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    Schrei nach Leben

    Depressionen In Südtirol nimmt sich jede Woche eine Person das Leben, täglich finden ein bis drei Suizidversuche statt.

    Diese traurige Bilanz nimmt die Caritas Telefonseelsorge zum Anlass, das Tabu-Thema „Suizid“ in den Mittelpunkt ihres 15-jährigen Bestehens zu stellen und am 4. Mai in Bozen einen Vortrag mit dem Niederländer Viktor Staudt, der bei einem misslungenen Selbstmordversuch beide Beine verloren hat, zu organisieren. Denn bei gar einigen der insgesamt 95.000 Gespräche, welche die gut ausgebildeten Telefonseelsorger in diesen 15 Jahren geführt haben, ging es wirklich um Leben und Tod.

    „Die Caritas Telefonsseelsorge entstand im Jahr 2002 in Zusammenarbeit mit der Diözese auf Anregung der Südtiroler Vinzenzgemeinschaft hin. Es war die Zeit, in der man sich erstmals den seelischen Nöten der Menschen zuwandte. So hatte die Caritas erst ein Jahr zuvor die Männerberatung eröffnet und vier Jahre zuvor die Hospizbewegung“, erinnert sich Caritas-Direktor Franz Kripp an die Anfänge.

    „Die Idee dafür, auch in Südtirol eine Telefonseelsorge zu gründen, kam unserem damaligen Zentralpräsidenten Josef Plankensteiner aufgrund eines ORF-Fernsehberichtes zum Thema Suizid und die darin erwähnte Hilfestellung durch die österreichische Telefonseelsorge. Mit der Südtiroler Caritas arbeiten wir seitdem finanziell unterstützend bei der hiesigen Telefonseelsorge mit. Der organisatorische Aufwand für uns als Vinzenzgemeinschaft wäre zu groß gewesen“, bescheinigt Siegfried Holzer, der heutige Zentralpräsident der Vinzenzgemeinschaft.

    Paolo Valente, Roger Pycha, Franz Kripp, Guido Osthoff, Silvia Moser und Siegfried Holzer

    Paolo Valente, Roger Pycha, Franz Kripp, Guido Osthoff, Silvia Moser und Siegfried Holzer

    Tatsächlich entwickelte sich die Telefonseelsorge zu einem Erfolgsmodell. „Rund 95.000 Anrufe sind in diesen 15 Jahren bei uns eingegangen; letzthin bewegten sich die Zahlen bei 10.000 Anrufen pro Jahr.

    Im Schnitt bedeutet das 28 Anrufe pro Tag bzw. Nacht“, berichtet Silvia Moser, welche die Telefonseelsorge von Anfang an leitete. Der Dienst wird das ganze Jahr über rund um die Uhr angeboten (auch an Sonn- und Feiertagen). „Möglich ist dies nur dank der Mithilfe der über 80 Freiwilligen, die dafür eine umfassende Ausbildung erhalten und regelmäßig Supervisions- und Weiterbildungsangebote besuchen“, sagt Moser. Denn für den, der bei Caritas Telefonseelsorge anruft, zählt jedes Wort.

    „Das trifft umso mehr auf Menschen zu, die am Telefon ankündigen, sich das Leben nehmen zu wollen“, sagt Moser. Ihr Anteil bewegt sich jährlich bei etwa einem Prozent (94 Anrufe). „Rein rechnerisch erscheint das wenig, doch hinter diesen 94 Anrufen steht in jedem einzelnen und individuellen Fall ein Mensch, bei dem es wirklich um Leben oder Tod geht. Dazu kommt noch eine Reihe von Anrufern (mehr als die Hälfte), welche auf Grund ihrer chronischen seelischen Instabilität tendenziell auch gefährdet sind“, weiß Moser.

    Dass „Suizid“ in Südtirol ein großes Thema ist, das bestätigt Roger Pycha, Primar des psychiatrischen Dienstes in Bruneck: „Wir gehen davon aus, dass sich in Südtirol pro Woche eine Person das Leben nimmt und dass täglich ein bis drei Suizidversuche stattfinden. Diese Zahlen sind die höchsten in Italien, gleichen aber denen von Deutschland und sind niedriger als in Österreich und der Schweiz. Doch jeder dieser Toten und Gefährdeten ist einer zu viel“, sagt Pycha.

    „Am meisten gefährdet sind Menschen, die psychisch krank sind oder ein Suchtleiden haben. Ein erhöhtes Suizid-Risiko tragen ältere Menschen, Männer, unfreiwillig Vereinsamte, sprich Geschiedene und Witwer, Arbeitslose, an unheilbaren Krankheiten leidende Personen und allgemein Menschen in schweren Krisen“, sagt Pycha. „Doch weiß man heute auch gut, was dagegen hilft: gute soziale Beziehungen und ein Leben voller Pläne und Vorhaben, die sinnvoll und wichtig erscheinen.“

    Dies bestätigt auch Silvia Moser von der Telefonseelsorge: „„Wenn ein Mensch Suizidgedanken äußert, gilt es hellhörig zu sein. Das sind schlichtweg Hilfeschreie. Da sollte man hinhören und nachfragen ohne Angst zu haben, etwas falsch zu machen“, erklärt Moser. Reden könne wirklich helfen und ein erster Schritt aus der Einsamkeit bzw. Ausweglosigkeit sein. Dass sich Menschen dabei in der eigenen Muttersprache leichter tun, das spielte seinerzeit auch bei den Überlegungen für die Gründung einer eigenen Telefonseelsorge mit.

    „Auf italienischer Seite gab es ja schon das ,Telefono Amico‘, das auch in Südtirol für Menschen in Krisensituationen erreichbar war und ist. Die beiden Angebote stehen nicht in Konkurrenz zueinander, ganz im Gegenteil, es wird sogar gegenseitig darauf verwiesen, wenn es aufgrund sprachlicher Bedürfnisse erwünscht ist“, unterstreicht Caritas-Direktor Paolo Valente die gute Zusammenarbeit.

    Bereichsleiter Guido Osthoff verweist zum Abschluss an den Vortrag, welchen die Caritas Telefonseelsorge zu eben ihrem 15-jährigen Bestehen und zum Thema „Suizid: Der Schrei nach Leben“ organisiert. Sie hat dazu den Niederländer Viktor Staudt eingeladen.

    Er wird am 4. Mai um 20 Uhr in der Sparkasse Academy in Bozen (Sparkassenstraße 16) über seinen misslungenen Selbstmordversuch und sein wiedergewonnenes Leben berichten. Staudt hat sich vor 17 Jahren in Amsterdam vor einen Zug geworfen und dabei beide Beine verloren. Erst nach einem langen Leidensweg hat er schließlich Hilfe im Umgang mit seiner Depression erfahren.

    Um Menschen, die sich in einer ähnlich ausweglosen Situation befinden, neuen Mut zu schenken, hat er ein Buch („Die Geschichte meines Selbstmords. Und wie ich das Leben wiederfand“) geschrieben und hält dazu seitdem zahlreiche Vorträge im deutschen Sprachraum.

    Zahlen, Daten, Fakten zur Telefonseelsorge:

    – Eröffnung im Jahr 2002
    – Bisher insgesamt 95.000 Anrufe, bis Jahresende schätzungsweise mehr als 100.000
    – Seit vier Jahren 10.000 Anrufe jährlich, im Schnitt 28 Anrufe pro Tag bzw. Nacht
    – Die Hälfte der Anrufenden sind zwischen 40 und 59 Jahre alt
    – Bis zu 45 Prozent der Anrufer sind männlich
    – Einsamkeit: dieses Thema kommt am häufigsten zur Sprache

    Die Caritas Telefonseelsorge ist unter der Grünen Nummer 840 000 481 Tag und Nacht durchgehend zu erreichen, speziell auch an Sonn- und Feiertagen, wenn die Einsamkeit für viele noch deutlicher spürbar wird als an anderen Tagen.

    Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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    Kommentare (10)

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    • andreas

      Die psychologische Betreuung besteht in Südtirol aus Insellösungen wie Psychiatrie, Bad Bachgart oder psychologischer Dienst im Sprengel, welche einen Patienten nicht übergreifend bzw. angemessen betreuen.
      Es kann nicht sein, dass Patienten von 24 Stunden Betreuung wie z.B. in der Psychiatrie, entlassen werden und die Betreuung im Sprengel dann 2 x 1 Stunde im Monat ist.
      Auch gibt es sehr gute und unfähige Therapeuten, welche in einer gefährlichen Situation komplett unterschiedlich reagieren.

    • goggile

      andreas scheint wieder mal bestens informiert. in jeder berufssparte gibt es fàhige und unfàhige. damit muss man leben und das beste draus machen.

      • andreas

        Wenn jemand deshalb stirbt, kann man nicht „das beste draus machen.“

      • yannis

        >>fähige und unfähige<<

        jeden anderen medizinischen Behandler lässt sich Pfuscherei nicht immer aber doch hier und da nachweisen, bei den Psycho´s ist dies zu 100% ausgeschlossen und darin liegt das grundsätzliche Problem, denn so manche Psychotherapie füllt zwar den Geldbeutel des Behandlers verschlimmert jedoch das Problem des Patienten.
        So gibt es Fälle die von ihrer Erkrankung nicht geheilt wurden, sind aber von ihren Therapeuten Geheilt, immerhin.

        • andreas

          Es ist nicht ausgeschlossen, Fahrlässigkeit zu belegen. Es gibt Krankenakten.

          • markp.

            Nicht ausgeschlossen, aber das Suchen nach der berühmten Nadel im Heuhaufen.
            Wird denn bei einem Selbstmord – insofern es sich nicht um einen Flugzeugabsturz wie vor paar Jahren handelt, bei dem „anscheinend“ der Pilot über 100 Passagiere mit in den Tod gerissen hat – automatisch nach der Krankenakte gesucht, um zu ergründen ob der Therapeut alles richtig gemacht hat?

            • yannis

              im Durchschnittsfall, praktisch NIE !

              Im Fall 4U9525 gab es Krankschreibungen und Krankenakten,
              was wie sich herausstellte denen die nicht sterben wollten auch nicht half.
              Und kein Schwein hat sich bis dato dafür interessiert, ob nicht die Behandler von A.L. ihn hätten rechtzeitig aus dem Verkehr ziehen lassen.

    • snakeplisskien

      Andreas hat vollkommen Recht und die 2x 1Stunde monatlich sind dabei noch hoch angesetzt.

      Außerdem erfolgt die Zuteilung des Teams (Psychiater, Psychologe, Sozialbetreuer usw.) nach Wohnsitz des Betroffenen, was katastrophal ist. Es handelt sich dabei ja nicht um eine normale ärztliche Betreuung, bei der es egal sei könnte, von wem man das Medikament oder die Behandlung erhält. In solchen Fällen ist es hingegen wichtig eine Beziehung mit diesen Therapeuten aufzubauen, vertrauen zu haben usw., in anderen Worten ausgedruckt, es muss das Feeling stimmen.

      Außerdem kommte es aufgrund dieser Zuteilungsmethodik auch zu Situationen wo einzelne Familienmitglieder von demselben Team betreut werden, was hingegen aus therapeutischer Sicht, außer bei Familientherapien, nicht vorkommen sollte.

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