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    „Tschöggl, Hinterwäldler“

    Die deutschen Südtiroler sind „Hinterwäldler“, behandeln die italienischen Touristen schlecht. Und der Faschismus war gut für den Tourismus. Mit diesen und anderen haarsträubenden Aussagen wollte sich die Meraner Stadtregierung als „Italienische Kulturhauptstadt 2020“ bewerben. 

    von Artur Oberhofer

    Es war irgendwann im Mai dieses Jahres, als die Mitglieder der SVP-Fraktion im Meraner Gemeinderat das Papier zu Gesicht bekamen – den Entwurf für die Bewerbung der Passerstadt als „Italienische Kulturhauptstadt 2020“.

    Die SVP-Leute fühlten sich am Ende doppelt brüskiert: Denn erstens erhielten sie den Entwurf erst wenige Tage vor der Abgabefrist aushändigt. Und zweitens enthielt das 50-seitige Dokument haarsträubende Aussagen.

    Etwa: Die deutschen Südtiroler seien Hinterwäldler/Tschöggl. Die Südtiroler deutscher Zunge seien unfreundlich zu den italienischen Gästen. Und: Der Faschismus habe „Gutes“ für den Tourismus getan.

    Die Meraner SVP, die der Bewerbung Merans als „Italienische Kulturhauptstadt 2020“ eh schon sehr skeptisch gegenüberstand (ein ranghohes Mitglied der Meraner Volkspartei: „Wir haben keine große Gaudi mit der Sache“), waren entsetzt.

    Nach Informationen der TAGESZEITUNG war es in der Folge der Meraner SVP-Chef Andreas Zanier, der den Koalitionspartnern die Rute ins Fenster stellte. Nach dem Motto: Entweder der Text wird geändert – oder die SVP trägt die Bewerbung nicht mehr mit.

    Andreas Zanier & Co. ärgerten sich insbesondere über den Umstand, dass ihnen das Papier erst so später übergeben worden ist. „Das war allein schon von der Form her eine Viecherei“, so heißt es aus der Meraner SVP.

    Andreas Zanier stellte zunächst Vizebürgermeister Andrea Rossi zur Rede. Doch der zeigte dem Koalitionspartner die kalte Schulter.

    Ein Insider berichtet:

    „Der Vizebürgermeister hat gesagt, er wisse, dass einige Dinge in dem Papier nicht stimmen, aber man müsse die Situation Südtirols in Rom so darstellen, weil man sonst keine Chance habe, zu gewinnen.“

    Mehr noch: Andrea Rossi weigerte sich kategorisch, Korrekturen an dem Text vorzunehmen. Der Vizebürgermeister richtete der SVP aus: „Wir ändern keinen Beistrich.“

    Die Situation drohte zu eskalieren, denn die SVP drohte dem Vizebürgermeister allen Ernstes damit, die Koalition zu verlassen.

    Ein SVP-Insider: „Wir hatten schon beschlossen, aus der Koalition auszusteigen.“

    Weil er mit dem Vizebürgermeister auf keinen grünen Zweig kam, wandte sich SVP-Stadtobmann Andreas Zanier an den Bürgermeister. Paul Rösch zeigte Verständnis für die Wünsche der SVP. „Der Bürgermeister ist zwar selbst ein glühender Fan dieser Bewerbung, aber er hat uns in allen Punkten Recht gegeben“, heißt es in der Meraner SVP.

    Tatsächlich wurden in der Folge die beanstandeten Passagen aus dem Text entfernt. Das Dokument, so heißt es, sei „komplett umgeschrieben worden„.

    Der TAGESZEITUNG liegt der ursprüngliche Entwurf , der von der Meraner Stadtregierung wie ein Staatsgeheimnis gehütet worden war, nun exklusiv vor.

    Es beginnt schon mit der Feststellung in dem Dokument, dass erst unlängst das „45-jährige Jahrestag des Paketabschlusses“ gefeiert worden sei. Den Verfassern ist entgangen, dass erst 25 und nicht 45 Jahre vergangen sind.

    Die Einheit Tirols wird in dem Dokument als „antihistorisch“ bezeichnet („I richiami all’unità del Tirolo sono voci antistoriche, ma insistenti“). Die SVP verlangte die Korrektur dieser Passage mit dem Argument: „Wenn die Einheit Tirols antihistorisch ist, was ist dann die Annexion Südtirols durch Italien?“

    Eine weitere von der SVP beanstandete Pasasage: In Meran gebe es viele „rationalistische Bauten“. Die SVP fragte zurück: „Wo, außer in Sinich, sind denn nun die vielen rationalistischen Bauten in Meran?“

    Auch heißt es in dem ersten Bewerbungsschreiben, die Italiener in Südtirol würden durch das System im Vergleich zu den Deutschen benachteiligt und täten sich schwerer bei der Arbeitssuche („Chi tra i giovani fa esperienze formative e professionali fuori dal territorio fatica a tornare se il suo orizzonte è quello del semplice lavoro dipendente. Più facile invece per chi fonda la stabilità della propria vita sul patrimonio familiare (terreni agricoli, alberghi, esercizi commerciali, aziende). Un dato storicamente a vantaggio della comunità di lingua tedesca“).

    Die Italiener werden in dem Dokument als weltoffene Bürger dargestellt, die deutschsprachigen Südtiroler als rückwärtsgewandte Tschöggl.

    Ein Zitat aus dem ursprünglichen Dokument:

    „Sussistono ancora mura invisibili nel sistema altoatesino/sudtirolese: efficace nel garantire la tutela del patrimonio linguistico e culturale di una minoranza nazionale, ancora in difficoltà nel promuovere un incontro reale (…). La differente distribuzione sul territorio provinciale delle due comunità porta alla costruzione di percorsi, di mondi sociali e culturali ugualmente differenti. Assolutamente più cittadini gli italiani, più valligiani i tedeschi.“

    Die deutschsprachigen Südtiroler – die Hinterwäldler.

    Die Verfasser des Dokuments haben auch klare volkstumspolitische Ziele

    In dem Dokument steht:

    „A partire da questi sforzi e da queste crepe nasce la vera sfida di Merano a divenire Capitale Italiana della cultura 2020: la messa a tacere dei rigurgiti estremisti di coloro che cavalcano vuoi la separazione delle due comunità, vuoi l’autodecisione del territorio, vuoi infine addirittura il riposizionamento dei confini nazionali.“

    Das Credo: Meran müsse Kulturhauptstadt Italiens werden, um sezessionistischen Tendenzen entgegenzuwirken.

    Die SVP beanstandete außerdem, dass die Verfasser den Faschismus verharmlost hätten, dieser habe – so steht es in dem Dokument – für den Meraner Tourismus sogar „Gutes“ getan.

    Ein Auszug:

    „L’Italia nazionalista promuove miratamente il turismo con i soggiorni di alte cariche dello Stato, con manifesti pubblicitari, con articoli sulle riviste illustrate e con filmati appositamente girati. Merano ne trae vantaggio, pur restando vittima della strategia a doppio taglio del fascismo.“

    In dem 50-seitigen Dokument werden unzählige Initiativen aufgezählt, die realisiert werden sollen, falls Meran tatsächlich den Zuschlag kommen sollte. Eine dieser Initiativen sollte auch eine Marketing-Aktion sein, mittels der Meran als weltoffene Stadt dargestellt werden sollte. Der Hintergrund: Laut den Verfassern des erstens Entwurf seien die Südtiroler nämlich unfreundlich zu ihren Gästen.

    Noch ein Auszug aus dem Dokument:

    „L’Alto Adige/Südtirol, e di conseguenza anche Merano, vengono percepiti senza dubbio come un territorio attrattivo dal punto di vista naturalistico e della qualità di vita. Di contro, soprattutto il turismo nazionale, lamenta scarsa cordialità nei locali, una mentalità piuttosto chiusa e una certa insofferenza al fenomeno turistico.“

    Das Fazit dieser Geschichte: Die Südtiroler Städte scheinen mit ihren Bewerbungen als „Kulturstadt Italiens“ wenig Glück zu haben.

    Die (glücklose) Bozner Bewerbung hatte eine Ermittlung des Rechnunghofes zur Folge. Einige Landesbeamte und LH-Stellvertreter Christian Tommasini müssen jetzt blechen. Letzterer zwar nur 490 Euro, aber immerhin.

    Und bei der Meraner Bewerbung gab es bereits im Vorfeld einen so heftigen Stunk, dass beinahe die Regierungskoalition geplatzt wäre.

    Nach der Posse um den eingestampften Erstentwurf steht auch die Meraner Bewerbung unter keinem guten Stern.

     

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