Du befindest dich hier: Home » Gesellschaft » „Frauen brauchen Hilfe von außen“

    „Frauen brauchen Hilfe von außen“

    Foto: 123RF.com

    Die Bluttat von Milland zeigt: Gewalt gegen Frauen bleibt meistens nicht unbemerkt. Anna Maria Spellbring vom Frauenhaus Brixen erklärt, warum man eine Frau nach ihren blauen Flecken fragen sollte und wie man sich in solchen Fällen richtig verhält.

    TAGESZEITUNG Online: Frau Spellbring, was hält Frauen, die Opfer von Gewalt werden, davon ab, sich selbstständig Hilfe zu holen?

    Anna Maria Spellbring: Wir dürfen nicht vergessen, dass die Gewalt vom Mann ausgeübt wird. Frauen holen sich aus mehreren Gründen keine Hilfe: Oft wissen sie nicht, dass es überhaupt Hilfe gibt, oft wollen sie nicht wahrhaben, dass sie sich selbst schützen müssen und dass sie die Beziehung beenden müssen. Die Gewalt zieht sich meist über Jahre hinweg, sodass die Frauen unter den Folgen dieser Gewaltdynamiken leiden und kein Selbstbewusstsein mehr haben. Sie leben von der Gesellschaft isoliert und haben Schuldgefühle. Sie denken, sie sind selbst für ihre Beziehung verantwortlich und sie glauben, sie haben versagt. Sie nehmen oft alle Verantwortung und Schuld auf sich und der Misshandler unterstützt sie darin. Auch die ökonomische Unsicherheit vieler Frauen spielt eine bedeutende Rolle, denn in vielen Fällen sind sie wirtschaftlich abhängig. Die unsicheren Zukunftsaussichten schrecken ab. Betroffene brauchen somit Hilfe von außen, denn sie können sich nur sehr schwer aus dieser Gewaltspirale befreien.

    Oftmals wissen nahestehende Personen von der Gewalt, die einer Frau von ihrem Partner zugefügt wird, aber schreiten dennoch nicht ein. Wie können Sie sich dieses Verhalten erklären?

    Es braucht schon viel Courage, einen Fall zu melden. Viele sagen, sie wollen sich nicht in private Angelegenheiten einmischen und reden sich so aus einer Sache raus. Doch Wegschauen ist nicht zu entschuldigen. Die Nachbarn tragen in solchen Situationen Mitschulden. Und es ist furchtbar zu hören, dass Frauen selbst schuld sein sollen, nur weil sie etwas Bestimmtes anziehen oder sich auf eine bestimmte Weise verhalten.

    Stumpft die Gesellschaft emotional ab?

    Ja, ich denke schon. Die Medien spielen auch eine bedeutende Rolle. Ich arbeite nun seit 30 Jahren in diesem Bereich und es hat sich nichts geändert – weder am Ausmaß der Gewalt, noch an der Anzahl der Menschen, die Gewalt melden. Es gibt mehr Hilfestellen als früher und mehr Frauen schaffen es so, sich aus Gewaltbeziehungen zu befreien.

    Was können Außenstehende tun, wenn sie den Verdacht auf Gewalt gegen eine Frau hegen?

    Ich fordere die Öffentlichkeit auf, hinzuschauen, denn viele verstecken sich hinter der Ausrede, von nichts gewusst zu haben. Doch der Fall von Milland zeigt: Allzu oft wissen Nachbarn über die Gewalt Bescheid.

    Sie arbeiten im Frauenhaus in Brixen. Haben Sie häufig mit solchen Fällen zu tun?

    Leider schon. Neulich hat sich eine Frau an das Frauenhaus gewandt und uns gemeldet, dass sie in der Wohnung der Nachbarn viel Lärm und Geschrei beobachte und sie glaube, dass Gewalt im Spiel sei. Als die Frau im Vorfeld mit dem Hausmeister darüber gesprochen hat, meinte er, er könne nichts machen, denn sonst mache er sich strafbar. Aber das stimmt nicht. Viele nehmen das als Entschuldigung, denn sie haben vielleicht sogar selbst Angst vor dem Mann der Frau. Man macht sich strafbar, wenn man davon weiß und nichts mitteilt.

    Was können Beobachter konkret unternehmen, um die Frau zu unterstützen?

    Am wichtigsten ist es der Frau zu zeigen: „Ich sehe, dass du leidest, aber es gibt Hilfe. Wenn du willst, helfe ich dir, aus der Gewaltspirale auszusteigen.“ Natürlich kann ein Nachbar einer Betroffenen nur schwer psychologisch beistehen, weil ihm die Ausbildung fehlt. Aber jeder kann Informationen zu Hilfestellen weitergeben. Man kann die Nummer weitergeben oder der Frau sagen, man wäre bereit, sie zu begleiten, wenn der Mann beispielsweise nicht zu Hause ist. Eine Frau alleine schafft es nicht, sich aus der Gewaltspirale zu befreien, denn sie fühlt sich oft einfach nicht in der Lage dazu, etwas zu ändern.

    Man hört immer wieder, dass eine Frau auf ein blaues Auge angesprochen wird und sie sagt, sie sei hingefallen. Wie sollte man dann vorgehen?

    Die Ausrede, eine Frau sei hingefallen und habe deshalb so viele blaue Flecken, hört man nur allzu häufig. Doch genau deswegen müssten in einer solchen Situation die Antennen unmöglich weit hoch gehen. Es ist studienmäßig erforscht, dass Frauen, natürlich getrennt von den Ehemännern, gefragt werden möchten: „Kommen die Verletzungen von Außeneinwirkungen?“ Das ist kein Einmischen, sondern fachmännisches Routine-Abfragen.

    Was appellieren Sie an die Gesellschaft?

    Die Menschen sollten ihre Bürgerpflicht wahrnehmen und Gewalt melden. Meistens sind Kinder im Spiel und für den Schutz von Kindern ist jeder einzelne Bürger mitverantwortlich. Das Frauenhaus legt aber viel Wert darauf, dass solche Meldungen nicht ohne Mitwissen der Betroffenen gemacht werden. Die Frau soll wissen, dass die Situation angezeigt wurde, denn wenn sie überrascht wird, kann die Gefahr größer werden. Wir als Kontaktstelle gegen Gewalt an Frauen wollen nicht die Fälle zählen – jede Frau, die nach Beziehungsgewalt sterben muss, ist eine zu viel. Wir treten für die Beendigung jeglicher Form von Gewalt an Frauen ein und fordern dazu auf, hinzuschauen und betroffenen Frauen Informationen über Hilfsstellen zu geben – ein Ausstieg ist möglich.

    Interview: Silvia Santandrea

    Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
    Clip to Evernote

    Kommentare (12)

    Lesen Sie die Nutzerbedingungen

    • tiroler

      Das Interview ist ja ok, passt aber nicht zum Mordfall.
      Wer mit islamistischen Einwanderern eine Beziehung eingeht, muss mit allem rechnen.
      Frauen die das machen sind ausgeliefert, da helfen Frauenhaus und Lichterketten gar nichts

    • andreas

      Frau Spellbring macht sich die Sache zu einfach, wenn sie den Nachbarn eine kollektive Mitschuld gibt.

      Warum hat sich Frau Obrist nicht an das Frauenhaus gewandt? Die Aussage, dass Frau Obrist es ev. nicht kannte, würde bedeuteten, dass sie keine Hilfe wollte, da mit Google „Hilfe Gewalt gegen Frauen Südtirol“, alle Hilfsmöglichkeiten auffindbar sein sollten.

      Angenommen sie kannte das Frauenhaus und hat es nicht in Anspruch genommen, sollte Frau Spellbring sich mal über die Außendarstellung des Hauses Gedanken machen und nicht sofort allen anderen eine Mitschuld geben.

      Nebenbei gibt es einen großen Unterschied zwischen meinen und wissen. Wenn eine Frau die geschlagen wird es relativiert, was soll da jemand unternehmen? Nicht mal die Polizei kann da viel tun, wenn die Verletzungen nicht zu gravierend sind.

      Wo war der Arzt von Frau Obrist, hat der nie etwas von den Verletzungen gesehen? Wenn ja, warum hat der keine Anzeige erstattet?

      Ich gebe Frau Spellbring vollkommen Rechr, dass jeder bei Kenntnis etwas unternehmen soll.
      Doch wenn sie hier allen anderen eine Mitschuld gibt, sollte sie sich schon auch fragen, wie ein solcher Mord ein paar Kilometer neben ihrem Hais passieren konnte und sie jahrelang nichts mitgekriegt hat und warum sich Frau Obrist nicht an sie gewandt hat.

      • martasophia

        Ich kann da nicht herauslesen, dass Frau Spellbring anderen Mitschuld gibt. Ich lese heraus, dass es oft wichtig wäre nicht einfach wegzusehen und wegzuhören, sondern die Betroffenen anzusprechen. Oft reicht die Frage, ist alles in Ordnung, wenn sie jemanden zum Reden brauchen, bin ich da.

        • andreas

          Sie sagt, dass die Nachbarn in solchen Situationen Mitschulden tragen. Ich gehe davon aus, dass Mitschuld gemeint ist und das sehe ich nicht so.
          Und wenn die Frau nicht reden will, wäre es dann für dich getan? Glaubst du wirklich eine Nachbarin würde dir ihr Schicksal erzählen, wenn sie es nicht mal der eigenen Familie erzählt, da sie sich berechtigterweise schämt?

    • b.e.o.b.a.c.h.t.e.r.

      Kein Wort über die Gewalt die von Frauen an Männern ausgeübt wird. Eine einseitige Betrachtung dieser Problematik wird der Sache nicht gerecht. Ich kenne die Hintergründe eines Mordfalles der einige Jahre zurückliegt: der Mann hat seine Ehefrau umgebracht, weil sie ihn Jahrzehntelang, mitunter sogar öffentlich, wie einen Schlappschwanz behandelt und ihn verbal und nonverbal andauernd e r n i e d r i g t hat.
      Actio und reactio!
      Außerdem befinden sich nicht wenige Männer in einer Art Negativ-Sexfalle, wo NICHTS mehr passiert (was wie eine Art negative, psychologische Gewalt seitens der Frauen, sozusagen eine Art Bestrafung, angesehen werden kann). Gehen sie mit ihrem Sex-Vakuum dann zu anderen Frauen, kommt es zu Hause zum Streit…!
      Was soll schon dabei herauskommen, wenn der Mann die Kohle heimbringt, sie ihm keinen Sex gibt, sondern nur respektlos behandelt und sie jedoch mit Ihren „Freundinnen ausgeht“, in Wirklichkeit macht sie mit anderen Männern rum.

      • b.e.o.b.a.c.h.t.e.r.

        PS: diese Betrachtungen beziehen sich NICHT auf den aktuellen Südtiroler Mordfall!

      • yannis

        @b.e.o.b.a.c.h.t.e.r.

        so sieht es eben auch nicht selten aus !

        Erinnert mich an die Aussage von Frau Tiller zu diesen Dingen, O-Ton: „Manche Weiber haben ein echtes Talent ihren Mann in die Arme einer anderen zu treiben“
        An sich noch das harmloseste Unterfangen, wenn man davon absieht dass SIE beim endgültigen Scheidungstermin vor Gericht sich als Unschuldslamm und Opfer geben kann und somit SIE beim Urteil viel besser wegkommt als ER.
        Ergänzend kann man zu Tillers Aussage noch sagen“ „Manche Weiber haben ein echtes Talent ihren Mann einer zu VERZWEIFELUNGSTAT, was auch ein Suizid sein kann zu treiben“
        Und SIE wieder die arme Haut, der so schlimmes wiederfährt..

      • wollpertinger

        Sicher gibt es auch Frauen, die Männern gegenüber eine Form von psychischer Gewalt ausüben. Physische Gewalt dürfte aber wohl zu 99 Prozent von Männern ausgehen. Nicht einverstanden bin ich – ein Mann – wenn Sex-Verweigerung der Frau als eine Art Gewalt angesehen wird. Sex ist ja keine zu erbringende Leistung der Frau, sondern ein Akt, der nur im gegenseitigen Einverständnis erfolgen soll und kann.

    • ahaa

      Wir brauchen mehr Auslànder die uns zeigen was wir falsch machen.
      Von denen bekommt man ja gute Ratschlààge.
      Schliesslich ist dort auch die Scheidungsrate geringer obwohl manche sogar 8 Frauen haben.
      Sogar die Zeitungen bringen nicht mehr wochenlang den Mord.Ich will ja schliesslich was neues lesen.
      Ironie aus
      Vom Sulzenbacher kenn ich noch den Namen und das Gesicht obwohl er unschuldig ist.

    • cosifantutte

      Frauen üben zwar in der Regel weniger physische Gewalt aus, dafür aber psychologische, was unter Umständen noch unerträglicher sein kann als erstere, aber kaum erwähnt wird, da politisch nicht gewollt. Ständige Erniedrigung vor dritten kann zur langsamen, aufreibenden Zerstörung einer Person führen.

      Das physische Gewaltproblem an Frauen wird durch die unkontrollierte Massenimmigration von Personen aus Kulturen, in denen die Frau nicht als gleichwertig angesehen wird, in der Zukunft nicht besser, auch wenn man die Kausalität noch leugnet. Das wird sich auch durch den vagen Containerbegriff „Integration“ nicht zum Besseren wenden. Da aber die Mehrheit, inklusive Frauen, immer dieselben Parteien wählt, die zwar von Gleichberechtigung reden, aber diese Art der Immigration wohlwollend billigen, muss man darauf schließen, dass die Mehrheit es wahrscheinlich so will. Diese Tatsache muss man zur Kenntnis nehmen und akzeptieren.

      • yannis

        Stimme Deinen Betrag zu, allerdings ist es bei >>>muss man darauf schließen, dass die Mehrheit es wahrscheinlich so will<<< man es nur dann so will, wenn es einen nicht SELBST betrifft. Egoismus pur !

    Kommentar abgeben

    Du musst dich EINLOGGEN um einen Kommentar abzugeben.

    2013 ® © Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH/Srl - Alle Rechte vorbehalten. Impressum | AGB | Cookie Hinweis

    Nach oben scrollen