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Der oberste Kapuziner

Führungswechsel bei den Kapuzinern: In Innsbruck zieht mit Bruder Erich Geir ein Tiroler als Provinzial für Österreich und Südtirol ein.

„Worüber wir sprechen, das wollen wir auch leben.“

Das sagt Bruder Erich Geir, neugewählter Provinzial (Ordensoberer) der Kapuziner, in seinem ersten Statement nach der Wahl.

Für seine Gemeinschaft ist ihm besonders Glaubwürdigkeit in Leben und Spiritualität wichtig.

Am Mittwoch wurde in Salzburg unter dem Vorsitz von Bruder Mauro Jöhri, dem Generalminister (Ordensoberer weltweit) eine neue Leitung für die Kapuzinerprovinz Österreich-Südtirol gewählt. Der Tiroler Bruder Erich Geir (71) löst Bruder Lech Siebert ab, der das Amt seit 2010 innehatte. Weitere Mitglieder der neuen Leitung sind die Brüder Marek Król, Zbigniew Zaba, Markus Kerschbaumer und Rudolf Leichtfried.

Erich Geir

Die Leitung einer Kapuzinerprovinz wird alle drei Jahre in einer geheimen Wahl gewählt. Seit Mittwoch ist Bruder Erich Geir Provinzial (Ordensoberer) aller in Österreich und Südtirol lebenden Kapuziner. Ihm zur Seite steht der Provinzrat, ein vierköpfiges Leitungsgremium.

In Salzburg tagte seit dem Pfingstmontag das sogenannte „Kapitel“, eine Versammlung von delegierten Ordensmitgliedern, die gemeinsam über wichtige Themen der Provinz berät, entscheidet und den Provinzial wählt. Zugelassen sind delegierte Kapuziner, ihr Generalminister als Vorsitzender und geladene Gäste aus dem Orden. Die Angelobung der neuen Leitung durch Generalminister Bruder Mauro Jöhri fand gestern abend statt. Bruder Mauro Jöhri als Ordensoberer aller 10.500 Kapuziner weltweit reiste aus Rom zur Tagung an. Die Angelobung wurde erstmals via Facebook Live-Stream übertragen.

„Vater“ für 102 Kapuzinerbrüder
Als Provinzial ist Bruder Erich Geir für alle Agenden der Kapuziner in Österreich und Südtirol letztverantwortlich und hat der Gemeinschaft wie „Vater und Mutter einer Familie“ vorstehen, so die Eigendefinition des neuen Oberen. Das betrifft personelle, wirtschaftliche, organisatorische genauso wie spirituelle Bereiche. Bruder Erich wurde vor drei Jahren in den Provinzrat gewählt und gestaltet seitdem das Leben der hiesigen Kapuziner führend mit.

Der Tiroler trat 1966 in den Orden ein, seine ewigen Gelübde legte er 1975 ab. Seit vielen Jahren begleitet er Kinder und Jugendliche mit Behinderung und ihre Betreuungspersonen als Seelsorger in den Sozialen Diensten der Kapuziner (slw). Darüber hinaus ist er Notfallseelsorger beim Roten Kreuz. Bruder Erich lebte die letzten Jahre in einer slw-Einrichtung in Fügen, Tirol.

Mit der Wahl zum Provinzial steht für Bruder Erich nun die Übersiedlung nach Innsbruck an, wo die sich die Leitung und Verwaltungszentrale der hiesigen Kapuziner befindet.

Demokratisch gewählte Leitung
Ein Provinzial wird auf drei Jahre gewählt und kann einmal in Folge wiedergewählt werden. Die Wahl selbst muss mit absoluter Mehrheit erfolgen. Der Provinzrat wird gleichzeitig mit dem Provinzial gewählt und unterstützt ihn bei der Leitung der Provinz.

Zum Provinzvikar, dem Stellvertreter des Provinzials wurde Bruder Marek Król (51) gewählt. Er ist Guardian im Kloster Wr. Neustadt. Weitere Provinzräte sind die Brüder Zbigniew Zaba (48, Kloster Klagenfurt), Markus Kerschbaumer (68, Kloster Neumarkt in Südtirol) und Rudolf Leichtfried (63, Kloster Irdning).

Ein Provinzkapitel setzt üblicherweise eine Reihe weiterer zentraler Vorgänge in Bewegung: In den Monaten nach dem Kapitel werden notwendige Neubesetzungen von Oberenposten in den Klöstern oder thematische Zuständigkeiten neu definiert.

Für Guardiane (Hausobere) ist eine dreijährige Funktionsperiode vorgesehen, die einmal verlängert werden kann. Guardiane und ihre Stellvertreter werden von der Provinzleitung eingesetzt.

Richtungsweisende Zukunftsentscheidungen
„Ich habe keine Angst vor dem Mangel an Berufungen, sondern davor, dass wir nicht hören können, was Gott uns damit sagen will!“ so der neugewählte Provinzial Bruder Erich. Themen dieses Provinzkapitels waren die Aufgabe der hiesigen Kapuziner im 21. Jahrhundert, Schwerpunktsetzungen einzelner Klöster sowie strukturelle und gemeinschaftliche Fragen.

„Wir sind 102 Brüder und viele von uns sind über 70 Jahre alt,“ führt der Provinzial aus. „Unsere jüngeren Mitbrüder sollen hier einen guten Platz für aktives Leben im Sinne unseres Ordens haben. Gleichzeitig ist es mir wichtig, dem älteren Teil der Gemeinschaft einen würdigen Lebensabend ermöglichen.“ Glaubwürdigkeit in Leben und Spiritualität sei ihm besonders wichtig.

Bruder Erich Geir folgt Bruder Lech Siebert nach, der seit 2010 im Amt war. In die Amtszeit von Bruder Lech Siebert fielen eine Reihe wichtiger Vorgänge: Intern wurde die Auseinandersetzung der Kapuziner mit ihrem Grundauftrag sowie personelle und inhaltliche Schwerpunktsetzungen bei Standorten forciert.

Weitere wichtige Ereignisse waren die Sanierung der Wiener Kapuzinerkirche, die Seligsprechung des in Innsbruck begrabenen Kapuziners Thomas von Olera und eine Forcierung der Jugendarbeit.

Nicht zuletzt die die Fusion der Provinzen Österreich und Brixen zur nunmehrigen Kapuzinerprovinz Österreich-Südtirol erfolgt 2011 während Bruder Lechs Zeit als Provinzial. Welche Aufgabe er in Zukunft übernehmen wird, wird in Absprache mit der neuen Leitung in den nächsten Wochen entschieden.

Oberste Entscheidungsinstanz der Provinz
Ein Provinzkapitel ist die oberste Entscheidungsinstanz einer Kapuzinerprovinz. Seine Beschlüsse sind Richtungsgeber und bindend für Provinzleitung. Ein Drittel aller Brüder der Provinz werden in den Monaten vor dem Kapitel zu Kapitularen gewählt.

Das waren heuer 39 Brüder. Wahlberechtigt (aktiv und passiv) ist, wer die ewigen Ordensgelübde abgelegt hat. Gäste auf diesem Kapitel waren neben dem Generalminister Bruder Mauro Jöhri die Provinziäle der beiden anderen deutschsprachigen Kapuzinerprovinzen, Bruder Marinus Parzinger aus Deutschland und Bruder Agostino del Pietro aus der Schweiz. Außerdem Bruder Tomasz Zak, Provinzial der Krakauer Kapuziner. Mit diesen drei Provinzen arbeiten die hiesigen Brüder in verschiedenen Bereichen besonders eng zusammen.

Statement des neugewählten Provinzials:
Meine Mitbrüder haben mich zum Provinzial der Kapuziner Österreichs und Südtirols gewählt. Ich möchte mich bei meinen Mitbrüdern bedanken, dass sie mir das Vertrauen geschenkt haben.

Ich war überrascht über diese Wahl.

Ich bin mir der Verantwortung bewusst und werde mich bemühen, dieser Berufung auch gerecht zu werden. Gleichzeitig möchte ich dem scheidenden Provinzial Lech Siebert Dank und Hochachtung aussprechen, der in den letzten sieben Jahren erfolgreich gewirkt und entscheidende Weichen für die Zukunft gestellt hat.

Ich habe keine Angst vor dem Mangel an Berufungen, sondern davor, dass wir nicht hinhören können, was Gott uns damit sagen will.

Ich möchte als Provinzial dazu beitragen, dass unsere Gemeinschaft immer weiter zusammenwächst. Unsere jüngeren Mitbrüder sollen hier einen guten Platz für aktives Leben im Sinne unseres Ordens haben. Gleichzeitig ist es mir wichtig, dem älteren Teil der Gemeinschaft einen würdigen Lebensabend ermöglichen und sie Wertschätzung und Dankbarkeit erfahren.

Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, dass wir die Freude des heiligen Franziskus zu leben und auszustrahlen. Worüber wir sprechen und predigen, wollen wir auch sichtbar leben.“

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