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    „Die Karten neu gemischt“

    fash-schwazerLaut dem Doping-Aufdecker und ARD-Journalisten Hajo Seppelt gebe es im Fall Alex Schwazer bislang keinen Anhaltspunkt für eine Verschwörung. Nur die DNA-Probe könne die Wende bringen.

    TAGESZEITUNG Online: Herr Seppelt, können Sie sich vorstellen, dass es im Fall Alex Schwazer eine Manipulation oder eine wie auch immer geartete Verschwörung gegeben hat?

    Hajo Seppelt: Im Sport kann ich mir nach meiner langjährigen Erfahrung vieles vorstellen, weil es Neid und Missgunst gibt. Nur gibt in diesem speziellen Fall – nach dem, was ich vernommen habe – keinen konkreten Beweis für eine Manipulation. Das ist für einen so verdienstvollen Anti-Doping-Kämpfer wie Schwazers Trainer Sandro Donati sehr tragisch, ich halte ihn für sehr glaubwürdig.

    Sandro Donati, den Sie ja sehr schätzen, ist felsenfest davon überzeugt, dass es eine Manipulation gegeben habe …

    Ich verstehe Sandro Donati, dass er das so denkt. Er selber ist – so wie ich ihn seit vielen Jahren wahrgenommen habe – über alle Zweifel erhaben, lehnt Doping strikt ab und vertraut seinem Athleten. Einen konkreten Beleg, der gerichtsfest wäre, für eine Manipulation der Dopingprobe im Fall Schwazer ist bisher dennoch eben noch nicht gefunden worden.

    Nun soll ein Dna-Test gemacht werden, mittels dem geklärt werden soll, ob die in Schwazers Harn festgestellten illegalen Substanzen tatsächlich durch dessen Körper gegangen sind …

    Dieser Test ist sehr zu begrüßen.

    Sie glauben nicht, dass es im Fall Schwazer zur großen Wende kommen wird?

    Das kann keiner prognostizieren, wie auch. Vieles ist denkbar, aber man muss vorsichtig sein mit voreiligen Schlüssen. Es gibt zwar durchaus schlimme Vorkommnisse im Sport. In Russland etwa hat es ein durch den Geheimdienst gedecktes Staatsdoping gegeben …

    … das haben Sie aufgedeckt …

    Ja, aber nur weil es dieses Staatsdoping gegeben hat, kann man nicht automatisch von einer Verschwörung im Fall Schwazer ausgehen. Das wäre zu kurz gedacht. Zudem haben sich Schwazers Verteidigers anfangs selbst lächerlich gemacht, als sie von einer möglichen Kontamination durch Fleisch gesprochen haben. Das haben sie doch?

    Davon war anfangs auch die Rede, ja …

    Eben. Damit hat man Herrn Schwazer keinen Gefallen getan, weil man sich mit solchen Behauptungen lächerlich und unglaubwürdig macht. Ich sage es nochmals: Ich glaube Sandro Donati, ich nehme ihn sehr ernst, ich halte ihn für einen der besten Experten. Aber es gibt keinen Beleg für eine Manipulation.

    Was sagen Sie zu den vielen Ungereimtheiten im Fall Schwazer?

    Zu welchen?

    Man hatte beispielsweise den Eindruck, dass im Fall Schwazer auf Zeit gespielt wurde, um die Verteidigungsrechte des Athleten einzuschränken …

    Das hat, wenn es so gewesen sein sollte, nichts mit dem Fakt der positiven Probe an sich zu tun. Es gibt bisher keinen Beleg für eine Manipulation, man sollte die Kirche im Dorf lassen. Fakt ist, dass das Zeug in seinem Harn gefunden wurde. Ich schließe nicht aus und glaube sogar, dass es Leute geben kann, die Schwazer Böses wollen. Das ist möglich. Aber die Beweislast liegt den Regeln nach bei ihm: Er muss belegen, dass die Substanz ohne sein Verschulden in seinen Körper gelangt ist. Das hat er bislang nicht beweisen können. Sollte sich bei der Dna-Untersuchung herausstellen, dass es sich um keine Metaboliten handelt, die durch seinen Körper gelaufen sind, dann wäre dies ein Riesenskandal. Dann würden die Karten neu gemischt. Wir solllten daher das Ergebnis der Untersuchungen abwarten.

    Sie schließen auch aus, dass die Probe auf dem Weg von Südtirol ins Labor in einem Moment, wo sie unbeaufsichtigt war, manipuliert sein könnte?

    Man kann nichts ausschließen, aber wie wahrscheinlich ist das? Und wer sollte das getan haben? Dopingproben werden von Kenia nach Europa transportiert. Das funktioniert auch. Ich muss auch ganz offen sagen: Ich recherchiere seit 20 Jahren in diesem Bereich, ich habe immer wieder Sportler erlebt, die mit den interessantesten, mitunter weniger realitätsnahen, Erklärungen gekommen sind. Ich sage damit nicht, dass es bei Schwazer so war oder ist. Aber Glaube allein hilft nicht weiter bei der Beurteilung der vorliegenden Fakten.

    Sie meinen den Fall Dieter Baumann, der von einer kontaminierten Zahnpastatube sprach?

    Das war einer der schwierigen Fälle, ja. Im Fall Schwazer ist auch Fakt, dass Personen wie der Herr Fischetto eine unrühmliche Rolle gespielt haben. Das spricht durchaus für Schwazer. Ich weiß auch: Die Vorwürfe des Herrn Schwazer wurden vom Sportgerichtshof CAS sehr ernstgenommen. Die Anwesenden dort waren nach meiner Kenntnis sehr betroffen, sie haben Schwazer keineswegs für einen Spinner gehalten. Aber sie haben am Ende gesagt: Das Material, das Schwazers Anwälte vorgelegt haben, reicht nicht aus. Wenn die Dna-Analyse aber belegt, dass die Substanz nicht durch Schwazers Körper gegangen ist, dann hätten wir es mit einem der größten Kriminalfälle in der europäischen Sportgeschichte zu tun.

    Interview: Artur Oberhofer

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