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    Ist Fasten gesund?

    Fasten wird immer beliebter. Immer mehr Menschen verzichten der Gesundheit wegen zeitweise auf feste Nahrung, aber was ist Heilfasten eigentlich?

    TAGESZEITUNG Online: Herr Chiappa, ist Fasten gesund?

    Andrea Ciro Chiappa (Leiter der Deutschen Fastenakademie): Fasten ist gesund, wenn man es richtig macht und der Patient die nötigen Voraussetzungen mitbringt. Der Patient muss gesund sein, darf keine verschreibungspflichtigen Medikamente einnehmen und hat auch ausreichend körperliche Reserven, um diese Fastenkur durchzuziehen.

    Was ist Fasten eigentlich? Das Verzichten auf Schokolade oder Alkohol in der Fastenzeit oder steckt mehr dahinter?

    Es gibt zwei große Unterschiede: Der Volksmund spricht bei jeder Form des Verzichts auf liebgewonnene Gewohnheiten vom Fasten. Dann gibt es aber noch das Heilfasten. Der Ottonormalverbraucher versteht unter Fasten einen Verzicht, sozusagen als geistige Übung – wenn man es mit bestimmten Gewohnheiten übertrieben hat, wenn man aus religiösen Gründen auf Produkte verzichtet usw. Medizinisch fastet man, sobald sich der Fastenstoffwechsel einstellt – sobald eine Stoffwechsellage, Stichwort starkes Absenken des Insulin- und Blutzuckerspiegels, einsetzt. Wenn das passiert – das passiert wenn man weniger als 600 Kilokalorien pro Tag zu sich nimmt – dann stellt sich der Fastenstoffwechsel ein. Die Definition der deutschen Fastenärzte ist sogar noch klarer und besagt, dass Fasten der bewusste und zeitlich begrenzte Verzicht auf feste Nahrung ist. Sobald man sich in diesem Modus befindet, erreicht man dann auch viele medizinische Wirkungen.

    Nur Wasser, Tee, etwas Brühe, keine feste Nahrung, kein Alkohol. Braucht der Körper nicht eine ausgewogen Ernährung?

    Man muss hier klar anmerken, dass es sich beim Fasten um eine zeitlich begrenzte Phase handelt. Und genau dieser Punkt ist enorm wichtig: Je nach Ressourcen legt man die Fastendauer fest und danach – und das ist mindestens genauso wichtig – muss man wieder zu einer normalen Ernährung zurückfinden. Das große Ziel ist Lebensstilmodifikation – der Mensch soll in einen gesundheitsbewussten Lebensstil hineingeführt werden. Zudem ist das Heilfasten nach Buchinger ja auch keine Nulldiät: Man nimmt 300 bis 500 Kilokalorien Flüssignahrung über frische Säfte oder Brühen zu sich. Diese wenigen Nährstoffe werden dann sehr effektiv verwertet.

    Das heißt, dass man nicht auf eigene Faust eine Fastenkur beginnen sollte, sondern dies stehts in Absprache mit Ärzten tun sollte…

    Eine Fastenkur birgt viele Stolpersteine und gerade Erstfaster sollten sich professionell begleiten lassen. Nur wenn man einen Entspannungsmodus erreicht, wirken diese immunsystemverbessernden Effekte, ansonsten kann es auch schief gehen und die Leute urteilen dann negativ über diese Erfahrungen.

    Wie sehen die positiven Effekte des Fastens aus? 

    Die Antwort auf diese Frage bräuchte viele Worte. Das Fasten beeinflusst viele Strukturen des Körpers und dementsprechend gibt es viele verschiedene Wirkungen und Effekte. In erster Linie entlastet das Fasten die strapazierten Strukturen des Körpers. Wenn der Mensch zu viel Körperfett, Bauchfett oder Körpergewicht hat, dann belastet das unser System, die Organe, den Körper und die Atmung enorm. Da wirkt Fasten am schnellsten lindernd, weil man es schafft, diese Überschusssituation am schnellsten zu ändern. Das Fasten reduziert aber auch das Stresssystem des Körpers, das Nervensystem und auch Herz-Kreislauf beruhigen sich. Und diese Beruhigung fördert die Selbstheilungskräfte. Natürlich wird durch diese Esspause auch der Darm entlastet. Wir erreichen eine maximale Schonung des Körpers und dadurch kann er praktisch auch Altlasten bearbeiten. Und noch etwas: Das Fasten zwingt den Körper in die Fettverbrennung. Dieses Fettverbrennungstraining optimiert unseren Energiehauhalt und dadurch sind wir leistungsfähiger.

    Kann man Fasten und den normalen Alltag verbinden?

    Einige Menschen können das sehr gut, andere wiederum verbinden Fasten mit einer kurzen Auszeit. Wer sehr stressempfindlich ist, kommt aber wahrscheinlich mit dem Fasten im Alltag nicht so gut zurecht – Fasten und Stress sind Gift für den Körper.

    Fasten erfreut sich in Deutschland mittlerweile großer Beliebtheit. Eigene Fastenkuren und Urlaube werden gar angeboten. Warum ist das Fasten so beliebt?

    In Deutschland, Frankreich und Österreich wird Fasten immer beliebter. Auch in Südtirol ist Fasten im Kommen, da es ideal kombinierbar mit Wandern ist. Die Beliebtheit liegt wahrscheinlich in dieser Kombinierfähigkeit: Fasten und Bewegung in der Natur. Heute versuchen die Menschen mehr Dinge auf einen Schlag zu erreichen. Beim Fasten kann man Gesundheit und Wandern verbinden.

    Viele Fasten um ihren Körper zu entschlacken und zu entgiften. Muten wir unserem Körper Tag für Tag zu viel zu, dass es eine Entgiftungs-Kur braucht? Ist unser Lebensstil so ungesund?

    Es gibt sicher Umweltbelastungen, die zugenommen haben, aber auch jene, die abgenommen haben. Was wir mit Entschlacken meinen ist ein Sinnbild: Der Mensch fühlt sich nach dem Fasten entschlackt wie ein gesäuberter Ofen, der wieder gut zieht. Man fühlt sich wieder frischer, energiereicher und gesünder. Heute gibt es aber auch Indizien dafür, dass angereichertes Material, welches den Körper belastet, durch das Fasten abgebaut wird.

    Werden die Wirkungen des Fastens von allen Ärzten anerkannt oder gibt es noch relativ häufig Diskussionen über die Wirkung?

    Das Fasten erfordert die Mitarbeit des Patienten. Fasten ist eine sehr intensive Maßnahme, die auch Nebenwirkungen haben kann und daher braucht es medizinische Fachkenntnisse. Jemandem ein Medikament zu verabreichen ist für einen Arzt relativ schnell und einfach und das einzige was der Patient tun muss, ist das Medikament einzunehmen. Beim Fasten braucht es mehr Mitarbeit vonseiten des Patienten. Zudem ist auch der Informationsfluss bei Medikamenten viel stärker als beim Heilfasten. Das bedeutet, dass sich auch die Ärzte sehr gut informieren und vom Fasten überzeugt sein müssen.

    Wer sollte besser nicht fasten?

    Nicht fasten sollten schwangere und stillende Frauen, aber auch schwer kranke oder unterernährte Menschen. Auch alte Menschen, die keine Ressourcen haben, sollten vom Fasten absehen. Wer kontrollpflichtige Medikamente einnimmt sollte nur unter ärztlicher Anleitung fasten.

    Interview: Lisi Lang

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