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Vielfalt statt Einfalt
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Arnold Tribus
Über die Leichtigkeit
des Seins
Nun sind sie alle wieder abgezogen, nachdem sie am Sonntag stundenlang
defilierten, die Alpini. Wer entsetzt und empört die Stadt verlassen hatte, weil er sich die Invasion der italienischen
Barbaren nicht gefallen ließ und als Zumutung empfand, wer sich derart bedrückt fühlte, weil er dem Tricolore-Meer psychisch und vor allem politisch nicht
gewachsen war, weil er sich unterdrückt fühlte, in seiner Existenz bedroht, an dunkle Zeiten erinnert, der weiß nicht, was er verpasst hat. Denn das, was uns als nationalistische Orgie
schlimmster Sorte verkauft wurde, war im Grund ein großes Volksfest, nicht mehr und nicht minder, ein fröhliches Gelage, wie es Bozen in dieser Dimension noch nie erlebt hat. Da war
jeder Christkindlmarkt, jedes Stadtfest nichts gemessen an dem, was die Stadt
an diesem Wochenende erlebte oder sagen wir ruhig, erleben durfte. Barbaren
waren erwartet, walsche Wüstlinge, die den Alto Adige zurückerobern sollten, die laut „Siamo in Italia“ schreien und die Deutschen erschrecken oder gar vertreiben wollten, gekommen
sind Abertausende friedlich gesinnte Menschen, einfache Leute vor allem, der
Freundschaft verbunden und verpflichtet, ihrer mythisierten Waffengattung,
Wein, Weib und Gesang. Was die Bozner aber so positiv eingenommen hat war die
lockere Atmosphäre, die Leichtigkeit, mit der alles geschah, die Freude, die in der Luft lag, ein
Klima des „Seid umschlungen Millionen“, und das, obwohl man wegen der Menschenmassen nur stockend vorankam.
Unsere wunderschöne, immer so angenehm geordnete Stadt lebte drei Tage in einem fast-anarchischen
Zustand, paradoxerweise von Soldaten gebracht, was wir ja nun wirklich nicht
kennen. In diesen drei Tagen war hingegen alles möglich. es begann mit den Alpini, die im wahrsten Sinnes des Wortes von der Stadt
Besitz ergriffen und sich mit ihren Zelten und Wägen überall dort niederließen , wo ein Flecken Erde oder Wiese war. Und dann wurde jedes Zelt, jeder
Wohnwagen zu einem Ort des Gesanges, der Diskussion, des Trinkens, sie packten
alle ihre Köstlichkeiten aus, wunderbaren Käse, Salami, Wein natürlich und es wurde angeboten, jeder war eingeladen. Da war es ein Leichtes zu
sozialisieren und ins Gespräch zu kommen. Es genügte an einem der zahlreichen Stände zu stehen, ein Bier zu trinken und schon traf man auf einige Alpini und das Gespräch ging los. Sie waren alle interessiert an unseren Dingen, am Gespräch mit den Einheimischen, mit unseren Leuten. Ich habe länger mit einer Gruppe aus dem Friaul geredet. „Anche noi abbiamo l’autonomia“, sagten sie stolz, und wir redeten gescheit, welche denn besser sei. Freilich wurde getrunken, viel
getrunken, aber es hielt sich alles in Maßen ekelhafte Szenen habe ich keine gesehen, garstige Leichen auch nicht. (Das
wird schon deshalb sein, weil unser Präventionspapst, der mythische Peter Koler, bevor er die Stadt fluchtartig
verlassen hat, einen eindringlichen Appell an die Alpini gerichtet hat, nicht
zu viel zu trinken, sicher haben sie das beherzigt.)
Natürlich ziehen derartige Massentreffen neben zig Musikgruppen auch Hundertschaften
von (illegalen) Wanderhändlern an, von der Altstadt bis Gries war der Straßenrand ein einziger Teppich von Bodenhändlern. Brillen von Gucci, 5 Euro, Schuhe von Prada, 20 Euro. Ledergürtel 3 Euro, alles originale Fälschungen. Wo die nur alle hergekommen sind, aber an diesem Wochenende herrschte
in der Stadt das christliche Toleranzprinzip, auch die Polizei schaute weg,
jeder sollte teilhaben dürfen am Segen dieses Massenereignisses. Sicherlich haben viele verdient , auch
wenn die Wirte klagen, dass nicht herausgeschaut hat, arme Wirte, aber das
Klagen gehört zu ihrem Metier, sie verdienen nie, sind immer in Krise. Alle Buden waren
pumpvoll , verdient haben sie nichts bis wenig, weil die Alpini Selbstversorger
waren.
Der Raduno ist gelungen, noch nie herrschte in Bozen derartige Feierlaune.
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