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    Finsterer Tunnel

    Der Südtiroler Tunnelbauer Oberosler steckt tief in der Krise: Das Unternehmen mit Sitz in St. Lorenzen und Bozen hat um den gerichtlichen Ausgleich angesucht. Die Hintergründe. 

    von Silke Hinterwaldner 

    Am 9. Oktober schien die Welt noch in bester Ordnung. An diesem Tag wurde der neue, aufwändig errichtete Tunnel bei Atzwang endlich eröffnet. Großen Applaus gab es dabei freilich auch für jenes Unternehmen, das den Tunnel gebaut hat: Oberosler Cav. Pietro GmbH mit Außensitz in Bozen und Stammsitz in St. Lorenzen.

    An diesem Oktobertag war aber längst klar, in welch prekärer wirtschaftlicher Situation sich das Traditionsunternehmen befindet: die Rede ist von drohendem Konkurs, ausstehenden Löhnen, unsicherer Zukunft. Zwei Wochen später spricht Paolo Venturi Klartext. „Am Samstag“, sagt er, „haben wir um einen gerichtlichen Ausgleich (concordato, Anm. d. Red.) angesucht. Auf diesem Weg möchten wir den Betrieb neu ausrichten, um auch in Zukunft weiterabreiten zu können. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Es gibt kein Konkursverfahren.“ Venturi ist als Anwalt des Tunnelbauers damit beauftragt, dieses Ausgleichverfahren einzuleiten und zu begleiten.

    Zur Erinnerung: Die rechtliche Möglichkeit eines „concordato in bianco“ gibt es erst seit wenigen Jahren, sie soll in erster Linie dazu dienen, Unternehmen in der Krise eine zweite Chance zu geben und die bedrohten Arbeitsplätze zu retten. Dazu gibt es im Pustertal zwei prominente Beispiele. Sowohl das Bauunternehmen ZH als auch die Hobag selbst hatten um einen solchen gerichtlichen Ausgleich angesucht, während ZH bei diesem Rettungsversuch scheiterte, wurde er der Hobag gewährt.

    Nun also steht auch der Tunnelbauer Oberosler auf der Liste der bedrohten Unternehmen. Das Gefühl der Krise ist dabei für die Mitarbeiter nicht neu. Bereits im Jahr 2013 musste das Unternehmen den damals insgesamt 200 Mitarbeitern – 30 Prozent davon arbeiten in Südtirol, die anderen sind in Büros und auf Baustellen außerhalb der Provinz untergebracht – zehn Prozent des Lohns kürzen. Wurden die Aufträge knapp, mussten die Arbeiter in Lohnausgleichkasse überstellt werden. Damals gab man sich aber noch recht zuversichtlich, schließlich war Oberosler bekannt dafür gute Löhne zu zahlen und durch öffentliche Aufträge eine solide Basis zu haben.

    Aber so richtig erholt hat sich der Tunnelbauer von den Folgen der Wirtschaftskrise nie. Zum einen waren über Jahre die Aufträge immer kleiner geworden, zum anderen gab es in der Region zu wenig zu tun, so suchte man auswärts nach Beschäftigung. Das lief nicht immer ohne Probleme. Schmerzlich in Erinnerung bleibt vielen Beschäftigten bei Oberosler der Auftrag für einen 400 Meter langen Eisenbahntunnel zwischen  Genua und Mailand. Oberosler war bei diesem Projekt Teil eines Konsortiums namens Cociv, das die Ausschreibung dazu für sich entscheiden konnte. Aber das 67-Millionen-Euro-Projekt versank in einem Schmiergeld- und Korruptionsskandal, das mit der Verhaftung von 34 Beteiligten endete. Unter ihnen sollen auch zwei Mitarbeiter von Oberosler sein, allerdings nicht aus der Provinz Südtirol. Im Jänner war das Unternehmen Oberosler aus dem Konsortium ausgestiegen, aber der monetäre Schaden bleibt enorm. Ob die finanziellen Forderungen von Oberosler irgendwann erfüllt werden, kann im Moment wohl niemand mit Sicherheit sagen.

    Fakt ist: Im Moment fehlt auch dieses Geld. „Aber“, erklärt Anwalt Paolo Venturi, „der Verlust dieser Arbeiten hat die Situation beim Unternehmen zwar verschärft, aber dies ist nicht der einzige Grund für die Krise.“ Vielmehr haben die schlechte Stimmung am italienischen Immobilienmarkt und die schwächelnde Auftragslage im Tunnelbau dazu beigetragen, dass man heute an diesem Punkt angelangt ist. In Südtirol wird  Oberosler als ein großer einheimischer Tunnelbauer wahrgenommen, aber das Unternehmen ist in vielen Regionen, vor allem für den staatlichen Straßendienst Anas in Sardinien, und auch in mehreren unterschiedlichen Bereichen tätig. Seine Wurzeln sind aber weiterhin in Bruneck und St. Lorenzen: Dort hatte Vater Pietro Oberosler mitten in den Boomjahren 1960 das Unternehmen gegründet und sich vor allem auf den Straßen- und Tunnelbau konzentriert, schnell war er aufgestiegen zu einem florierenden Betrieb. Oberosler ist immer noch geführt als Familienbetrieb. Heute allerdings kämpft Nachfolger Stefano Oberosler wirtschaftlich ums Überleben.

    „Kein einziger Arbeiter“, unterstreicht der Anwalt, „soll ohne Arbeit bleiben.“ Aber er muss freilich auch zugeben, dass man sich in einer sehr delikaten Phase der Unternehmensgeschichte befindet. Schließlich geht es bei Oberosler um Projekte mit einem Wert von 350 Millionen Euro – und um die Zukunft von 185 Mitarbeitern.

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    Kommentare (4)

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    • einereiner

      Komisch, viele Firmen, die meinten in Italien gute Geschäfte machen zu können, sind jetzt pleite.
      Sind die Südtiroler doch nicht die Bestigschten beim Einschätzen der Lage bzw. i
      più furbi d`italia?
      Die einzigen Südtiroler, die in Italien ohne Risiko richtig abkassieren können, sind die Politiker.

    • vogel

      „Aber das 67-Millionen-Euro-Projekt versank in einem Schmiergeld- und Korruptionsskandal“….
      Das kommt mir, im Zusammenhang mit der Firma Oberosler, irgendwie bekannt vor.

    • guyfawkes

      ….“Aber das 67-Millionen-Euro-Projekt versank in einem Schmiergeld- und Korruptionsskandal, das mit der Verhaftung von 34 Beteiligten endete. Unter ihnen sollen auch zwei Mitarbeiter von Oberosler sein, allerdings nicht aus der Provinz Südtirol.“
      Aha – und weshalb sollte der Umstand dass die Mitarbeiter gegen welche Beschuldigungen erhoben worden sind ihren Wohnsitz nicht in Südtirol haben in irgendeiner Form relevant bzw von Interesse sein? Ist es dann weniger schlimm bzw dürfen wir uns Südtiroler jetzt deshalb besser fühlen?
      Ich kann dieses ewige „in Südtirol ist alles Besser“ Gehabe langsam nicht mehr hören.

    • franz02

      Ein absoluter Skandal ist die Tatsache, dass öffentliche Einrichtungen und der Staat selbst jahrelang die Arbeiten nicht bezahlen und die Firmen somit riesige Ausstände haben und in den Konkurs getrieben werden. Ein Lotterstaat. Bei den Steuerzahlern duldet man keinen Aufschub, zumindest bei denen, die Steuern bezahlen.

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