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    Selbstzweck Jugendarbeit

    In Südtirol gibt es ein qualitativ hochwertiges Angebot und eine solide Struktur für die Jugendarbeit. Aber es fehlt doch ein gewisser Freiraum. Ein Diskussionsbeitrag.

    von Reinhold Giovanett

    Die vier großen Verbände der Jugendarbeit Südtirols haben in Zusammenarbeit mit dem Amt für Jugendarbeit in den letzten Monaten einen Entwurf für die „Entwicklung eines Leitbildes der Jugendarbeit in Südtirol” ausgearbeitet und all jenen zur Diskussion gestellt, die direkt mit der Jugendarbeit zu tun haben.

    Wir als „Headliner” fühlen uns jener Kultur und jenem Geiste verpflichtet, die der Offenen Jugendarbeit entspricht und unterstützen diese Offene Jugendarbeit direkt und indirekt seit der ersten Ausgabe im August 2008.

    Foto: 123RF.com

    Mit diesem Blick haben wir diesen Entwurf mit großem Interesse gelesen, auch weil wir sowohl von der Wichtigkeit als auch von der Qualität der derzeitigen Jugendarbeit in Südtirol überzeugt sind.

    Ohne das Jugendförderungsgesetz von 1983 würde die Jugendkultur heute definitiv nicht so gut dastehen, sie wäre nicht so bunt wie sie ist und die Qualität in vielen ihrer Bereiche wäre nicht so hoch.

    Die Konstanz, mit der die Jugendtreffs und Jugendzentren in diesen mittlerweile über 30 Jahren gewirkt haben und – „geschützt” von einem weitsichtigen und visionären Amtsdirektor Klaus Nothdurfter – wirken konnten, trägt ihre Früchte. Es ist nicht wichtig, dass sich dieser Zusammenhang allen erschließt, wichtig ist, dass dieser sehr positive Status quo erreicht werden konnte.

    Der „Entwicklung eines Leitbildes…” blickt denn auch nicht zurück in die Vergangenheit, sondern nach vorne in die Zukunft, und da stellen wir das Fehlen eines sehr wichtigen Bereiches fest: der oft und gerne zitierte, aber nie wirklich zugestandene „Freiraum” für junge Menschen.

    Blickt man auf das Angebot der Verbände und der Jugendtreffs und -zentren, so entsteht der Eindruck, als würde es sich um einen Supermarkt handeln, der alles und für jeden Bedarf anbietet, manchmal geleitet von Geschäftsführern, denen in erster Linie die eigene Struktur am Herzen liegt, weil sie – wie ein börsennotiertes Unternehmen – ihren „Teilhabern” (sprich: Gemeinden, Sponsoren, Pfarreien, (Dorf-)Öffentlichkeit, … – Rechenschaft ablegen müssen.

    Die „Kundschaft” wird bedient, umworben und umsorgt, und während die Jugendarbeit damit zum Selbstzweck degradiert wird, bleiben junge Menschen in gewissem Sinne auf der Strecke, weil sie nicht wirklich jene Orte bekommen, in denen sie das sein können was sie sind und wie sie sind.

    Durch die zunehmende (Über-)Professionalisierung der JugendarbeiterInnen und – so der Eindruck – die intensiv angewandte Pädagogik, werden die Jugendtreffs und -zentren immer mehr zu einem verlängerten Arm des Schulsystems.

    Es wäre ein guter Zeitpunkt und ein anzustrebendes Ziel, auch der Pädagogik ihre Grenzen aufzuweisen, wieder Freiräume zu schaffen, die auch wirklich frei sind. Einige mögliche Ansatzpunkte: Quereinsteiger sollten in die Jugendarbeit geholt werden, die mit Authentizität punkten können, anstatt mit einem (im Nachhinein vielleicht falsch gewählten) Uni-Studium; die Jugendzentren sollten – warum nicht? – auch nachts zugänglich gemacht werden, zu Uhrzeiten, an denen junge Menschen heute unterwegs sind; das Risiko sollte gewagt werden, die Jugendtreffs und -zentren eben diesen Jugendlichen zumindest teilweise wieder zu überlassen.

    Was dagegen spricht ist die Angst des Kontrollverlustes seitens der Gemeinden auf der einen Seite und die Öffentlichkeit auf der anderen, die gerade in Sachen Jugend überempfindlich reagiert. Da kann eine leere Zigarettenpackung am Boden oder ein umgeworfener Blumentopf sehr schnell zum allgemeinen Aufschrei führen und sich in der Folge zum Damoklesschwert für den besagten Jugendtreff wandeln.

    Wirkliche Freiräume sind auch aufgrund der generellen gesellschaftlichen Entwicklung zunehmend Mangelware und Jugendtreffs und Jugendzentren sind längst nicht mehr Synonym für „Freiraum”, denn die erwähnte „pädagogische Begleitung” wird gern herausgestrichen, wenn nicht überhaupt zur Bedingung gemacht.

    Die Folge: Jugendliche, die gerade damit beschäftigt sind, sich – aus dem Schutz des Elternhauses herauskommend – die Welt zu er-leben, vermeiden es natürlich, derart „kontrollierte” Orte aufzusuchen und holen sich die gelebte Freiheit irgendwo anders.

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    Die Tendenz geht seit einigen Jahren genau in diese Richtung und Jugendtreffs machen heutzutage oft und gerne den Eindruck von Jungschargruppen, die einfach etwas geupdated wurden.
    Die Gesellschaft im Dorf und in Südtirol, vertraut nicht den Jugendlichen, sondern dem „Überbau”, der diese Einrichtungen betreibt, und dieser „Überbau” liefert mit einer Mischung aus vorauseilendem Gehorsam und dem Druck den Erwartungen der geldgebenden Gemeinden zu entsprechen, was erwartet wird.

    Den Platz zu schaffen, dass junge Menschen die Möglichkeit erhalten, sich selbst zu finden, hieße im Gegensatz dazu, auf schnelle und vorzeigbare Ergebnisse zu verzichten und dazu noch das Risiko einzugehen, dass das Pendel zwischen Leerlauf und Konflikten hin und her schwingt. Wenn die Politik es mit der Forderung an Partizipation, Eigenverantwortung und gesellschaftliches Engagement ernst meint, dann muss diese Voraussetzung zur freien Entscheidung für junge Menschen gefördert werden. Nur eine frei getroffene Entscheidung ist letztlich nachhaltig.

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    Der Dachverband der Offenen Jugendarbeit, n.e.t.z., hatte dieses wichtige Element der Offenen (!) Jugendarbeit nicht im Auge und es also auch versäumt sich für diese Entwicklung einzusetzen. So wie sich die gegenwärtige Situation darstellt, würde sogar eine Fusion des n.e.t.z. mit der AGJD, der Arbeitsgemeinschaft der Jugenddienste, Sinn machen, weil für Außenstehende kein wirklich wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Dachverbänden festzustellen ist.

    Im Gegenteil: Die AGJD steht sehr solide in der Landschaft, und glücklich die Jugendtreffs und Jugendzentren, die unter dem Dach eines Jugenddienstes sind, denn sie haben in der Regel die offene Unterstützung der Bürgermeister/Bürgermeisterinnen, der Pfarreien und also des gesamten Dorfes. Dem Konfliktpotential, das der Jugend in natürlicher Weise innewohnt, wird damit auf fast unsichtbare Art und Weise aus dem Weg gegangen. Auch die anderen beiden großen Organisationen setzen sich (nur) indirekt für die Jugendlichen ein: Das Bildungshaus Kassianeum bietet Fortbildungen im Bereich der Jugendarbeit an und der Südtiroler Jugendring vertritt vor allem die Interessen seiner Mitgliedsvereine.

    Wenn auf der einen Seite auch ein qualitativ hochwertiges Angebot und eine solide Struktur für die Jugendarbeit in Südtirol bereits steht, so fehlt auf der anderen Seite doch ein gewisser Freiraum, den nicht nur Jugendtreffs Menschen eigentlich benötigen um sich eigenständig, frei und mit einer gewissen Offenheit zu entwickeln. Diese Freiräume fehlen in dieser ambitionierten Zukunftsvision. Diese Freiräume gilt es zurückzuerobern!

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