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„Vom Christentum nichts verstanden“

flsah-don-marioMario Gretter, interreligiöser Beauftragter der Diözese, über terroristische Anschläge – und Weihnachtsmärkte, die mehr „Business“ als christlich sind.

TAGESZEITUNG: Herr Gretter, nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt sprechen manche von einem Angriff auf das Christentum. Haben sie recht?

Mario Gretter: Nein, ein Weihnachtsmarkt ist kein christliches Symbol. Jesus kam als Armer zu uns und der Weihnachtsmarkt ist ein Business, keine christliche Tradition. Mich erinnert es eher an ein Einkaufszentrum, das sich mit weihnachtlichen Elementen schmückt. Wenn der Attentäter das Christentum im Blick hatte, hat er den falschen Ort erwischt.

Was war es dann?

Wir haben in Saint-Étienne-du-Rouvray in Frankreich erlebt, wie eine Attacke gegen das Christentum aussieht. Dort wurde ein Priester in einer Kirche ermordet. Das war ein echtes Zeichen des Hasses gegen den Glauben. Der Anschlag in Berlin war eine Attacke gegen den Westen, gegen unseren Lebensstil, nicht unbedingt gegen eine Religion.

Sonst hätte man den Vatikan attackiert?

Ja, den Vatikan oder auch nur eine eine Prozession, eine Jugendgruppe, irgendeine Glaubensveranstaltung. Das spielte in Berlin keine Rolle: DIe Gretchenfrage nach dem Glauben wäre auch am Bozner Weihnachtsmarkt, im heiligen Land Tirol, fehl am Platz.

Trotzdem war es nur eines von vielen Attentaten, die 2016 am religiösen Frieden zweifeln ließen. Wird uns der Islam noch fremder, als er uns ohnehin schon war? Kommt ein Krieg der Religionen?

Zumindest sehe ich, dass die Angst immer größer wird. Die Nachrichten bringen uns Anschläge aus aller Welt in unser Wohnzimmer, Machtakte, die kurz darauf religiös gedeutet werden. Aber ich spüre auch eine gewisse Müdigkeit, einen geschwächten Elan: Wer im Geiste des Terrors lebt, für den ist jeder Schritt doppelt so schwierig.

Wie meinen Sie das?

Die Leute stellen sich angesichts ihrer eigenen Schwierigkeiten, ihrer ökonomischen Probleme, ihrer Angst die Frage: „Warum sollte ich jetzt auch noch das Gespräch mit Andersgläubigen suchen?“ Man schützt sich selbst.

Wovor?

Vor der Begegnung. Man sollte den Mut haben, zu sagen: „Wir wollen nicht in der Angst leben.“ Es reicht, dass am Waltherplatz Polizisten mit Blaulicht stehen und den Ort schützen, das zeigt bereits, wie sehr unser Alltag vom Terror gekennzeichnet ist. Am 1. Jänner werden wir wie schon seit 50 Jahren das Friedensgebet organisieren, wo verschiedene Konfessionen aufeinandertreffen: Juden, Christen, Muslime, Buddhisten und viele andere, die gemeinsam ihr Ja zum Frieden sagen. Ich glaube diese Zeichen sind wichtig.

Anders als in Berlin, wo die Identität des Attentäters noch nicht geklärt ist, hatten viele Anschläge in diesem Jahr einen eindeutig islamischen Hintergrund. Gibt es im Islam Aspekte, die das begünstigen?

Ich halte es mit den Worten des sunnitischen Großimams, der zurecht gefragt hat: „Wie haben wir unseren Glauben weitergegeben? Wenn solcher Missbrauch passiert, haben wir vielleicht bei uns zu Hause etwas falsch gemacht? Sind wir mit unserer Botschaft falsch umgegangen?“ Auch im Islam gibt es einige Gelehrte, die neue Wege gehen wollen. Aber dieser Prozess braucht Leute, die sich einsetzen und Orte, an denen das geschieht. In vielen arabischen Ländern fehlen dafür die politischen, ökonomischen und auch religiösen Voraussetzung.

Was sagen Sie Menschen, die den Anschlag in Berlin als „Angriff auf das christliche Europa“ sehen?

Ich würde sie einladen, sich zu fragen, was dieses christliche Europa wirklich sein soll. Wenn es ein Weihnachtsmarkt ist, dann haben wir vom Christentum nichts verstanden. Das ist ein Schmarren, anders kann man es nicht ausdrücken.

Interview: Anton Rainer

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