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„ … das darf man nicht laut sagen“

Der Präsident des Cannabis Social Club, „Hanf“ Peter Grünfelder, erklärt, was sich mit dem Beschluss der Landesregierung konkret ändert – und was weiterhin verboten bleibt.

TAGESZEITUNG Online: Herr Grünfelder, die Landesregierung hat beschlossen, die Kosten für medizinischen Cannabiskonsum zu übernehmen …

Peter Grünfelder: Ja, endlich!

Wer nicht dem Steuerzahler zu Lasten fallen möchte, kann Cannabis jetzt daheim auf dem Balkon anbauen?

Nein, es geht bei dem Beschluss der Landesregierung ausschließlich um die medizinische Anwendung und um den Kostenersatz. Das Land hat jetzt mit mehrjähriger Verspätung das Staatsgesetz umgesetzt, wobei – und das ist gut so – das Gesetz auf einige weitere Pathologien ausgedehnt worden ist.

Wer hat ab jetzt Anrecht auf kostenloses medizinisches Cannabis?

Da wären einmal die chronischen und die onkologischen Schmerzpatienten. Dann Menschen mit Multipler Sklerose, Menschen, die unter einem Glaukom, also unter dem Grünen Star leiden. THC hilft bei Augeninnendruck. Dann weiters HIV-Patienten und Menschen, die unter Anorexia nervosa (psychogener Magersucht) oder dem Tourette-Syndrom (neuropsychiatrische Erkrankung mit Tic-Syndrom) leiden.

Was bedeutet die Entscheidung der Landesregierung für die Betroffenen?

Die Entscheidung ist brutal wichtig, weil die meisten Patienten haben das Cannabis bislang aus eigener Tasche bezahlen müssen. Die Kosten beliefen sich auf 200 bis 500 Euro im Monat. Weil das medizinische Cannabis so teuer war, haben die Ärzte auch nur geringe Mengen verschrieben.

Die Landesregierung schätzt, dass sie mit vier Kilogramm Cannabis über die Runden kommen wird …

(lacht) Ich glaube, da unterschätzen die Verantwortlichen das Phänomen. Allein wir haben bereits 200 Mitglieder. Viele Patienten, die ein Anrecht auf medizinisches Cannabis hatten, haben sich bislang kein Cannabis verschreiben lassen, weil sie es nicht hätten bezahlen können.

Sie denken, dass viele Patienten in Südtirol erst jetzt, wo Cannabis kostenlos ausgegeben wird, zum Arzt gehen …

Ja.

Wie sieht es diesbezüglich in Restitalien aus?

In Italien hat das Cannabis-Kontingent für das Jahr 2017 nur 370 Kilogramm betragen …

Warum sagen Sie „nur“?

In Kanada, wo nur halb so viele Menschen leben wie in Italien, wurden im Vorjahr 8,8 Tonnen medizinisches Cannabis verteilt …

8,8 Tonnen?

Ja, und das war noch nicht genug! Kanada hat an die 10.000 Lizenzen an Patienten ausgegeben, damit sie sich das Cannabis selbst anbauen können.

Wo haben sich die Südtiroler Patienten das Cannabis bis heute besorgt?

Das darf man nicht laut sagen.

Dann sagen Sie es leise …

Auf dem Schwarzmarkt. Oder sie sind zwangsläufig zu den traditionellen Kuren zurückgekehrt: Cortison, Interferon …

Der Cannabis Social Club, dem Sie vorstehen, fordert seit jeher, dass das Cannabis in Eigenproduktion angebaut werden darf. Bleiben Sie bei dieser Forderung?

Ja, weil ich davon ausgehe, dass es Probleme mit der Verfügbarkeit geben wird. In Italien wird das medizinische Cannabis vom Pharmazeutischen Institut des Heeres in Florenz angebaut. Die haben keine große Freude damit …

Florian Kronbichler und „Hanf“ Peter Grünfelder in Rom

Noch einmal die Frage: Wenn ein MS-Patient, der theoretisch Anrecht auf medizinisches Cannabis hätte, sich das Gras auf dem Balkon anbaut und dabei erwischt wird, dann …

… dann kann er strafrechtlich verfolgt werden.

Können wir noch einmal zusammenfassen: Das Land zahlt künftig das medizinische Cannabis, das nur in den Apotheken gegen Verschreibung ausgegeben wird …

Richtig.

Es gibt aber auch Fachgeschäfte, die vertreiben Cannabis-Produkte …

Richtig. Das TCH-haltige Cannabis, das vom Land ersetzt wird, wird nur in den Apotheken ausgegeben. Es gibt dann noch die CBD-Präparate wie Cannabis Light, die in Fachgeschäften …

… wie dem Ihrigen in der Bozner Dantestraße …

(lacht ) … ja, gleich neben den Karpf und neben dem Gefängnis …

… angeboten wird. Welcher ist der Unterschied zwischen THC-haltigen Cannabis, das in den Apotheken ausgegeben wird, und Ihrem Cannabis?

Unsere Präparate haben einen THC-Gehalt von weniger als 0,2-Prozent …

Helfen diese Präparate bei den vorhin genannten Pathologien?

Und wie!

Das sagen Sie als Geschäftsmann.

Nein, das sage ich als Präsident des Cannabis Social Club. Diese Präparate helfen sehr wohl, werden aber nicht als Medizin anerkannt.

Sie haben vorhin erklärt, Sie erwarten sich Engpässe in den Apotheken …

Ja, weil den Apotheken wird das Rohmaterial als gallenisches Rohprodukt angeliefert, sie müssen es also selbst zu Tee, Öl oder Zäpfchen transformieren. In Südtirol gibt es aber nur wenige gallenische Apotheken. In Bozen sieht es mit gallenischen Apotheken sehr schlecht aus, es gibt keine.

Wohin gehen die Patienten dann?

In der Meraner Gegend gibt es einige Apotheken. Auch gibt es einige Apotheken in Italien, bei denen man das medizinische Cannabis online bestellen kann.

Interview: Artur Oberhofer

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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