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    Die kämpferische „Fini“

    Sie hat 30 Jahre lang in der Telefonzentrale des Sozialzentrums Seeburg gearbeitet: Josefine Obexer. Jetzt geht sie in Pension. 

    TAGESZEITUNG Online: Frau Obexer, Sie haben 30 Jahre lang bei der Telefonzentrale im Sozialzentrum „Seeburg“ gearbeitet. Jetzt sind Sie in Frühpension gegangen. Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

    Josefine Obexer: Das stimmt. Es war nicht leicht, aber ich habe es geschafft, dass ich nun in Frühpension gehen darf. Ich leide nämlich nicht nur an meiner Glasknochenkrankheit, sondern hatte vor 18 Jahren auch einen Kopftumor. Ich musste mich deshalb vielen Operationen unterziehen. Am Ende habe ich den Tumor aber besiegt. Hinzu kommt, dass ich unter starken Kopfschmerzen litt und die Kälte nicht so gut vertrage. Aus gesundheitlichen Gründen habe ich mich dazu entschlossen, in Frührente zu gehen. Eigentlich müsste ich noch acht Jahre arbeiten. Größere Pläne für die Zukunft habe ich bis jetzt noch keine. Auf jeden Fall möchte ich stärker auf meine Gesundheit achten und schauen, dass es meinem Körper wieder gut geht. Ich weiß ja erst seit einer Woche, dass ich in Frühpension gehen darf. Deshalb muss ich mir noch überlegen, was genau ich jetzt in meiner Freizeit unternehme.

    Sie waren eine der Ersten, die einen Behinderten-Arbeitsvertrag bekommen haben. Wie ist es dazu gekommen?

    Ich bin in Innsbruck zur Schule gegangen. Als ich dann wieder nach Südtirol gekommen bin, hat es geheißen, dass ich die Volksschul- und Mittelschulprüfung nachholen müsse. Mein Abschluss in Österreich wurde mir in Italien nicht anerkannt, da ich keinen Italienischunterricht hatte und ich auch nichts über die Geschichte Italiens lernte. Mit sehr viel Fleiß und Anstrengung habe ich schließlich beide Prüfungen bestanden. Daraufhin besuchte ich eine Behindertenwerkstatt. Etwa zur gleichen Zeit wurde das Sozialzentrum „Seeburg“ eröffnet, wo mir eine Stelle angeboten wurde. Anfangs wollte ich diese Stelle aber nicht annehmen. Ich wollte sie einem Blinden überlassen, denn diese Menschen haben es noch schwerer als ich. Erst als mir versichert wurde, dass zurzeit kein Blinder eine Arbeit sucht, nahm ich die Stelle in der Telefonzentrale an, wo ich 30 Jahre lang blieb.

    Wie schwer war es für Sie, in der Berufswelt Fuß zu fassen?

    Normalerweise ist es ein schwieriger Weg, denn heutzutage muss man langjährige Praktika absolvieren. Wenn man damals aber eine Stelle bekommen hat, ist es meiner Meinung nach leichter gewesen als heute. Nur gab es früher viel weniger Möglichkeiten, auch weil die Firmen lieber Strafe gezahlt haben als einen behinderten Menschen einzustellen. Vielfach fehlte einfach das Wissen, wie man mit einem behinderten Menschen umgeht.

    Was hat sich aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren, was Behindertenfreundlichkeit angeht, verbessert?

    Was sich verbessert hat, auch aufgrund meines Einsatzes, ist, dass öffentliche Gebäude und Straßen behindertengerechter geworden sind. Schon allein schwer zu öffnende Türen können ein großes Hindernis für körperlich behinderte Menschen darstellen. Ich bin sehr bemüht, auf solche oder ähnliche Hindernisse hinzuweisen und zu beseitigen. Insgesamt hat sich in der Öffentlichkeitsarbeit viel getan. Behinderte Menschen werden nicht länger versteckt und zu Hause gelassen wie früher. Heutzutage sieht man viel mehr behinderte Menschen auf den Straßen und man geht viel offener mit dem Thema Behinderung um.

    Wo bedarf es noch Verbesserungen?

    Ich schaue dankend zurück, dass einfach viel in dieser Hinsicht getan wurde. Natürlich muss immer noch vieles getan werden und es bedarf noch viel Arbeit, um alle Gebäude und Plätze behindertengerecht zu gestalten. Man findet nach wie vor Treppen, bei denen daneben keine Rollstuhlrampe angebracht wurde oder schwere Türen, die Rollstuhlfahrer nicht selbst öffnen können. Dennoch hat sich in letzter Zeit sehr viel getan und auch die Sensibilität für solche Angelegenheiten wurde stärker.

    Sie mussten viele Schicksalsschläge in Ihrem Leben, wie Sie vorhin angesprochen haben, verkraften. Woher nehmen Sie die Kraft, um positiv in die Zukunft zu blicken?

    Es sind vor allem die Freunde und daheim die Familie, die mir Kraft geben. Ich bin auch ein Mensch, der sehr positiv denkt. In meiner Schulzeit, als ich mit anderen behinderten Menschen beisammen war, habe ich gemerkt, dass es anderen schlechter geht als mir. Das hat mir gezeigt, dass ich dankbar für mein Leben sein kann. Auch mein Glaube gibt mir Kraft. Grundsätzlich glaube ich, ist eine positive Einstellung zum Leben sehr wichtig.

    Was wollen Sie anderen behinderten Menschen mit auf dem Weg geben?

    Ich möchte allgemein alle Menschen ermutigen, durchzuhalten. Man soll immer nach vorne schauen und die Herausforderungen annehmen, auch wenn der Weg schwer ist. Ich selbst habe oft gekämpft. Auch wenn man keinen Ausweg sieht, am Ende wird es sich zum Positiven wenden.

    Interview: Silvia Ramoser

     

     

    ZUR PERSON:

    Josefine Obexer, auch „Fini“ genannt, leidet seit ihrer Geburt an der Glasknochenkrankheit. Bei dieser Krankheit sind die Knochen derart zerbrechlich, dass die Betroffenen auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Nachdem die Volksschule in ihrem Heimatort Klerant geschlossen wurde, musste Josefine in Axams bei Innsbruck zur Schule gehen.

    Nach erfolgreichem Abschluss der Mittelschule, den sie in Südtirol nachholen musste, nahm sie eine Stelle als Telefonistin in der sozialen Einrichtung „Seeburg“ an. Sie war damals eine der Ersten, die einen Behinderten-Arbeitsvertrag bekommen hat. Firmen zahlten oftmals lieber Strafen, als die vorgeschriebene Anzahl an körperlich beeinträchtigten Menschen einzustellen.

    Vor 18 Jahren wurde bei ihr ein Kopftumor festgestellt, den sie nach mehreren Operationen besiegte. Jetzt, nach 30 Jahren Telefondienst, geht Josefine Obexer in die Frühpension.

    Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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