artur Oberhofer

 

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