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    Piffrader und das zweite Kunstwerk

    Fotos: Andreas Nestl (Tribus) und Markus Perwanger

    Am Sonntag wird am Bozner Gerichtsplatz die Schrift- und Lichtinstallation über dem Mussolini-Relief enthüllt, das damit zu einem Mahnmal werden soll. Holt man das Relief dadurch aus der Nichtbeachtung?

    von Arnold Tribus

    Am Sonntag wird die Stadt Bozen einen zweiten Schritt in Richtung Historifizierung eines faschistischen Denkmals erleben. Das magische Wort heißt ja „depotenziamento“, was eigentlich entmachten heißt. Man will einem Denkmal also die Aussagekraft nehmen, die ja von einem Großteil der Bevölkerung als Provokation empfunden wird, (vergessen wir aber nicht, dass es noch sehr viele Faschisten im Lande gibt, und Nazis natürlich auch). Dem Herrn Landeshauptmann ist diese künstlerische Umgestaltung ein Anliegen, er hat deshalb in einer Videobotschaft die Bevölkerung aufgerufen, am wortlosen Festakt teilzunehmen, der ein Akt der Besinnung werden soll. Das Haydn-Orchester wird den Akt musikalisch begleiten. Die Anbringung des Schriftzuges mit den Worten von Hannah Arendt sei die demokratische Antwort auf die Ikonografie der faschistischen Diktatur, aus dem Denkmal, das den Faschismus preist, werde nun ein Mahnmal, so der Landeshauptmann.

    Nach dem sehr geglückten Museum unter dem Siegesplatz, das dem Faschistentempel viel von der faschistischen Protzigkeit genommen hat, den es hatte, als vor dem Denkmal noch Alt-, Neo-, und Postfaschisten und Nostalgiker aufmarschierten und viele Italiener in ihm das Wahrzeichen der Italianitá Südtirols sahen, Zeichen des Sieges und somit ihrer Inbesitznahme des Landes, ist nun das Mussolini-Relief am Bozner Gerichtsplatz an der Reihe, ein Fries, der mit 36 Metern Breite und 5,5 Metern Höhe das größte Relief Europas ist. Diese große Hommage an den Faschismus schuf ein Südtiroler Künstler, Hans Piffrader, einer der größten Künstler des vergangenen Jahrhunderts. Der Genius findet ja auch als Toter keine Ruhe, über seine Kunst wird ja nicht geredet, er ist zum politischen Bauernopfer geworden, was seine politische Berechtigung haben mag, Piffrader ist zum Symbol aller faschistischen Scheußlichkeiten geworden, seine künstlerische Größe wurde ihm ganz einfach aberkannt.

    Dabei sollte man nicht vergessen, dass Piffrader, der heute als Faschist verhöhnt wird, zu den Gründern des Künstlerbundes zählte und von 1947 bis 1949 der erste Präsident des Künstlerbundes war. Damals war das Mussolini-Relief offensichtlich kein Problem. Und weil wir von Faschisten reden, soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass Südtirols bekannteste und beliebteste Maler des vorigen Jahrhunderts, alle, ich sage alle, zum Duce gefahren sind und diesem begeistert zugejubelt haben: Raimondo Mureda, die Fratelli Stolz, Francesco Lenhard, Ignazio Gabloner, Sigfrido Moroder, Rodolfo Nicolussi, Ulderico Giovacchini. Oscar Kastowski, Giuseppe Mahlknecht, Giovanni Prünster, Rodolfo Regele, Emilia Schmalzl, Tullia Socin, Massimiliano Sparer, Goffredo Überbacher, Giovanni Weber, Enrico Gschwendt. Auch auf der Bozner Biennale des Jahres 1938, die die Größe des mussolinianischen Zeitalters zelebrierte, treffen wir sie wieder alle: Gabloner mit seinem Werk „Macht des Faschismus“, Toni Planger mit „Ära Mussolini“, Alberto Stolz mit „Aufbauen“ usw.

    Das Monumentalwerk Piffraders, dass nun mit einer sehr dubiosen „Kunstaktion“ umgestaltet wurde, in der Aussage korrigiert, war bis vor nicht allzu langer Zeit im Dornröschenschlaf, dem Lauf der Geschichte überlassen, dreckig und unbeachtet. Weder die Deutschen und schon gar nicht die Italiener aus Stadt und Land wussten, dass das riesige Mussolini-Relief, das größte Europas, auf der ehemaligen Casa del Fascio, aus der dann das Finanzgebäude wurde, von einem Südtiroler Bildhauer geschaffen wurde. Es war dort, verstaubt und unbeachtet wie das ganze Gebäude. Dabei ist der Platz mit dem nun schön restaurierten Justizpalast und dem gegenüberliegenden Finanzgebäude einer der schönsten Plätze der neuen Stadt. Rationalistische Architektur pur. Ein Gesamtkunstwerk. Gute Architektur. Dass auf dem Justizpalast auch eine faschistische Inschrift prangt, hat man wohl nicht gesehen.

    Ursprünglich sollte das Relief ja verräumt werden, abgetragen, versteckt, verhüllt, an anderer Stelle aufgebaut, nur weg vom Finanzgebäude, das war der politische Wille. Es sollte entsorgt, endgültig auf dem Müllhaufen der Geschichte landen. (Erst Matthias Frei hatte den Mut, sich mit dem Künstler Piffrader kunsthistorisch auseinanderzusetzen, ihm verdanken wir 2005 eine große Ausstellung und einen schönen Katalog, nachdem er Jahrzehnte Tabu war.)

    Ich bleibe nach wie vor der Meinung, dass das Relief so bleiben sollte wie es ist, es handelt sich um ein politisches Auftragswerk, ein bedeutendes Kunstwerk, ganz unabhängig von der politischen Aussage. Es hätte genügt, dass man vor dem Werk Tafeln anbringt, die das Werk erklären. So einfach wäre das gewesen, aber das war wohl zu wenig. Und so hat man nach einem sinnlosen Wettbewerb von Künstlern und Kreativen aller Art beschlossen, dass man in ein bestehendes Kunstwerk hineinpfuschen darf, indem man quer über das Relief einen Schriftzug in den drei Landessprachen spannt mit dem Zitat von Hannah Arendt: „Niemand hat das Recht zu gehorchen“. Das Piffrader-Relief mit Leuchtschrift soll in der Nacht mit einem Lichtstrahl beleuchtet werden. Damit holt man das Relief aus der Vergessenheit und Nichtbeachtung, es wird mit dieser Aktion nun erst zum Denkmal. Wollte man das? Nun wird es allabendlich erstrahlen, gesäubert den Faschismus weiterhin glorifizieren. Unerhört finde ich die Tatsche, dass man sich da erlaubt, in ein bestehendes Kunstwerk einzugreifen, das hat es doch nie gegeben und sollte auch nicht Schule machen, dass man historische Kunstwerke ganz einfach korrigiert, dem neuen Zeitgeist entsprechend. Wir beruhigen unser demokratisches Gewissen, und morgen, wenn der Umgang mit der Historie entspannter sein wird, werden unsere Kinder die Schrift wieder abtragen.

    Mit der Auswahl des Zitates der Philosophin Arendt wollten die Künstler wohl zeigen, dass sie sehr belesen und gescheit sind. Es gibt aber ein kleines Problem: 90 Prozent der Bürgerschaft versteht den Spruch gar nicht. Der Spruch stimmt ja gar nicht, sagen die meisten, wäre noch schöner, dass man sich das Recht herausnehmen kann, nicht zu gehorchen. Das Zitat ist aus dem Kontext gerissen und kann ja nur verstanden werden, wenn man die ganze Geschichte kennt. Arendt bezog sich auf die Aussage von Eichmann nach dem Todesurteil beim  Prozess in Israel, der jede Schuld an den Judenmorden zurückwies: er habe nur gehorcht. Um den Spruch zu verstehen, braucht es eine weitere Erklärungstafel. Ist das der Sinn der antifaschistischen Aktion?

    Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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