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Der Milch-Report

Am 1. Juni 2016 zeichnete Markus Hafner, Viehbauer in Mals und Übersetzer beim Brüsseler European Milk Board (EBM), ein düsteres Bild vom europäischen Milchmarkt. Was hat sich seither getan?

TAGESZEITUNG Online: Herr Hafner, vor einem Jahr haben Sie am Tag der Milch in Mals eine Pressekonferenz abgehalten und vor den gravierenden Folgen der abgeschafften Milchquoten gewarnt. Was hat sich seither getan?

Markus Hafner: Der europäische Milchmarkt steckt zwar noch immer in der Krise, diese hat sich jedoch auch dank unserer europaweiten Protestaktion und unserer Verbesserungsvorschläge stabilisiert.

Sie haben vor einem Jahr das so genannte „Marktverantwortungsprogramm“ des EMB vorgestellt. Demnach zahlt die EU an Bauern, die freiwillig weniger Milch produzieren, 30 Cent pro Liter Entschädigung. Wurde dieser Vorschlag angenommen?

Teilweise. Die EU hat statt der geforderten 30 Cent immerhin 14 Cent als Entschädigungszahlung genehmigt. Insgesamt wurden 500 Millionen Euro für die Milchwirtschaft in den 28 Mitgliedsstaaten bereitgestellt. Davon flossen testweise für 6 Monate 150 Millionen Euro in die Entschädigungen. Die restlichen 350 Euro konnten von den Mitgliedsstaaten autonom und nach eigenem Gutdünken für die Entschärfung der Milchkrise eingesetzt werden.

Das Ergebnis?

Ein sensationeller Erfolg. Da führende Staaten wie Frankreich und Deutschland beschlossen haben, die Entschädigungszahlungen zu verdoppeln, hat diese Maßnahme schlagartig gewirkt. 58.000 Milcherzeugerbetriebe in ganz Europa haben einen Antrag auf Entschädigung gestellt, 52.000 haben die Ausgleichssummen für die freiwillige Reduzierung der Milchproduktion auch erhalten. Allein Deutschland hat beispielsweise die Entschädigung von 14 Cent auf 30 Cent pro Liter angehoben. Das war entscheidend, um die Milchmengen zu drosseln.

Wie hat sich Italien verhalten?

Italien hat die Entschädigungen nicht erhöht, sondern die 14 Cent der EU an die Bauern weitergegeben. Dennoch haben 921 italienische Milcherzeugungsbetriebe die Produktion freiwillig reduziert.

Wie hat sich dies preismäßig ausgewirkt?

Der durchschnittliche europäische Milchpreis betrug in der akuten Phase der Milchkrise 22 Cent pro Liter mit einem historischen Tiefpreis von 10 Cent in Litauen, jetzt sind es durchschnittlich 32 Cent.

Wie schaut es in Südtirol aus?

In Südtirol hat die Bergmilch heuer 55 Cent ausbezahlt, obwohl es ein schwieriges Jahr war. Das ist ein guter Preis und daher gibt es auch keinen Südtiroler Betrieb, der sich an der EU-Aktion beteiligt hat. Hierzulande hat jedoch das genossenschaftliche Lieferrecht gute Früchte getragen: Betriebe, die über eine bestimmte Quote Milch geliefert haben, bekamen für die Restmenge nur noch Tankmilch-Preise. Dazu kommt, dass es durch unseren Aufruf zu einer Solidaritätswelle der Südtiroler gekommen ist und uns die Kunden die Treue halten. Das ist das Wichtigste.

Macht für Sie das Marktverarbeitungsprogramm langfristig Sinn, um weitere Milchschwemmen zu vermeiden?

Ja, es war ein Riesenerfolg und das EBM setzt alles daran, damit dieses Programm weiter laufen kann.

Also alles paletti?

Nein, Sorgen bereiten uns die großen Mengen an lagernder Pulvermilch. Europaweit befinden sich derzeit 350.000 Tonnen Trockenmilch in privaten und öffentlichen Lagern. Diese Milch hat ein Verfallsdatum, daher ist die EU derzeit bestrebt, die Lager zu leeren. Das wäre verheerend, da diese Trockenmilchschwemme wiederum den Preis der Frischmilch drückt. Die EU plant, die Lagerbestände zum Preis von 190 Euro/ Tonne zu verkaufen. Unseren Berechnungen nach müsste dieser Preis bei 335 Euro liegen, damit wir konkurrenzfähig bleiben.

Hat das EMB hier einen Vorschlag?

Ja, diese Trockenmilchbestände sollten in die Tierhaltung bzw. Tiermast fließen.

Interview: Karin Gamper

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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