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    Der anonyme Brief

    sportschule-nalsDie Sportoberschule Mals wurde vor über 20 Jahren als Kaderschmiede für Südtirols Wintersportelite gegründet. Wird sie diesem Anspruch heute noch gerecht? Ein anonymes Schreiben kratzt am Image der Obervinschger Ausbildungsstätte. Mittlerweile wurde Anzeige gegen Unbekannt erstattet.

    Für Bahnreisende führt der Weg zur Sportoberschule Mals nach oben. Zuerst durch einen verwinkelten Fußweg querfeldein, vorbei an dem schon etwas verwitterten Schild mit der Aufschrift „Schulzentrum Mals“, schließlich eine Treppe hoch zu dem weitläufigen Schulgelände „Claudia von Medici“.

    Mals gilt als Kaderschmiede für Südtirols Wintersportelite, als kleine Schwester des traditionsreichen Skigymnasiums im Tiroler Stams. Mit diesem Anspruch wurde die Sportoberschule 1994 im obersten Vinschgau gegründet, dieser Anforderung wurde sie über viele Jahre gerecht – trotz der Abgeschiedenheit fern von den exklusiven Skigebieten und trotz aller Kinderkrankheiten, die es am Anfang zu bewältigen gab.

    Viele Skistars des Landes – darunter Patrick Staudacher, Dominik Paris, die Geschwister Mölgg, aber auch die erfolgreiche Biathlethin Doro Wierer – gingen in diesen Gemäuern ein und aus. Hier holten sie sich die körperliche und mentale Fitness, um das Podest zu erklimmen.

    Doch jetzt kratzt ein anonymes Schreiben am Image der Obervinschger Ausbildungsstätte. Es ist adressiert an Schulamt, Schulassessorat und zur Kenntnis auch an die TAGESZEITUNG. Der Brief enthält viel Insiderwissen und wirft Fragen auf. Die wichtigste ist: Warum kommen Südtirols Beste nicht mehr nach Mals, während die Zahl der Nicht-Südtiroler steigt? Das Schreiben hat die Sportoberschule in helle Aufregung versetzt.

    Der Brief liegt auf dem Tisch, als sich die TAGESZEITUNG in Mals mit den Schulverantwortlichen zu einem Gespräch trifft.

    Mit dabei: der langjährige Direktor Gustav Tschenett, der im Sommer zum Inspektor befördert wurde, der neue Direktor Werner Oberthaler sowie die Trainer Roland Brenner und Markus Ortler, der zur Verwunderung einiger auf dem Dach der Schule eine Photovoltaik-Anlage betreibt (siehe dazu eigenen Info-Kasten).

    Was ist also dran an den Vorwürfen? Gehen unsere Besten wirklich nicht mehr nach Mals? Ruhen sich die Trainer als eingeschworenes Team auf ihren Lorbeeren aus? Lässt der Medaillenregen nach?

    Chef-Trainer Roland Brenner räumt einen gewissen Leistungsknick in Ski Alpin ein: „Es gab in den letzten Jahren in Südtirol einen leichten Abfall, die Zahl der ganz Guten sinkt“, sagt er und nennt als Hauptgrund: „Der Topf, aus dem wir fischen, ist kleiner geworden“. Zum einen hat die Zahl der Kinder, die Skirennen fahren, abgenommen. Brenner: „Vor acht Jahren waren es noch 560 Kinder, im Schuljahr 2015/2016 waren es nur mehr 350“. Zum anderen ist Mals nicht mehr die einzige Ausbildungsstätte für Leistungssportler: es gibt inzwischen auch das Sportgymnasium in Sterzing und seit kurzem eine ähnliche Ausbildungsmöglichkeit in Gröden, viele junge Talente starten mittlerweile für ihre Clubs. Das sind konkurrierende Institutionen mit einem deutlichen Standortvorteil.

    Wurden deshalb die Zugangsvoraussetzungen für die Südtiroler Athleten gelockert? Dürfen deshalb auch jene mitmachen, die nicht einmal zur Italienmeisterschaft zugelassen wurden, wie in dem anonymen Schreiben angeprangert wird? Brenner widerspricht: „Die Italienmeisterschaft war noch nie ein Aufnahmekriterium, sondern immer nur ein Bonus“.

    „Es ging in Mals nie darum, Weltmeister zu produzieren“, sagt dagegen Ex-Direktor Gustav Tschenett. „Der Auftrag der Sportoberschule ist, junge talentierte Athleten in schulischer und sportlicher Hinsicht zu begleiten.“ Will sagen: nicht alle Absolventen können sich später ihren Lebensunterhalt mit Leistungssport verdienen. Manchmal müssen die Erwartungen von Schülern und Eltern im Laufe der Jahre zurückgeschraubt werden. Dann werden die Guten gefeiert. Dem Rest bleibt immerhin ein Handelsschulabschluss.

    Doch seit Längerem ist ein neuer Trend erkennbar. Die Zahl der Schüler, die nicht aus Südtirol kommen, steigt. Im laufenden Schuljahr halten sich bei den Neueinschreibungen Südtiroler und „Provinzfremde“ die Waage. Etwa die Hälfte der Neuzugänge kommt aus Österreich, der Schweiz und Deutschland, vor allem aber auch aus anderen italienischen Provinzen. Das Ganze hat dazu geführt, dass an der Sportoberschule Mals Sprachkurse eingeführt wurden.

    Für Gustav Tschenett ist das eine „schöne Entwicklung“: „Unsere Grundphilosophie war immer, jene aufzunehmen, die gut sind“. Er räumt aber auch ein: „Am Anfang hatten wir nicht damit gerechnet, dass auch so viele Schüler von auswärts kommen werden“. Deren Abweisung ist nicht möglich: Mals ist eine öffentliche Schule. Und Vorrang hat, wer die Aufnahmetests nach dem vorgegebenen Punktesystem besteht.

    Wegen der anonymen Anklageschrift wurde mittlerweile Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Anlass zu einer kritischen Hinterfragung des Ausbildungskonzepts sieht die Schule nicht. Im Gegenteil: Die Direktion wertet den externen Zulauf vor allem als Zeichen, dass Mals außerhalb Südtirols einen guten Ruf genießt. Der alte und neue Direktor lassen sich die langjährige Aufbauarbeit nicht schlecht machen. Sie sagen: „Die Sportoberschule Mals hat 191 gewonnene Medaillen vorzuweisen – und die sprechen eine klare Sprache“.

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    DER TRAINER ALS UNTERNEHMER

    Wie es dazu kam, dass ein Trainer der Sportoberschule Mals ebendort eine Photovoltaik-Anlage betreibt.

    Markus Ortler ist langjähriger Trainer an der Sportoberschule Mals und betreibt auf dem Dach seiner Schule eine Photovoltaik-Anlage. Wie kann das sein? Was auf den ersten Blick befremdend wirkt, erklärt Ortler so: „Das Land hat 2013 mehrere Dachflächen landeseigener Gebäude zur Anbringung von Photovoltaikanlagen ausgeschrieben. Ich habe davon in den Nachrichten gehört und mich für die Fläche auf dem Schulzentrum Mals beworben. Ich war übrigens der einzige Bewerber und habe den Zuschlag gegen einen entsprechenden Pachtzins für 20 Jahre bekommen“. Die Anfangsinvestitionen habe er selbst getragen, ebenso trage er das unternehmerische Risiko.

    Gustav Tschenett stellt als Ex-Direktor klar: „Diese Ausschreibung wurde vom Landesamt für Vermögensverwaltung abgewickelt, die Schule selbst hatte mit diesem Vergabeverfahren nichts zu tun“.

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