Du befindest dich hier: Home » Kultur » Georg Trakl Preis an Oswald Egger

    Georg Trakl Preis an Oswald Egger

    Oswald Egger: Vielleicht habe ich noch nie etwas anderes getan als politische Lyrik. Foto: Salvatore Mazza

    Der Lanaer Schriftsteller Oswald Egger wird anlässlich des 130. Geburtsjahres von Georg Trakl mit dem Georg Trakl Preis für Lyrik ausgezeichnet. 
    Der Preis wird seit 1952 jeweils anlässlich runder und halbrunder Geburts- oder Todestage des Dichters Georg Trakl vergeben. Die Vergabe erfolgt über Vorschlag einer dreiköpfigen Jury. Ihr gehörten Eleonore de Felip (Forschungsinstitut Brenner-Archiv, Universität Innsbruck), Holger Pils (Lyrik Kabinett München) und Norbert Christian Wolf (Fachbereich Germanistik der Universität Salzburg) an. Sie sprachen sich einstimmig für den 54-jährigen Lyriker Oswald Egger aus, gab Kulturlandesrat Heinrich Schellhorn kürzlich bekannt.
    „Seine umfangreichen, kunstvoll komponierten Gedichtbücher beeindrucken, durch die außerordentliche evokative Kraft, Kühnheit, Originalität und Musikalität der Sprache“, so die Jurybegründung.
    „Ich freue mich ausgesprochen, den Georg Trakl-Lyrikpreis zu bekommen, in einer bemerkenswerten Reihe von großartigen Lyrikerinnen und Lyrikern, die mir sehr vertraut sind und zuallererst natürlich der Namenspatron, mit seinem von sporadischen Zeitgeistverstrickungen unbeirrten poetischen Tun, welches mich seit meiner Jugend begleitet, irgendwie sogar unentwegt. Ich, ein freudiger Zwerg auf den Schultern des Riesen, bedanke mich namentlich bei der Jury sehr herzlich für die Ehre und den Ansporn“, so Preisträger Oswald Egger. Die  Preisverleihung findet am 3. November in Salzburg statt.

     

    „Es gibt kein Warum, auch kein Weil“

    Den einen gilt der Lanaer Dichter Oswald Egger als einer der großen Dichter der Gegenwart, den anderen als Unverstehbarer, vor dessen Texten die Vorstellungskraft des Lesers nur kapitulieren kann. Sein neues Buch „Val di Non“ steht auf Platz eins der ORF-Bestenliste im August.

    Tageszeitung: Herr Egger, wie kommen Ihre Gedichte zur Welt?

    Oswald Egger: Über das Wie weiß man wenig: und es gibt kein Warum, auch kein Weil. Aber die Frage erscheint mir verwandt mit der Frage danach, woher die Kinder kommen, ich bin also um die Antwort verlegen, gewiss ist jedenfalls: aus der Prägnanz des Dunklen. Ob in einem Stein eine Teiser Kugel schläft, lässt sich in der Regel ja auch erst nach dem Aufschlagen des Steins erkennen, und genau darum geht es vielleicht: „prägnant“ heißt: „schwanger“ d.h. das Gedicht geht mit seinen Annahmen schwanger, und das Leben kommt ihm dabei entgegen. Wie die Nestrufe einer Geburtshelferkröte, vielleicht, die ihr Gedicht ans Licht brütet –

    Wenn es kein Warum und kein Weil eines Gedichtes gibt, gibt es vielleicht ein Wollen. Was will ein Gedicht, was wollen Ihre Gedichte?

    Die vorige Antwort war vielleicht gar keine, eher nur die Frage nach der Frage, und zwar: Was für eine Welt soll das denn sein, in die ein Gedicht geboren werden soll, erstens: Welt? (wieviele Welten!), zweitens: geboren? „Ein Kind krieg ich“? Ich? Bei den Gedichten, und da weiß ja erst recht keiner, was das denn sein wird, unmögliche Dinge … und Dinge der Unmöglichkeit, es ist mit den Gedichten vielleicht wie mit den Menschen, selbst in aller Munde mögen sie ihre Ruhe haben, selber, stumm tun und vertauben, ich meine: sollen, dürfen, können sie – Wirkliches – wollen? Und meine Gedichte sind sowieso mehr Kegel als Kinder.

    Kegel?

    Ja, Nachkommen, mit quasi anders versehenen Rechenschaften, Verpflichtungen und Bindungen, aber nicht Bastarde, eher schon Wechselbälger, die einem untergeschoben erscheinen, es sei denn sie sind nicht von schlechten Eltern, sozusagen. Die Kinder denkt man sich, sprachgeschichtlich, als Sprosse (Lohden und Louter), die Kegel, wortwörtlich, sind die nichtwurzeligen, gleichwohl ausschlagenden „Pflöcke“. D.h. es gibt Gedichte (wie Blitze und Äste, die nicht weit vom Stamm fallen), und luftwurzelige Gedichte, die gar nicht erst der Fall sind, weil ihre Welt keinen Boden kennt, worauf sie kugeln könnten. Was den Ausschlag gibt, ist Blüte und Frucht in einem. Wie die Maulbeeren früher, die, in lieblicher Bläue, auf den Dächern kinderten, später einschlagen.

    Gedichte, deren Welt keinen Boden kennt – ist das der Grund, warum Ihre Texte voll von unbekannten Dingen und Gewächsen sind? Waldgaffeln, Pfiffsel, Unfunken, Gehängetorrenten, Sichelmilch, und und … Vor solchen Wörtern kapituliert die Vorstellungskraft des Lesers.

    Grund und Boden, darin sind Gedichte nie und nimmer denkbar. Aber damit, einem Diktum Klopstocks nach, das Wortlose in einem guten Gedicht umhergehen kann wie die in Homers Schlachten nur von wenigen gesehenen Götter, dazu bedarf es eben eines „Ungrunds“ (ein tiefer Gedanke gerade in der deutschen Mystik). Ob und wo der Leser „kapituliert“ ist nicht wesentlich, weil der Leser nicht das A und O ist (und jedes Gedicht ist dies von A bis Z noch weniger). Wenn es dem Leser nur darum geht, Wörter und Sachen zusammenzulesen und zueinander zu denken, anstatt eigenlos darin aufzugehen, dann geht und wirkt er im Gedicht verloren, und nur ein „Pascher“ schlürft buchstäblich aus der Buchstabensuppe gewürfelt „Sprache“: Nicht der Lesende kapituliert (diese Autorität hätte er gar nicht), sondern das Gedicht kämpft nicht um Leser, es bekriegt oder behielte sie nicht.

    Und doch will es gelesen werden. Welchen anderen Grund gäbe es, Gedichte zu schreiben?

    Zuerst war das Gedicht, dann kam der Grund, und das Gedicht war der Grund: nichts anderes gilt es zu ergründen, und zwar Wort für Wort. Und dann kam alles, was zwischen Grund und Grat sich zum Ereignis eignet – das ist schon alles, das ganze Urmeer, woraus sich die Schöpfungsfolge des Schreibens schöpfen mag. Und selbst das gilt ja nur, das darf man nie vergessen, für Gedichte, die sich der Zeit der Menschen verschrieben haben. Der unbewegte Beweger des Gedichts (vielleicht sogar sein Wollen, wie Sie es vorhin ausdrückten), ist das Tun des Tuns selbst, das nichtsnutzige Purzinigele, das mit sich selber Purzigagelen rauft. D.h. es ist ein Spiel ums Spiel, wie Kinder rangeln, wie Kegel, die keiner anspielt, also niemandes Zeitvertreib „um etwas“, was auf dem Spiel steht, und kein doppeltes (mit Spiel zwischen den Zielen).

    Noch einmal zu den hermetischen Wortschöpfungen. Genügen Ihnen die vorhandenen Worte nicht?

    Achso, stimmt. Die Frage berührt aber gleich mehrere – auch fragliche. Zunächst weiß ich nicht, ob ich meine Bücher und ich hermetisch sind; und dann nicht, ob es sich um Wortschöpfungen handelt, das bezweifle ich – ernstlich. Denn was wären dann „vorhandene“ Wörter, die es gibt, die existierend sind, oder die eben schon „zuhanden“ sind. Die Frage fragt, denke ich, nach etwas anderem: in was für einer Welt lebe ich denn eigentlich!? Wenn ich z.B. eine Sache nicht erkenne und empfinde, verstehe ich auch kein Wort davon. Und die Gegenstände, von denen meine Texte ja ein Wissen haben, gibt es, aber eben in ihrer Welt. Aber diese zweite Wirklichkeit ist in Wahrheit keine hermetische „Welt in der Welt“, sondern jedes Wort erschafft sich, augenblicklich, eine leibeigene, neue, und entlässt sie wieder in die immer nächste, Wort für Wort. Ganz ganz viele Welten, –
    Meiner Großmutter im Nonstal z.b: waren andere Wörter zuhanden als meinem Großvater, der in Amerika Holz schlug und Kohle grub, doch verschwiegen stumm waren beide: in stillschweigender Übereinkunft, welche selber ein Geburtspunkt der Poesie ist? Das Gedicht ist ja selber so eine Sprachinsel (mit Substraten, Wortbildungsvorgängen und Novellen), und kein Wort davon wird kaum im Glauben leben, Berge zu versetzen, also selber etwas zu sagen zu haben und sich selbst davon verständigen zu mögen (und diese Verständigungen im Gedicht zu verstetigen), – für mich wäre das nichts.

    Als Leser Ihrer Texte hat man den Eindruck, als wäre alles poetischer Überfluss, alles Sprachinsel. Wo ist die banale, harte, wehtuende, dreckige, nicht literarische Wirklichkeit?

    Ich schreibe unbedingt nur von Dingen, die ich weiß. Z.B. „Daß das weiche Wasser in Bewegung / Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt. / Ihr versteht, das Harte unterliegt.“ Aber das ist immer nur für diejenigen eine Schwierigkeit, die nicht wissen, was das ist: Wissen.

    „Val di Non“, Ihr jüngstes Buch, enthält auf jeder Seite Zeichnungen. Ist Zeichnen für Sie auch Schreiben?

    Uneingeschränkt – die Zeichnungen sind „im Grunde“ die Erzählungen, die sich und den Leser im Buch entlanghangeln, wie Einstiege in einer hangenden Wand. Die Wörter bilden quasi den Chor dazu, den Wald, den man nicht sieht, weil Bäume dastehen. Es ist wie im Sprichwort: Felder haben Augen, Wälder Ohren. Und das was geschieht, vorgeht und erzählt erscheint, taucht auf im Sehfeld, jeder Seite, und die Zeichnungen im Buch „Val di Non“ sind eben das ganze Verzeichnis davon.

    Die graphische Gestaltung Ihrer Bücher übernehmen Sie grundsätzlich selbst. Warum?

    Weil Schreiben, Zeichnen und das Büchermachen sich bei mir verfahrensweise verschränken in einem und demselben Vorgang. Da dieses Ineinandergreifen von Sprache und Gestalt für meine Arbeit charakteristisch ist, und längst auch allgemein irgendwie „in der Luft liegt“, wird mir diese Sonderrolle z.B. beim Suhrkamp Verlag nicht nur eingeräumt, eher verlangt: schöne, gestaltete Bücher zu machen.

    Ist das Val di Non eine Kindheitslandschaft für Sie oder interessiert Sie mehr das Non, das Nichts im Namen Nonstal?

    Das kann ich mit einem eindeutigen Jein oder sogar Jain beantworten. Die Vorsilbe Un- begegnete uns bereits im Ungrund der Vorsilbe Un-, aber selbstredend ist mein Nonstal eine Unmenge mehr als das wortstille Summen meiner sommernden Kindheitserfahrungen, und nachdem ich mich ein halbes Leben lang damit beschäftigen mochte, weiß ich, dass ich noch nichts weiß, davon, wohin das noch führen kann. Was in diesem Tal, miterzählt, noch und noch zutage kommen sollte, ist in diesem Buch angelegt, aber noch nicht gesagt: Diese verschwenderische Vergeblichkeit des immerzu Innigen ist mir wichtig: Alles, was nicht ein Leben lang Zeit hat, vergeudet sie.

    Sie setzen sich seit Jahren mit Mathematik, mit Topologie, mit Riemannschen Flächen auseinander. Zuletzt ist auch ein starkes philosophisches Interesse, etwa an Leibniz, dazugekommen. Früher hätte man Sie einen Poeta doctus genannt. Sehen Sie sich so?

    Ja, und noch früher hätte man mich vielleicht verbrannt: Es ist nicht wesentlich. Denn das poetische Tun braucht keinerlei Einverständnis. Längst steht nicht auf dem Spiel, ob etwas gefällt oder gebilligt werde, geschätzt oder gelobt – von mir aus auch: verstanden. Entscheidender wird sein, wie man diese Ergebnisse später sehen oder verwenden wird. Ein Gedankenspiel: Wenn es z.B. einmal ein offenes, ausflockendes Volk genau dafür gäbe, wird jemand sagen können: meine Gedichte sind Volksgut. Es ist kein Steinwurf von der gelehrten Unwissenheit bis zum weitern, nichtwissenden Wissen der Poesie. D.h. oft sehe mich schon nicht denken und sprechen – und es gibt keine Grenzen.

    Ist das Ihr Antrieb? Gedichte schreiben, die zum Volksgut werden können?

    Wenn, das, was man unter den Gedichten verstehen kann (unverursachte Verursachungen davon), einen Antrieb bräuchte, wären sie wohl keine, Gedichte, meine ich, in Wirklichkeit. Aber wenn es Land und Leute gäbe, die z.B. auch einige meiner Lieder von den Dächern pfeifen, dann würde ich, Dichter, unbekannt, mich ebendort doch niederlassen wollen, und zwar nur dann und da, denke ich, wo, wie es heißt, noch niemand war.

    Politisch haben Sie sich zuletzt in Ihrer Berliner Rede zur Poesie geäußert. Ein Satz daraus: „Es gibt Grenzen – aber stimmt das“ War das auf die aktuelle Flüchtlingsfrage gemünzt? Wie politisch ist der Dichter Oswald Egger?

    Die Frage, ob es Grenzen gebe, Ränder mit Umgebungen, offene Enden und Gemenge, … wird ein Parteigänger anders verstehen und beantworten als ein Paschgänger oder z.B. ein Mathematiker. Es kommt auf die Lesart an, und jeder Gedanke, jedes Gedicht hat mehrere Eltern, die dann auseinanderkindern. Mit anderen Worten: Vielleicht habe ich noch nie etwas anderes getan als politische Lyrik: ich gehe gegen Unendlich und höre auf, eins und eins und uneins zu sein. Dabei ist es ja nicht immer das Erwartete, das an die Tür klopft, und zwar: Das ist das Eine, und zwar das „Eine“, mit dem z.B. ein Uansberger nicht hinter dem Berg hält: nur keine Türen einrennen, die schon offen sind! Die Politik der Lyriker allerdings meide ich eher.

    Was meinen Sie mit Politik der Lyriker?
    Die Kunst, Populäres noch populärer zu machen, und damit selber populär zu werden: Nur die sprechen wollen sprechen, und die anderen – ausgesprochen nicht.

    Das Haus der Poesie ist eine Sache, „… Aber werde ich im Gedicht auch ich sein? “ fragen Sie in der genannten Rede. Wo und wie steckt das Oswald Egger-Ich in seinen Texten?

    Ich war schon Knabe, Mädchen, Pflanze, Vogel und flutenttauchender, stummer Fisch, dies kann man bereits aus Empedokles übersetzen, dem ersten Dichter der verlorenen Läuterungen. Und mein Nonstal sollte auch so ein Läuterungsberg begrenzen, der Idee nach, ein Ungelände quasi, bei dem Grat um Grat gleichsam unter die Grammel kommt. Insofern gibt es keine Grenzen, kein Ich, und kein inzwischen gewichtetes Gedicht, – davon.

    „…wie also bekomme ich veränderte, und nicht nur neu zusammengesetzte Welten…“ fragen Sie. Ist das eine Absage an das postmoderne Sampling?

    Liegt der Ursprung der Sprache vor uns oder hinter uns, das ist die Antwort, keine Frage! Und auch einer meiner zig Großväter hatte stets eine Antwort parat: »Ich denke immerfort, im Land südlich vom Yang-tzu-kiang, wo im Monat März Rebhühner singen, blühen hundert duftende Blumen.«

    Schreibt Oswald Egger auch, oder vielleicht nur, über die Liebe?

    Ja –

    Interview: Heinrich Schwazer

     

     

    Zur Person

    Oswald Egger wurde 1963 in Lana geboren. Seine Prosa und Gedichte sind ins Französische, Amerikanische, Ungarische, Niederländische, Slowenische, Schwedische und Arabische übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Unter anderem wurde er mit dem H.C. Artmann Preis, dem Oskar Pastior Preis, dem Lyrikpreis Meran und dem Karl Sczuka-Preis geehrt. Seit 2011 ist er Professor für Sprache und Gestalt an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel. 2014 erhielt er das Villa-Massimo-Stipendium. Sein neues Buch „Val di Non“ (Suhrkamp Verlag) steht auf Platz eins der ORF-Bestenliste im August. Ebenfalls heuer ist beim Verlag Matthes & Seitz sein Buch „Harlekinsmäntel und andere Bewandtnisse“ über den Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz erschienen. Oswald Egger lebt auf der Raketenstation Hombroich.

     

    Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
    Clip to Evernote

    Kommentare (1)

    Lesen Sie die Nutzerbedingungen

    • phelotom

      Der Herr hat sich verleisbart, das Fragliche ist abgefragt und eingetütet der Interviewer, der keinen Zwischen- noch Durchblick hat. Ans offene Ende gehörte ein Zipfel, der konkretisiert und auf die Spitze triebe, auf den Gipfel (des Jas, der hochgebirglichen Affirmation? Tu felix austria…) sich setzte und ausspräche, was das Gedicht liebt.

    Kommentar abgeben

    Du musst dich EINLOGGEN um einen Kommentar abzugeben.

    2013 ® © Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH/Srl - Alle Rechte vorbehalten. Impressum | AGB | Cookie Hinweis

    Nach oben scrollen