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    Mord am Ostermontag

    Am Ostermontag 2002 wurde in Wahlen in Toblach die Leiche der 74-jährigen Maria Fronthaler aufgefunden. Im Zuge der italienweit ersten DNA-Rasterfahndung konnte der Täter gefasst werden. Jetzt erscheint das Buch zum Fall Andreas Kristler. Eine Leseprobe.

    Der Fall schockierte Südtirol!

    Am Ostermontag des Jahres 2002 wurde in Toblach die Leiche von Maria Fronthaler aufgefunden.

    Die Autopsie ergab: Die 74-Jährige wurde vergewaltigt und so lange mit Fußtritten traktiert, bis sie an einer Herzquetschung starb. Der Todeskampf der alten Frau dauerte zehn Minuten!

    Doch der Mörder hatte am Tatort Spuren hinterlassen: sein Sperma und Fingerbadrücke am Fenster, das er eingeschlagen hat, um in das Pahler-Häuschen in Wahlen einzudringen.

    Staatsanwalt Axel Bisignano beschritt einen völlig neuen Weg – er ordnete eine DNA-Rastfahndung an. Es war dies die allererste DNA-Rasterfahndung in der italienischen Kriminalgeschichte!

    Dutzende Männer aus Toblach und Umgebung mussten in der Folge ihre Speichelproben abgeben – und wenige Wochen nach der Bluttat von Wahlen schnappte die Falle tatsächlich zu.

    Auf der Grundlage von bislang unter Verschluss gehaltenen Akten und Augenzeugenberichten dokumentiert TAGESZEITUNG-Chefredakteur Artur Oberhofer nun erstmals diesen spektakulären Kriminalfall.

    So rekonstruiert der Autor, beispielsweise, den Tag, an dem die Mitarbeiter des Speziallabors der Carabinieri in Parma (RIS) den Treffer im Labor landeten, der zur Verhaftung eines bis dahin unbescholtenen jungen Mannes führte: Andreas Kristler, 19 Jahre jung, aus Wahlen.

    Eine Leseprobe aus dem Buch:

    Freitag, 7. Juni 2002. Fahndungsabteilung der Carabinieri, Bozen.

    Francesco Malinverni und seine Kollegen Werner Schiller und Wolfgang Atz kommen nach einer Kaffeepause gerade in ihr Büro zurück, als kurz nach 08.30 Uhr das Telefon klingelt.

    Am anderen Ende der Leitung ist ein leitender Mitarbeiter des Speziallabors der Carabinieri in Parma.

    Francesco Malinverni, der den Hörer abnimmt, verschlägt es fast die Sprache. „Bitte? Das ist ja Wahnsinn! Das ist super!“

    Er fragt noch einmal nach: „Seid ihr sicher? Seid ihr ganz sicher?“

    Der Carabinieri-Beamte erhebt sich aus seinem quietschenden Drehstuhl, blickt mit weit aufgerissenen Augen zu seinen Bürokollegen und hält kurz die Hand auf die Sprechmuschel: „RIS, Parma, sie haben ihn!“

    Francesco Malinverni hört gespannt zu, was der Anrufer noch zu berichten hat.

    Der Carabinieri-Beamte erfährt, dass der genetische Fingerabdruck des positiv Getesteten nahezu identisch sei mit dem DNA-Code, der aus dem Sperma an der Leiche der Toten von Maria Fronthaler isoliert wurde.

    Damit auch seine beiden Kollegen an der spektakulären Wende in Realzeit teilhaben können, spricht Francesco Malinverni laut nach, was ihm der Kollege aus dem RIS-Labor in Parma erzählt.

    „Ah, wir können also davon ausgehen, dass der positiv Getestete ein Verwandter ersten Grades des Täters ist.“

    Francesco Malinverni sucht immer wieder den Blickkontakt zu seinen Kollegen und macht das Daumen-hoch-Zeichen. Dann fragt er: „Wie heißt unser Mann?“

    „Der positiv Getestete heißt Jakob Kristler.“

    Francesco Malinverni notiert sich den Namen und das Geburtsdatum.

    Werner Schiller und Wolfgang Atz merken, dass ihr Kollege wie elektrisiert ist, dass er am liebsten aus seiner Haut fahren würde.

    „Ihr seid die Besten!“, ruft Francesco Malinverni ins Telefon, bevor er sich vom Anrufer verabschiedet und den Hörer auf die Gabel knallt.

    Werner Schiller und Wolfgang Atz können es kaum erwarten, die offenbar so bahnbrechende Neuigkeit zu erfahren. „Los, komm schon, erzähl, was ist los?“, fragt ganz gespannt Werner Schiller.

    Francesco Malinverni tut sich in seiner Aufregung schwer, einen klaren Satz zu formulieren. „Treffer. Ein Treffer im Labor. Sie … Wir haben ihn!“

    „Ein positiver DNA-Test? Wie heißt der Kerl?“, fragt Wolfgang Atz.

    Francesco Malinverni blickt auf den Notizzettel, auf dem er den Namen des mutmaßlichen Mörders von Maria Fronthaler notiert hat. „Der positive Test stammt von einem gewissen Jakob Kristler, Jahrgang 1934, er dürfte der Vater des Täters sein.“

    Ist das die Wende in den Ermittlungen zur Bluttat von Wahlen?

    In den Amtsräumen der Fahndungsabteilung der Carabinieri in Bozen herrscht jetzt eine euphorische Hektik.

    Die positive Speichelprobe stammt von Jakob Kristler. Der Mann, 68, wohnt in der Silvesterstraße 115 in Wahlen, ist pensionierter Maurer. Er ist verheiratet, hat zwei             Töchter – und einen Sohn.

    Der Ermittlungsmotor läuft an. Es geht Schlag auf Schlag. Die Beamten der Fahndungsabteilung der Carabinieri stellen fest, dass Andreas Kristler, der am 30. Juli 1983 geborene Sohn von Jakob Kristler, derzeit seinen Wehrdienst ableistet. Die Fahnder kontaktieren den IV. Armeekorps in Bozen und erfahren dort, dass der junge Mann aus Wahlen beim 6. Alpini-Regiment in Bruneck stationiert ist.

    Die Carabinieri-Beamten schließen sich noch vor Mittag mit dem Kommando in der Kaserne in Bruneck kurz. Andreas Kristler, so heißt es dort, habe um 11.00 Uhr einen kurzen Heimaturlaub angetreten.

    Die Männer der Fahndungsabteilung der Carabinieri in Bozen informieren ihre Kollegen in Toblach. Von Bozen aus starten gegen Mittag mehrere zivile Einsatzfahrzeuge der Carabinieri Richtung Toblach. Die Carabinieri von Toblach observieren indes bereits das Haus Nr. 115.

    Der Mörder sitzt in der DNA-Falle!

    Vor dem Nr. 115 Haus steht ein Opel Corsa mit dem amtlichen Kennzeichen BZ 526098.

    Es ist der Wagen von Andreas Kristler.

    Kurz nach 13.00 Uhr erfolgt der Zugriff.

    Andreas Kristler verlässt das Haus und schwingt sich auf sein Mofa. Er trägt ein militärgrünes T-Shirt. Keine hundert Meter von seinem Wohnhaus entfernt wird der junge Mann angehalten. Er weist sich mit seiner Identitätskarte aus und steigt anstandslos in eines der zivilen Einsatzfahrzeuge der Carabinieri.

    Nachdem er auf der Rückbank zwischen zwei Beamten in Zivil Platz genommen hat, sagt Andreas Kristler:

    „Ich weiß schon, warum ihr mich sucht. In der Nacht des Mordes war ich allein, als ich die Frau ermordet habe. Ich habe es alleine getan, und ich habe es niemandem erzählt.“

    Ist der Mörder in die DNA-Falle getappt?

    Die Carabinieri-Beamten fahren mit Andreas Kristler zurück zu dessen Wohnhaus.

    Auf die Frage der Beamten, ob er sich von seinen Familienangehörigen verabschieden wolle, sagt Kristler:

    „Nein, bitte nicht, ich will niemanden aus meiner Familie sehen, weil ich mich so sehr schäme.“

    Andreas Kristler erklärt den Carabinieri-Beamten, wo sie im Haus die Kleider, die er in der Tatnacht getragen hat, finden können.

    Die Turnschuhe, die er an jenem Freitag trägt, seien dieselben, die er in der Mordnacht getragen habe, erklärt er.

    Ortswechsel.

    Staatsanwalt Axel Bisignano weiß noch nichts von seinem Ermittlerglück. Er befindet sich am frühen Nachmittag im Büro des Leitenden Oberstaatsanwaltes Cuno Tarfusser, als sein Handy klingelt.

    Bisignano und Tarfusser sehen sich gerade ein Spiel der Fußball-WM an.

    Seit 13.30 Uhr spielt Argentinien im Sapporo Dome vor 35.927 Zuschauern gegen England. Schiri ist der Italiener Pierluigi Collina.

    In der 44. Spielminute hat David Beckham einen Elfmeter verwandelt. Das 1 zu 0 für England wird später auch der Endstand sein.

    Der Anrufer am anderen Ende der Leitung sagt: „Dottore, wir haben ihn!“

    Axel Bisignano lässt sich tief in den Drehstuhl zurückfallen und schaukelt nervös hin und her.

    Der Staatsanwalt fragt konsterniert nach: „Wen habt ihr?“

    „Wir haben den Mörder der Frau Fronthaler!“

    Das Buch bietet tiefe Einblicke in die Arbeit der Ermittler. Penibel rekonstruiert der Autor die einzelnen Ermittlungsschritte. Und er enthüllt, wie die Dorfbewohner von Wahlen sich in den Tagen und Wochen nach der Tat gegenseitig angeschwärzt und beschuldigt haben. „In Wahlen“, so Artur Oberhofer, „herrschte damals der emotionale Ausnahmezustand, die Menschen waren mit dieser Tragödie völlig überfordert, das ganze Dorf war eine einzige Schlangengrube, gleichwohl hoffte man in dem urigen Weiler inständig, dass der Mord ein importiertes Problem sei, dass also der Täter von auswärts gekommen ist.“

    Es sollte anders kommen.

    Auch beleuchtet Artur Oberhofer die Motive und das Herkunftsmilieu des Täters.

    Die Bluttat im Pahler-Häuschen war für die Menschen im Hochpustertal ein traumatisches Ereignis, das bis heute nachwirkt. Insbesondere der Umstand, dass es sich beim Täter um einen jungen, bis dahin völlig unauffälligen Mann aus dem Ort handelte, hat die Menschen geschockt und fassungslos gemacht.

    Eine der zentralen Fragen, die Artur Oberhofer in dem Buch nachgeht, war denn auch: Wer ist Andreas Kristler? Warum wurde dieser „brave Bub“ (so Richterin Carla Scheidle) in der Nacht auf den Ostermontag 2002 zum Mörder?

    Auf der Grundlage der psychiatrischen Gutachten erstellt der Autor ein Psychogramm des Täters.

    Das Fazit von Artur Oberhofer:

    „Andreas Kristler, der inzwischen ein freier Mann ist und in einer norditalienischen Gemeinde ein neues Leben begonnen hat, kann nur weiterleben, weil er von Beginn an ein sehr distanziertes Verhältnis zur Tat entwickelt hat.

    Er kennt den jungen Mann, der die 74-jährige Maria Fronthaler zuerst vergewaltigt und in der Folge brutal zu Tode getreten hat, nicht. Er erlebt diesen Mann, der in jener Osternacht zum Mörder wurde, als ein völlig abstraktes Wesen.

    Andreas Kristler ist sich – was die verhängnisvolle Osternacht angeht – selbst fremd!“

    Das Buch

    Der erste Band aus der Reihe „Die großen Kriminalfälle in Südtirol“ von Artur Oberhofer erschien im Jahr 2005. Es folgten weitere sieben Bände. Nun liegt der achte Band aus dieser Reihe vor.

    Das wiederum im Eigenverlag des Autors (edition AroB) erschienene Buch mit zwei spektakulären Kriminalfällen ist 470 Seiten stark und in allen Buchhandlungen erhältlich.

    Neben dem Mordfall Maria Fronthaler hat Artur Oberhofer ein rätselhaften Giftmord in Tramin aus dem Jahr 1974 dokumentiert – den Fall Walter Wenter.

    Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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