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    Wo sind Ötzis Fingernägel?

    Eduard Egarter Vigl: Zum Ötzi-Konservator wurde ich ernannt, weil ich von Berufs wegen am meisten mit Leichen zu tun hatte. (Foto: Othmar Seehauser)

    Fast 20 Jahre lang, von 1998 bis 2016, war der Bozner Pathologe Eduard Egarter Vigl Ötzis Leibarzt. Seine Aufgabe war es, für die „Gesundheit“ einer 5.000 Jahre alten Leiche zu sorgen. In einem Gesprächsbuch mit Heinrich Schwazer liefert er erstmals Hintergrundmaterial aus 20 Jahren Ötzi-Forschung, erzählt anekdotenreich von der dramatischen Entdeckung der Pfeilspitze und fragt nach dem Verbleib von Ötzis fehlenden Rippenstücken und Fingernägeln.

    Tageszeitung: Herr Egarter Vigl, 1997 wurden Sie vom Seziertisch weg zum Ötzi-Konservator ernannt Sie hatten keine Erfahrung mit Konservierung, Ihre Lust hielt sich in Grenzen – wie kam man überhaupt auf die Idee, Sie damit zu beauftragen?

    Eduard Egarter Vigl: Ich kann mich noch gut an den Anruf von Helmut Stampfer, den damaligen Landeskonservator, im Juni 1997 erinnern. Er fragte mich sehr direkt, ob ich mir vorstellen könne, die Konservierung zu übernehmen. Ich war versucht, das Angebot spontan abzulehnen, habe ihn aber gefragt, wie man überhaupt auf mich gekommen sei. Seine Antwort lautete: Wohl weil du von Berufs wegen am meisten mit Leichen zu tun hast.

    Wie kamen Sie auf die genial einfache Konservierungsmethode?

    Irgendwann, das Museum war schon fast ein Jahr lang offen, kam eine besondere Idee zum Tragen. Ich fuhr durch Gröden und da schoss es mir durch den Kopf: Warum machen wir es nicht wie die Eisbildhauer in den Wintersportorten? Wenn abends die Temperatur unter den Gefrierpunkt fällt, nehmen sie einen Gartenschlauch und spritzen Wasser auf ein Holzgerüst. Wenn mit einer gewissen Kunstfertigkeit der zerstäubte Wasserstrahl gezielt auf Gerüstteile gelenkt wird, entstehen Skulpturen ungeahnter Schönheit aus Eis. Dieser Gedanke war die Geburtsstunde einer neuen Konservierungsmethode, einer banal einfachen, aber praktikablen und billigen Technik: die Mumie mit einem dünnen Eispanzer zu überziehen. Mit einer händischen Sprühpistole, wie sie jede Hausfrau für die Befeuchtung ihrer Zimmerorchideen verwendet, wurde einmal pro Woche steriles Wasser auf die Mumie gesprüht. Auf der Mumie bildete sich eine beliebig dicke, stets durchsichtige Eisschicht. Diese verlieh ihr ein quasi glaciertes Aussehen und gleichzeitig einen mechanischen Schutz und eine Feuchtigkeitsreserve für die folgenden Tage. Der einzig bittere Beigeschmack war, dass viele Museumsbesucher glaubten, eine Kunststoffkopie und nicht das Original präsentiert zu bekommen.

    Die berühmte Pfeilspitze wurde entdeckt, weil die Innsbrucker ohne Genehmigung vom Beirat große Knochenproben an mehreren Rippen entnommen hatten, die nie wieder aufgetaucht sind. Damit beginnt die Geschichte der Pfeilspitze und die Klärung von Ötzis Todesursache.

    Die Szene, als Paul Gostner mein Arbeitszimmer betrat, war filmreif. Es war ein ungeheuer spannungsgeladener Moment, als das Röntgenbild der linken Hälfte des Brustkorbes auf dem Bildschirm lag und er vieldeutig und mit dem für ihn typischen, zurückhaltenden Schmunzeln fragte: Was siehst du da? Als Nichtradiologe und von der Vorgeschichte beeinflusst, schaute ich nur auf Details, die mir für die Rippenprobe von Interesse schienen. Aufgefallen war mir aber sofort, dass an mehreren Rippen Stücke fehlten und Paul Gostner bestätigte meine Beobachtungen. Man hatte offensichtlich bereits große Knochenproben an mehreren Rippen entnommen. Ich stellte etwas überrascht und ein wenig ironisch fest: Da haben sie sich aber ordentlich bedient. Der Vergleich mit früheren Röntgenbildern des Brustkorbes aus Innsbruck ergab eindeutig, dass einst alle Rippen vollständig gewesen waren. Die Südtiroler Landesregierung forderte damals Aufklärung von der Universität Innsbruck, die Medien brachten den Fall in skandalöser Aufmachung, aber geklärt wurde das Geheimnis letztendlich nie. An der Universität Innsbruck schob man die Schuld hin und her, sogar der Rektor wurde bemüht. Erklären konnte oder wollte den Verbleib der Knochenstücke niemand.

    Konnten Sie die Pfeilspitze auf dem Röntgenbild erkennen?

    Paul Gostner zeigte auf einen Schatten in der linken oberen Bildhälfte. Ich fragte: Was ist das? Er sagte: Schau doch mal genauer hin, was hat das für eine Form? Es war eine dreieckige Form, aber ich hatte immer noch nicht begriffen. Gostner hat mir dann weitere Bilder vorgelegt, die drei Monate vorher gemacht worden waren, als wir die Mumie erstmals in Bozen in den Computertomografen geschoben hatten. Das waren Schichtaufnahmen von der linken Schulter. Auf ihnen war deutlich zu erkennen, dass ein extrem strahlendichter Fremdkörper im Gewebe steckt. Eine Drehung der Bilder konnte dann jeden Zweifel beseitigen: Das war von der Form her eindeutig eine Pfeilspitze. Es war ein extrem aufregender Moment.

    Womit die österreichischen Kollegen blamiert waren, weil sie die Pfeilspitze in sieben Jahren Forschung nicht gesehen hatten.

    Es war klar, dass wir mit dieser Enthüllung die österreichischen Kollegen blamieren würden. Für Landesrat Bruno Hosp kamen damit auch diplomatische Implikationen ins Spiel. Er bestand darauf, dass die Entdeckung um jeden Preis vorerst geheim bleiben musste und dass Horst Seidler als Präsident des wissenschaftlichen Beirats bei der Präsentation der neuen Erkenntnisse dabei sein musste. Seidler befand sich damals gerade auf Forschungsreise in Afrika und wurde erst zwölf Tage später wieder in Wien erwartet. So lange mussten wir zuwarten.

    Was passierte, als Seidler aus Afrika zurück war?

    Seidler kam am 22. Juni aus Äthiopien zurück. Landesrat Hosp hatte ihn angerufen und gebeten, sofort ins Flugzeug zu steigen und zur Pressekonferenz nach Bozen zu kommen. Seidler wollte natürlich wissen, was passiert sei, aber Hosp hat ihm nichts verraten und nur gedrängt: Nicht fragen, komm einfach, wir müssen mit dir was Wichtiges bereden! Das Treffen war für den nächsten Tag um 9.30 Uhr im Hotel Laurin vereinbart. Seidler war eine halbe Stunde früher da und sehr aufgeregt. Landesrat Hosp hat als sein Duzfreund die Gesprächsführung übernommen, die Röntgenbilder wurden Seidler vorgelegt und zum Vergleich auch die Bilder vom Ötzi-Kongress 1991 in Innsbruck, auf denen die Pfeilspitze bereits zu erkennen gewesen wäre. Er wurde für alle sichtbar bleich, in diesem Moment brach vermutlich der Himmel über ihm zusammen. Mit dem Mobiltelefon rief er Zur Nedden an: Dieter, wir haben da einiges falsch gemacht. Wir haben all die Jahre übersehen, dass eine Pfeilspitze in Ötzis Rücken steckt.

    Stimmt es, dass Horst Seidler einen Zehennagel von Ötzi für sich behalten hat?

    Es gibt einen Eismannfilm, produziert von Spiegel TV, in dem tritt Seidler als Wissenschaftler auf und erklärt eine Untersuchung an Finger- oder Zehennägeln anhand nuklearer Methoden. Während des Gesprächs holt er einen Zehennagel von Ötzi aus der Labormanteltasche und zeigt ihn dem Publikum. Dann verschwindet der Nagel wieder in seiner Tasche. Seither ist er verschwunden. Unauffindbar. Wenn man Seidler danach fragte, antwortete er nur: Ich habe nie einen Nagel gehabt. Ähnlich war es mit den fehlenden Rippenstücken. Die Innsbrucker haben stets behauptet, sie wüssten nichts davon, die müsse, wenn überhaupt, Seidler haben. Aber der stritt das ab und schob den Innsbruckern die Verantwortung zu, weil die nicht richtig protokolliert hätten.

    Fehlen noch weitere Stücke von der Mumie?

    Wir haben uns infolge dieser Geschichte auf die Suche nach allen Nägeln von Ötzi gemacht. Einen hat man in einem Schuh der Mumie gefunden, einer wurde nachträglich aus dem Schmelzwasser am Fundort geholt, einen Zehennagel hat Seidler und einen Fingernagel hat Luigi Capasso aus Chieti mitgenommen. Den hat er immer noch und gibt ihn nicht heraus.

    Warum gibt Professor Capasso den Nagel nicht heraus?

    Capasso war ja in der ersten Phase nach der Bergung der Mumie vom italienischen Ministerium für Kulturgüter beauftragt, die Interessen des Italienischen Staates zu vertreten. Er hat oft für viel Sand im Getriebe der Instanzen gesorgt. Als Vertreter des Italienischen Staates hatte er in der Anfangsphase Zugang zu den Proben und hat einen Fingernagel für wissenschaftliche Zwecke mitgenommen. Über seine Studien gibt es eine Publikation. Capasso ist überzeugt, das Land Südtirol verfüge über genügend Mittel, um für die Aufbewahrung und Dokumentation des Nagels finanziell aufkommen zu können. Er meint, das stünde ihm zu.

    Er will Geld für den Nagel?

    Ja. Er sagt, er habe den Nagel konserviert. Vor etwa zehn Jahren forderte er vom Archäologiemuseum eine beträchtliche Summe für den Fingernagel, um die Fotodokumentation eines Forschungsprojekts rund um den Nagel zu finanzieren. Das Museum hat mehrfach nachgefragt und die Herausgabe des Nagels gefordert, auch mit Klage gedroht, aber ohne Ergebnis. Capasso hat ihn meines Wissens nie zurückgegeben.

    Sollte das Museum nicht auf Herausgabe klagen?

    Für einen Wissenschaftler wäre es korrekt, den Nagel ohne Klage zurückzuerstatten.

    Eduard Egarter Vigl(links) in der Kühlzelle: Konservierungsmethode aus dem Geist der Grödner Eisskulpturen. (Foto: Archäologiemuseum)

    In

    In In Peru hatten Sie eine außergewöhnliche Begegnung mit einer Schamanin. Was passiert, wenn ein Pathologe auf eine Schamanin trifft?

    Ich habe diese Geschichte schon mehrfach in Ärztekreisen erzählt, weil sie wirklich bemerkenswert ist und ein Beweis dafür, dass neben der klassischen Schulmedizin auch noch andere Heilformen existieren. Die Frau, die uns als Schamanin vorgestellt wurde, war eine etwas rundliche Person in kaum schätzbarem Alter und mit dem typischen Aussehen einer Indiofrau. Sie sprach weder Spanisch noch Englisch, sondern kommunizierte in ihrem Dialekt mit dem Entwicklungshelfer. Jedenfalls erklärte sie sich bereit, jemanden aus der Runde zu untersuchen.

    Sie.

    Alle haben mich angeschaut: Du bist Arzt, lass du dich untersuchen. Ich musste aufstehen und die Schamanin zog ein lebendes Meerschweinchen aus ihrer Tasche heraus. Das hat sie am Nacken gepackt und im Abstand von einigen Zentimetern über meinen ganzen Körper bewegt, vom Kopf über das Gesicht, den Hals, die Brust bis zu den Füßen hinunter. Das Tierchen muss wohl sehr verängstigt gewesen sein, jedenfalls hat es mir auf die Brust gepinkelt. Das Ganze hat etwa fünf Minuten gedauert, dann musste ich vor die Tür gehen und etwa zehn Minuten draußen warten. Was dann passierte, weiß ich nur aus den Beschreibungen meiner Mitreisenden.

    Was passierte denn?

    Die Schamanin hatte einen sehr langen Daumennagel, mindestens drei Zentimeter lang, scharf wie ein Dolch. Mit diesem Daumennagel hat sie das Meerschweinchen getötet, indem sie ihm den Hals durchtrennte. Das tote Tier hat sie, immer mit ihrem Daumennagel, aufgeschnitten, seine Eingeweide herausgenommen und diese dem Hund zum Fressen hingeworfen. Wie auch immer es zuging, jedenfalls erstellte sie aufgrund dieser Eingeweideschau ihre Diagnose über meinen Gesundheitszustand.

    Wie lautete die?

    Laut Übersetzung befand sie Herz und Lungen für gesund, die Leber sei leicht entzündet, meine Probleme lägen jedoch in der linken Schulter und im rechten Knie. Ich war total überrascht, denn an diesen Stellen hatte ich in der Tat Probleme. Aber das absolut Erstaunliche kam danach. Sie sagte, ich bräuchte mir über meine Beschwerden keine Sorgen mehr zu machen, denn all meine Leiden hätte soeben der Hund gefressen.

    Das klingt nach Hexerei.

    Das dachte ich auch, aber das wirkliche Aha-Erlebnis folgte nun erst. Ich war bis zu diesem Zeitpunkt unfähig gewesen, meinen linken Arm höher als in eine horizontale Haltung zu heben, weil diese Bewegung zu sehr schmerzte. Plötzlich konnte ich den Arm aber problemlos und schmerzfrei in die Höhe strecken. Seit diesem Erlebnis sind über 15 Jahre vergangen und ich habe nie mehr Probleme mit meiner linken Schulter gehabt.

     

     

    Das Buch

    Eduard Egarter Vigl: Ötzis Leibarzt. Ötzi, Tutanchamun und andere Kriminalfälle. Heinrich Schwazer im Gespräch mit dem Pathologen. Edition Raetia, 184 Seiten. Euro 17,90.

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