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Herbstliche Wortklauberei

Zwei Monate lang riefen das Jukibuz und die Sprachstelle im Südtiroler Kulturinstitut dazu auf, den Herbst sprachlich zu betrachten und die schönsten Wörter der Jahreszeit zu sammeln.

Nun stehen die Ergebnisse der herbstlichen „Wortklauberei“ fest: Aus 503 vorgeschlagenen Wörtern sticht ein Dutzend besonders hervor: Es sind Wortschöpfungen, Poetisches und fast vergessene Wörter.

Einmal den Alltagswortschatz verlassen und den Blick für die schönen Seiten von Sprache schärfen, das war die Idee hinter der Initiative WortSchatzSüdtirol. 561 Vorschläge mit Herbst-Wörtern erreichten das Südtiroler Kulturinstitut, so entstand eine Sammlung von 503 Wörtern, darunter auch Dialektwörter. Die Einsendungen zeigen, dass der Herbst ein „Fest der Sinne“ ist: Neben den Herbst-Geräuschen, Herbst-Gerüchen und Herbst-Gefühlen spielten die kulinarischen Herbst-Genüsse und Herbst-Farben eine große Rolle.

Zwölf Wörter sind den Initiatorinnen unter allen Einsendungen besonders aufgefallen: Die „Blattseneszenz“ für die Blattalterung ist ein poetisch klingender wissenschaftlicher Begriff. Zu den besonders kreativen Einsendungen zählten die Wortschöpfungen „dämmerungsschwermütig“, „fruchtschwer“ und „Gedankenernte“ sowie die Sprachspielerei „Herbstallerliebste/r“. Zu den fast in Vergessenheit geratenen Wörtern gehören: der „Klaubauf“, ein Krampus, der vor allem im Vinschgau den Nikolaus begleitet; die „Laubriese“, ein alter poetischer Ausdruck für den Herbst, der wörtlich Laubfall bedeutet, und „Tafelkratzer“ als alte Bezeichnung für die Erstklässler. „Mit „Laubgestöber“ findet sich ein Wort aus einem Gedicht von Heinz Piontek auf der Liste, eine schöne Wortbildung analog zum Schneegestöber.
Unter den besonderen Wörter sind auch drei Dialektwörter: Das aus der Ahrntaler Mundart stammende „Feidile“ ist ein zärtliches Streicheln über die Wange, so sanft wie die Herbstsonne im Gesicht; „Maringgele“ ist ein Ausdruck für die Gottesanbeterin; das dialektale „Herwischt“ hat dieselbe althochdeutsche Wurzel wie das englische Wort „harvest“ für Ernte.

Die von den Einsendern am häufigsten genannten Herbstwörter waren Herbstzeitlose, Altweibersommer, Erntedank, Törggelen, Almabtrieb und Farbenrausch. Alle eingesandten Wörter und Ergebnisse kann man auf der Internetseite des Südtiroler Kulturinstituts www.kulturinstitut.org nachlesen. So soll die erfreuliche „Wort-Ernte“ weiter Früchte tragen und Schreibende inspirieren.

Zwölf besondere Herbst-Wörter im Überblick:

Blattseneszenz
Begriff aus der Pflanzenphysiologie, bedeutet „Blatt-Alterung“. Von lat. „senescere“ für „altern, alt werden“. Auch wissenschaftliche Wörter können poetisch klingen.

dämmerungsschwermütig
Wenn die Morgendämmerung immer später kommt und die Abenddämmerung immer früher, kann man leicht schwermütig werden – auch ohne Herbstdepression. Eine schöne Wortschöpfung!

Feidile
Im Ahrntaler Dialekt ist dies ein alter Ausdruck für ein zärtliches Streicheln über die Wange – so sanft wie sich die Sonnenstrahlen der Herbstsonne im Gesicht anfühlen können.

fruchtschwer
Wenn reife Früchte die Äste im Herbst nach unten biegen, sind Bäume wahrlich „fruchtschwer“. Eine schöne Wortschöpfung!

Gedankenernte
Wenn sich ein Jahr oder Leben dem Ende neigt und jemand innehält, um seine Gedanken zu ordnen, so könnte die Wortschöpfung Gedankenernte eine schöne Beschreibung dafür sein.

Herwischt
Das dialektale „Herwischt“ kommt von dem althochdeutschen Wort „herbist“, bzw. dem Germanischen „harbista“. Dieselbe Wurzel hat das englische Wort „harvest“ für Ernte.

Herbstallerliebste/r
Herbstallerliebster oder Herbstallerliebste ist eine schöne Sprachspielerei mit den Wörtern Herzallerliebst und Herbst. Was man darunter verstehen könnte, überlassen wir Ihrer Phantasie!

Klaubauf
Den Krampus kennt jedes Kind. Vor allem in Matrei in Osttirol und in Teilen des Vinschgaus ist es auch der Klaubauf, der den Nikolaus begleitet.

Laubgestöber
Aus einem Gedicht von Heinz Piontek. Eine schöne Wortbildung in Analogie zum Schneegestöber.

Laubriese
= Laubfall, ein poetischer Ausdruck für den Herbst. Vom mittelhochdeutschen Wort „risan“ für „fallen“. Der US-Amerikaner drückt dasselbe im Wort „fall“ für Herbst aus. Das Mittelhochdeutsche „risan“ hat sich noch im Wort „rieseln“ (z. B. des Schnees) oder im Mundartwort „Rise“ für „Geländerinne“ erhalten.

Maringgele
Maringgele ist ein dialektaler Ausdruck für die Gottesanbeterin, die im Herbst noch Wärme tankt.

Tafelkratzer
Alter Ausdruck für die Schulanfänger, da diese noch auf einer Schiefertafel schreiben lernten. Erst ab der zweiten Klasse wurden sie dann zu „Tintenklecksern“.

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