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„Ein Weckruf“

Donald Trump, president and chief executive of Trump Organization Inc. and 2016 Republican presidential candidate, speaks during a news conference at the Mar-A-Lago Club in Palm Beach, Florida, U.S., on Tuesday, March 15, 2016. Billionaire Trump fell short of his goal of winning the two key states he needed to clear most of the Republican presidential field, securing a huge victory in Florida to knock out Senator Marco Rubio while losing Ohio to Governor John Kasich. Photographer: Andrew Harrer/Bloomberg *** Local Caption *** Donald Trump

LH Arno Kompatscher über das Phänomen Donald Trump, Bierdeckel-Lösungen, – und über die Sehnsüchte der Menschen nach dem starken Mann und der guten alten Zeit.

TAGESZEITUNG Online: Herr Landeshauptmann, fürchten Sie sich vor Donald Trump?

Arno Kompatscher: Nein, er wird schnell von der Realpolitik eingeholt werden. So hat er jetzt schon die Forderung nach Ausweisung der Muslime aus seiner Internetseite entfernen lassen. Es wird sich bestimmt die Außenpolitik ändern. Wir müssen uns aber nicht vor Trump fürchten. Mich wundert nur, dass er der mächtigste Mann der Welt werden konnte.

Wie analysieren Sie das Phänomen Trump?

Wir leben im postfaktischen Zeitalter. Es zählen nicht mehr Tatsachen, Argumente. Es zählen Emotionen. Wir haben gesehen: Es funktioniert, wenn man schwarz-weiß malt …

Es funktionieren die Bierdeckel-Lösungen?

Richtig. Und Hauptsache, es geht gegen die da oben, gegen das Establishment, wobei Hillary Clinton das Sinnbild dafür war. Aber wir haben es hierbei nicht mit einem rein amerikanischen Phänomen zu tun. Auch beim Brexit wurde offensichtlich die Unwahrheit behauptet, aber es hat funktioniert. Dieses Phänomen kennen wir auch aus Südtirol …

Inwiefern?

Nachrichten verbreiten sich im Netz in Sekundenschnelle, werden dort zum Allgemeingut und für bare Münze genommen. Dagegen mit Argumenten anzukämpfen, ist schwierig. Das ist für die Politik eine neue Herausforderung.

Beobachten Sie dieses Phänomen auch bei der Diskussion zur Verfassungsreform?

Ja, man kann legitimerweise zu politischen Fragen unterschiedliche Meinungen haben. Aber man sollte nicht ungestraft unwahre Behauptungen in die Welt setzen …

Wie etwa?

Wie beispielsweise die Nachricht, dass das Einvernehmen durch eine Zweidrittelmehrheit des Parlaments jederzeit überwunden werden könne. Das stimmt nicht! Das hätte der Staat gerne so gehabt!

Donald Trump hat die Wahl gewonnen, obwohl die wichtigsten Medien gegen ihn waren. Er hat die Stimmen der Frauen bekommen, obwohl er sie gedemütigt und brüskiert hat. Er ist von der Unterschicht gewählt worden, obwohl er nicht den geringsten proletarischen Bezug hat. Wie erklären Sie diese Irrationalitäten?

img_1699Mehr noch: Trump hat angekündigt, er wolle Obamas Gesundheitsreform kippen, dennoch wurde er von jenen Bürgern gewählt, die keine Krankenversicherung haben. Es ist dies genau die Irrationalität im Verhalten, über die wir vorhin gesprochen haben: Es zählen keine Ergebnisse, keine positiven Wirtschaftsdaten, es geht um Stimmungen, um Emotionen. Es ist das Spiel gegen die da oben …

Aber auch Trump gehört zu denen da oben …

Richtig, aber es ist ihm gelungen, sich als Vertreter jener zu etablieren, die es denen da oben zeigen wollen. Das ist das Ergebnis der neuen Netz-Demokratie.

Nun kann man vielleicht nicht alles auf das böse Netz schieben. Kann es nicht auch sein, dass sich viele Menschen als Opfer des Generationenkonflikts sehen? Kann es nicht sein, dass die Politik die Ängste der Menschen nur bedingt ernst nimmt?

Es ist richtig: Mit der Globalisierung und mit der neuen Info-Gesellschaft gab es zwei große Trends, die extrem viele Veränderungen gebracht haben. Das hat zu Verunsicherung geführt, das hat Ängste geschürt. Trump ist hergegangen und hat, ohne eine Idee aufzuzeigen, gesagt: „So nicht! Das ändere ich! Denen da oben, die an allem schuld sind, denen werde ich es zeigen!“ Und das hat funktioniert.

Ist es die Sehnsucht der Menschen nach einem (vermeintlich) starken Mann, die Trump zum Sieg verholfen hat?

Auch: Aber vor allem die Sehnsucht nach der guten alten Zeit.

Wie meinen Sie das?

Trump hatte Kernslogans: „Die Frau Clinton ist eine Betrügerin!“ Das hat er gebetsmühlenartig wiederholt. Und zweitens: „Make Amerika great again.“ Die zentrale Botschaft war das „again“, also das „wieder“, „machen wir Amerika wieder groß“. Er hat mit dieser Verklärung der Vergangenheit Emotionen und Sehnsüchte bedient. Nach dem Motto: Früher war alles besser!

Machen wir Südtirol wieder groß: Mit so einem Slogan könnte die SVP in den Wahlkampf gehen?

(lacht) So einfach ist es nicht, wenn man selbst Regierungsverantwortung trägt.

Warum erreichen die linken und ökologischen Kräfte die Menschen nicht mehr? Man hat oft das Gefühl, die ökosozialen Kräfte schämen sich ihrer Klientel bzw. finden keinen Zugang zu ihr …

img_1706Es ist tatsächlich ein Problem, den Zugang zu den Menschen zu finden. Früher hatten wir die klassischen Medien mit ihrer Bilderfunktion. Da wurde der Regierungschef interviewt und der Oppositionsführer. Heute informieren sich die Menschen im Netz, sie schaffen selbst Information. Es gibt keine Hoheit mehr darüber, was stimmt oder was nicht. Die Themen setzt nicht mehr die Politik. Ich merke das bei Bürgerversammlungen: Wenn man sich Zeit nimmt und miteinander redet, dann bewegt man sich auf einer ganz anderen Ebene. Dort funktioniert es …

Dort erreichen Sie die Menschen?

Ja, dort finde ich einen Zugang.

Was unterscheidet Trump von Berlusconi?

Sie haben vieles gemeinsam. Auch Berlusconi hat den sogenannten Kleinen Hoffnung gemacht, obwohl er selbst Milliardär ist. Er hat mit einfachen Botschaften operiert. Ich erinnere nur an seinen „Vertrag mit den Italienern“. Das war genial! Aber ob Trump sich 20 Jahre an der Macht halten kann (lacht).

Welche geopolitischen und -strategischen Verschiebungen wird es unter Trump geben? Wenn Trump, Putin und die Chinesen sich lieb haben, dann kann dies der Welt ja nur recht sein, oder?

Im Prinzip schon. Wertorientierungen werden in den Hintergrund rücken. Mit Putin wird es eine knallharte Interessensabgrenzung geben: Stören wir uns nicht gegenseitig.

Ob die Welt besser wird, das weiß ich nicht, denn Europa ist genau mittendrin. Europa muss endlich zu einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik kommen …

Insofern könnte Trump auch eine Chance sein?

Ja, es ist der zweite Weckruf nach dem Brexit. Europa muss endlich aufwachen. Wir brauchen mehr Europa und weniger Einzelstaaten.

Norbert Hofer, HC Strache, Geert Wilders, Marine Le Pen, Frauke Petry, Beppe Grillo. Wir sind von kleinen Trumps umzingelt?

Es handelt sich um unterschiedliche Politiker, die nach dem gleichen Muster arbeiten: Sie sind gegen die da oben und lancieren einfache Heilsversprechen.

Wird die Trump-Welle überschwappen auf Europa?

Die gibt es längst schon, diese Welle.

Zu Südtirol: Der SVP ist seit Jahren der rechte Flügel weggebrochen, die SVP ist in der Wahrnehmung vieler Menschen zu einer Mitte-Grün-Bewegung geworden. Und die Stärke der Partei liegt eigentlich nur mehr in der Schwäche und Zerstrittenheit der Opposition. Können Sie diese Analyse teilen?

Absolut nicht! Die SVP ist die Kraft der Mitte, das beweist schon der Umstand, dass wir von links und rechts angegriffen werden.

Sie befürchten nicht, dass irgendwann auch in Südtirol eine charismatische Figur am rechten Rand auftaucht, die der SVP das Leben schwer macht?

Ich denke nicht, dass man Politik machen sollte, indem man irgendwelchen Trends hinterherrennt, sondern man sollte mit sachlicher und seriöser Politik versuchen, zu überzeugen. Wir müssen nicht unsere Politik ändern, wird dürfen nicht vom Weg der Mitte und des Ausgleichs abgehen, sondern wir müssen unsere Politik besser vermitteln, wir müssen die Kommunikation verbessern.

INTERVIEW: ARTUR OBERHOFER

 

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