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Ritalin für Papi

img_8183Markus Huber, Leiter des Therapie Centers im Südtiroler Kinderdorf, empfiehlt Eltern von ADHS-Kindern generationsübergreifende Diagnosen.

TAGESZEITUNG Herr Huber, warum ist es wichtig, sich mit den Eltern von ADHS-Kindern zu beschäftigen?

Markus Huber: Weil der genetische Anteil bei ADHS-Störungen sehr groß ist. Wenn ein Kind betroffen ist, dann gilt das in mehr als der Hälfte der Fälle auch für ein Elternteil. Wenn man Eltern mitbetreut, kommt das der Behandlung eines Kindes zugute. Blendet man das völlig aus, kommt man beim Kind auch nicht sehr weit.

Ein Faktor, der in den letzten Jahren nicht ausreichend beachtet wurde?

Dass ADHS in Familien mehrfach auftreten kann, weiß man schon lange. Aber man hat sicher zu wenig Augenmerk darauf gelegt, durch Screenings von Familienmitgliedern den Therapieerfolg des Kindes zu verbessern.

Fernsehen und Computer haben keine Schuld an den zunehmenden ADHS-Diagnosen? Alles nur Genetik?

Wie bei jeder psychiatrischen Störung geht man auch hier von mehreren verantwortlichen Faktoren aus. Aber bei ADHS belegen nun mal äußerst viele Studien, dass die Vererbung eine wesentliche Rolle spielt. Die Veranlagung dazu wird beinahe mit der gleichen Stärke weitergegeben wie die Körpergröße. Wie sehr die Störung sich dann ausprägt, hängt mit Schule, Erziehung und anderen Faktoren zusammen.

Stichwort Erziehung: Wie wirkt es sich auf den Familienalltag aus, wenn sowohl Kind als auch ein Elternteil unter einer Aufmerksamkeitsdefizit-Störung leiden?

Bei einer solchen Konstellation prallen zwei Symptomatiken aufeinander: Man hält sich gegenseitig vor, welche Regeln man nicht eingehalten hat, ermahnt ständig und alle Beteiligten sind impulsiv. Das führt zu einer chronischen Disharmonie des Familienklimas bis hin zu erhöhten Gewaltausbrüchen.

Angenommen, eine Mutter bringt ein betroffenes Kind zur Therapie vorbei. Merken Sie dann, wenn das Elternteil ähnlich „zappelt“ wie Ihr Patient?

Das muss ich oft gar nicht. Durch die verstärkte Sensibilisierung sagen viele Eltern von sich aus, wenn sie als Kinder ähnliche Symptome hatten. Nur fehlten vor 30 bis 40 Jahren die richtigen Diagnosen: Kinder waren entweder faul oder dumm, von Konzentrations- oder Aufmerksamkeitsstörungen sprach niemand.

Das Stigma, im Erwachsenenalter mit ADHS diagnostiziert zu werden, spielt keine Rolle?

Nein, im Gegenteil. Sehr häufig fordern die Eltern selbst eine Therapie.

Schon jetzt wird die Medikamentierung dieser Störung sehr kritisch gesehen. Könnten zusätzliche Diagnosen diese Skepsis verstärken?

ADHS ist eine Störung, zu der jeder glaubt, eine Meinung haben und polemisieren zu müssen. Dabei überlegt der Facharzt auf diesem Gebiet genau, wann er medikamentöse Behandlungsformen in Erwägung zieht. Aber das typische ADHS-Kind hat ja nicht nur in der Schule Schwierigkeiten, es wird auch von Freunden gemieden und leidet daheim unter dem chronischen Streit über die Hausarbeit – zum Glück gibt es da medikamentöse Hilfestellungen.

Kritiker unterstellen Ritalin großes Suchtpotential.

Studien zeigen das Gegenteil. Bei ADHS-Kindern, die die Behandlung notwendig haben und deswegen das Medikament bekommen, wird das Suchtrisiko um 85 Prozent gesenkt. Wer nicht behandelt wird, sucht nach Alternativen, um zur Ruhe zu kommen – Drogen zum Beispiel. Ich verstehe die Kritik, aber unter Umständen ist Ritalin einfach die Therapie der Wahl.

Welche Rolle spielen Medikamente im Vergleich zu alternativen Therapieformen?

Behandlungsbedürftig sind um die 2 Prozent aller Kinder, auf Südtirol umgerechnet sind das rund 2.000 Personen. Von denen muss nur ein kleiner Teil ein Medikament nehmen, schließlich gibt es alternative Methoden wie Verhaltenstherapie, Psychotherapie und anderes. Aber bei diesem Teil gilt: Das Selbstwertgefühl eines behandelten ADHS-Kindes ist viel größer als das eines nicht behandelten.

Das gilt auch für die Eltern?

Ja, behandelte Eltern sind die besseren Eltern. Wenn ADHS-Symptomatiken im Erwachsenen- und Kindesalter mit Therapien verbessert werden, wirkt sich das positiv auf das ganze Familienklima aus.

Interview: Anton Rainer

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