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    „Wollen uns nicht verstecken“

    sg-lesbenhochzeit-0Laura Marcolla und Diana Schell sind seit dem Valentinstag ein Ehepaar. Im Interview sprechen sie über ihre bewusst öffentlich inszenierte Trauung und über die Südtiroler Gesellschaft, die mit gleichgeschlechtlicher Liebe offener umzugehen gelernt hat.

    TAGESZEITUNG Online: Laura, Eure Eheschließung hat nicht nur in Südtirol, sondern auch außerhalb für Furore gesorgt. Wie habt Ihr das selbst miterlebt?

    Laura: Es war alles sehr aufregend. Wir haben Glückwünsche von überall her erhalten, auch von Personen, die wir gar nicht oder nur flüchtig kannten. Über Facebook hat sich die Meldung rasend schnell verbreitet. Das war schon sehr beeindruckend.

    Ihr habt euch am Valentinstag im Bozner Standesamt da Ja-Wort gegeben und dabei auch die Presse zugelassen. Warum dieser Gang an die Öffentlichkeit?

    Laura: Das war eine ganz bewusste Entscheidung. Wir wollten dadurch zeigen, dass wir uns nicht verstecken und dass die Liebe und Ehe zwischen zwei Frauen eine ganz normale Sache ist. Das war uns wichtig.

    Diana: Wir wollten ein Signal aussenden. Es gibt noch viele Männer und Frauen, die aus ihrer Homosexualität ein Geheimnis machen und sich nicht trauen, sie auszuleben, bzw. sie anderen mitzuteilen.

    Laura: Ja, unsere Botschaft ist: Traut euch und lebt euer Leben.

    Ist denn die Gesellschaft wirklich noch so verschlossen gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe?

    Laura: Wenn ich ehrlich bin, haben mich die Reaktionen auf unsere Eheschließung überrascht. Wir haben ausnahmslos positive Rückmeldungen bekommen. Es hat keine einzige negative Reaktion gegeben, die Menschen haben sich mit uns gefreut.

    Das hängt möglicherweise mit Eurer sehr offenen Art und positiven Ausstrahlung zusammen?

    Diana: Sicher hängt das auch damit zusammen. Aber insgesamt haben wir festgestellt, dass in den letzten Jahren doch eine Öffnung der Gesellschaft Richtung Normalität stattgefunden hat.

    Laura: Darf ich eine Episode erzählen?

    Ja, bitte.

    Laura: Ich habe die Tage nach der Eheschließung bereits wieder gearbeitet und bin hinter dem Verkaufstresen gestanden. Es sind reihenweise Menschen gekommen, die mir gratuliert haben. Da waren Kunden dabei, die sind 70 Jahre und älter und sie haben mich umarmt und gesagt: Es ist gut, dass du dein Leben so lebst, wie du es möchtest. Das hat mich berührt. Die ganz jungen Menschen applaudieren und finden eine gleichgeschlechtliche Ehe cool – das ist eben so, wenn man jung ist, da findet man alles toll, auch weil man die Tragweite nicht immer erkennt. Wenn mir aber eine 80-Jährige Frau gratuliert, dann ist das etwas ganz anderes. Sie weiß, dass hinter einem solchen Schritt viele Jahre Zweifel und langes Ringen mit sich selbst stecken.

    sg-lesbenhochzeit-5Ihr seid seit zwei Jahren ein Paar. Warum habt ihr euch entschlossen zu heiraten?

    Laura: Um uns gegenseitig abzusichern. Vermögensrechtlich in erster Linie, aber auch sonst. Durch die Eheschließung kann der Partner beispielsweise im Krankheitsfall Besuche im Spital abstatten, was sonst nicht möglich wäre.

    Diana: Als Italien 2016 das Partnerschaftsgesetz erlassen hat, haben wir uns zuerst über die Folgen und Auswirkungen informiert. Im Herbst haben wir dann beschlossen zu heiraten.

    Wann habt Ihr erstmals geahnt, dass Ihr Euch von Frauen stärker angezogen fühlt als von Männern?

    Diana: Da war ich so um die 19 Jahre alt. Ich hatte vorher einen Freund gehabt, merkte aber, dass das nicht so mein Ding ist. Ich war anschließend sechs Jahre lang mit einer Frau zusammen, hatte dabei jedoch stets das Gefühl, dass das irgendwie nicht okay ist. Deshalb habe ich es wieder mit Männern versucht, aber das hat nicht funktioniert. Ich komme aus einem eher konservativen Umfeld und eine gleichgeschlechtliche Liebe war da wenig akzeptiert. Während eines Kanada-Aufenthaltes hatte ich dann mein Schlüsselerlebnis: dort wurden gleichgeschlechtliche Paare als völlig normal betrachtet, ich habe mich damals richtig frei gefühlt und bemerkt, dass ich mich die ganze Zeit selbst zu etwas gezwungen hatte, was ich eigentlich so gar nicht haben wollte.

    Laura: Ich war 20, als ich erstmals merkte, dass mich Frauen anziehen. Vielleicht habe ich es vorher geahnt, aber ich habe es immer verdrängt. Jedenfalls war es am Meer, ich habe dort gearbeitet. Zuerst dachte ich mir: das ist eine Eskapade, das gehört zur jugendlichen Erfahrung, ich habe es eher als Unterhaltung betrachtet. Aber dann habe ich mich richtig in eine Frau verliebt. Das hat in mir dann eine regelrechte Krise ausgelöst, weil ich merkte, dass meine Zuneigung zu Frauen doch tiefer geht und dass ich das nicht einfach so wegwischen kann. Ich habe dann zwei oder drei Jahre männliche Partner gehabt, bis ich merkte, dass ich das nur als Alibi für meine Familie machte.

    Ihr kennt beides: inwiefern unterscheidet sich die Liebe zu einer Frau von jener zu einem Mann?

    Laura: Die Gefühle waren anders, intensiver. Bei Frauen schaute ich nicht auf die Äußerlichkeiten wie bei einem Mann. Die Anziehung für eine Frau startet im Kopf, es zählen die Ausstrahlung, die Ausdruckskraft der Augen, der Charakter, die Gestik.

    Diana: Ja, es zählen mehr die inneren Werte, nicht so sehr das Aussehen.

    Was heute bei Euch so selbstverständlich wirkt, war anfangs also gar nicht so einfach. Wie haben Eure Familien reagiert?

    Diana: Wie gesagt, ich komme aus einem etwas konservativen Umfeld. Mittlerweile hat meine Familie meine Entscheidung jedoch akzeptiert.

    Laura: Für meinen Bruder war meine sexuelle Ausrichtung nie ein Problem. Ich habe dann noch eine Tante, da war es schon schwieriger. Als ich ihr vor 20 Jahren eröffnete, dass ich Frauen liebe, war sie absolut dagegen, sie hat es nicht verstanden und mich gebeten, „zur Normalität“ zurückzukehren. Mit der Zeit hat sie aber gelernt damit umzugehen, sie hat sich auch nicht mehr eingemischt. Als Diana und ich geheiratet haben, hat sie sich sogar gefreut. Sie hat zu Diana ein sehr gutes Verhältnis und ist mittlerweile richtig stolz auf uns.

    Und wie haben Eure Arbeitgeber reagiert?

    Laura: Positiv, mein Chef war sogar mein Trauzeuge. Er ist wie ein Bruder zu mir und er hat sofort zugesagt, als ich ihn gefragt habe. Ich habe ihm gegenüber aber auch nie ein Geheimnis um meine sexuelle Ausrichtung gemacht.

    sg-lesbenhochzeit7Vor dem Hintergrund Eurer persönlichen Erfahrung: Was empfehlt Ihr jungen Menschen, die Zweifel an ihrer sexuellen Ausrichtung haben?

    Laura: Wer zweifelt, sollte beim Beratungstelefon von Centaurus anrufen. Ich habe das damals gemacht. Außerdem empfehle ich, sich nicht zu verstecken, sondern sich Freunden anzuvertrauen und darüber zu sprechen. Ich habe beispielsweise vor über 20 Jahren mit einer guten Freundin über meine Zweifel geredet. Ich weiß noch, dass Tränen geflossen sind, aber sie hat mir gut zugeredet und mich bestärkt.

    Welche Bemerkung möchtet Ihr nie wieder hören?

    Diana: „Wer von euch beiden ist der Mann?“ Diese Floskel ist so was von abgedroschen. Von uns beiden ist niemand der Mann oder die Frau. Ich arbeite beispielsweise in einem eher männlichen Beruf, ich hieve schwere Obstkisten, aber zu Hause bügle und koche ich auch.

    Laura: Ich finde, jeder Mensch hat eine weibliche und eine männliche Seite. Ich muss aber auch sagen, dass wir dieses dumme Gerede letzthin auch seltener zu Ohren bekommen.

    Wie geht Ihr im Alltag mit Eurer Partnerschaft um? Küsst Ihr Euch öffentlich?

    Laura: Nein, ich mag das nicht. Aber ansonsten machen wir kein Geheimnis aus unserer Partnerschaft. Wir checken im Hotel beispielsweise als Paar ein.

    Nie dumme Bemerkungen geerntet?

    Laura: Nein, nie. Nicht mal einen schrägen Blick oder ein spöttisches Lächeln.

    Kinderwunsch?

    Laura: Nein, wir haben beide nie den Wunsch nach eigenen Kindern verspürt. Adoption ist für uns auch kein Thema.

    Diana: Wir haben einen kleinen Hund, Pink, der ist wie ein Kind für uns (schmunzelt).

    Wie verteilt Ihr die Aufgaben im Haushalt?

    Diana: Wir ergänzen uns sehr gut und waren von Anfang an ein eingespieltes Team, ohne dass wir explizit über die Aufgabenteilung gesprochen haben. Wer gerade Zeit hat kocht, die Putzarbeiten teilen wir ebenfalls auf.

    sg-lesbenhochzeit-03Flitterwochen?

    Diana: Ja, wir starten im März auf die Kanarischen Inseln.

    Laura: Wir dürfen dafür übrigens wie alle anderen Hochzeitspaare auch die gesetzlich vorgesehen Urlaubstage in Anspruch nehmen. Ich wusste das gar nicht, mein Chef hat mich aufgeklärt (lacht).

    Wo seht Ihr Euch in 20 Jahren?

    Laura: In 20 Jahren sind wir beide in Rente und leben gemeinsam auf einer Insel.

    Diana: Ja, gemeinsam auf einer Insel in einem Haus mit Garten und vielen Tieren.

    Interview: Karin Gamper

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