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    „Der Rucksack war hergerichtet“

    Arnold Lintner

    Arnold Lintner

    Der 37-jährige Rittner Zimmermann Arnold Lintner hat am Samstag an der fatalen Klettertour am Hochferner teilnehmen wollen – diese im letzten Moment aber abgesagt.

    TAGESZEITUNG Online: Herr Lintner, eigentlich hätten Sie am Samstag mit Thomas Lun, Peter Vigl, Ulrich Seebacher und Andreas Zöggeler auf den Hochferner gehen sollen sollen?

    Arnold Lintner: Ja, der Rucksack war bereits hergerichtet, auch der Tee. Im letzten Augenblick habe ich dann aber beschlossen, nicht mitzugehen.

    Warum?

    Wir haben schon seit Längerem ein Problem mit dem Auto. Meine Freundin wollte am Samstag mit meinem Schwager ein Auto anschauen. Aber irgendwie habe ich mir dann gedacht: Das ist ja blöd! Du gehst auf den Berg und schickst deine Frau zum Autokaufen. Ich habe dann beschlossen, die Bergtour doch nicht mitzumachen und mit meiner Frau und meinen Kindern zu gehen …

    Sie haben Zwillinge. Wie alt?

    13 Monate.

    Sie sind dann nicht auf den Hochferner, sondern …

    Wir haben ein paar Autohäuser abgeklappert und uns einen schönen Tag gemacht.

    Haben Sie Ihre Kollegen informiert, dass Sie nicht mitkommen?

    Nein, wir waren viel zusammen unterwegs, meistens an Samstagen. Wir haben das so gehandhabt: Wer in der Früh am vereinbarten Treffpunkt ist, der ist da. Wer nicht da ist, der kommt nicht mit.

    Wo war der Treffpunkt?

    In Waidbruck. Wir hatten ausgemacht, dass wir uns um 06.30 Uhr dort treffen.

    Und dann?

    Peter Vigl

    Peter Vigl (+)

    Nichts, ich bin mit meiner Lebensgefährtin und mit den Kindern unterwegs gewesen. Gegen 21.30 Uhr bekam meine Freundin einen Anruf von der Partnerin eines Kameraden. Sie sagte, dass sie ihn nicht erreichen könne, das sei komisch. Sie fragte auch, ob ich daheim sei.

    Ich habe dann auch versucht, meine Kumpels anzurufen. Zwei Handys haben geläutet, die haben noch funktioniert. Die anderen zwei Handys waren ausgeschaltet. Das war schon verdächtig.

    Und dann sind Sie nach Pfitsch gefahren?

    Ich habe einen anderen Kollegen angerufen, und wir beschlossen, nach Pfitsch zu fahren. Wir wollten nicht sofort Alarm schlagen, denn es kann ja vorkommen, dass man einmal vergisst, eine SMS zu schreiben …

    … oder dass man irgendwo Halt macht.

    Genau. Wir wollten zunächst schauen, ob das Auto noch steht. Als wir dann in Pfitsch angekommen sind und das Auto in der dritten Kehre haben stehen sehen …

    … welches Auto war es?

    Der Audi A4 von Peter Vigl. Als wir das Auto gesehen haben, wussten wir, dass etwas passiert ist. Wir haben dann sofort Alarm geschlagen. Wir haben die 118 angerufen und auf die Bergrettung gewartet …

    Sie sind dann mit hoch auf den Berg?

    Nein, wir hatten ja nur Turnschuhe an, das wäre zu gefährlich gewesen.

    Die Rettungsaktion am Hochferner (Foto: Bergrettung Sterzing)

    Die Rettungsaktion am Hochferner (Foto: Bergrettung Sterzing)

    Was haben Sie gedacht?

    Es war ein ungutes Gefühl, schließlich waren es vier gute Kumpel.

    Sie haben nicht daran gedacht, dass auch Sie unter die Lawine geraten wären, wenn Sie mitgegangen wären?

    Ehrlich gesagt, habe ich bislang nur an meine Kumpels gedacht. Vielleicht kommt das aber noch. Ich habe kaum geschlafen.

    Waren Sie selbst schon mal auf dem Hochferner?

    Nein, ich war noch die dort.

    Ihre Kollegen waren erfahrene Bergsteiger?

    Ja, die waren auch schon am Hochferner, alles starke Männer. Die Verhältnisse waren gut. Was soll man machen, wenn von oben herab die große Lawine kommt? Das sind unvorhersehbare Ereignisse, höhere Gewalt.

    Noch einmal, Herr Lintner: Sie verdanken Ihr Leben höchstwahrscheinlich dem Umstand, dass Sie Ihre Frau doch nicht allein zum Autokaufen bzw. zum Auto-Anschauen lassen wollten …

    Wie gesagt, ich realisiere das Ganze noch nicht. Meine Gedanken sind bei meinen vier Kumpels und bei den Hinterbliebenen. Da sind jetzt wahrscheinlich sieben Kinder ohne Väter. Das ist schlimm.

    Interview: Artur Oberhofer

     

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    Kommentare (5)

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    • markp.

      Wenn man kleine Kinder daheim hat, warum im Gottes Namen, ist es dann icht möglich sein egoistisches Denken hinten dran zu stellen und ein etwas „weniger“ gefährliches Hobby zu verfolgen?
      Ihr Bergsteiger werdet mir sagen: wie pietätslos es kann doch immer etwas passieren. Mir egal, das ist meine Meinung und dabei bleibe ich: wenn ich Kleinkinder daheim habe, dann wandere ich, aber steige nicht aufm Berg. Schon garnicht in risikoreichen Jahreszeiten wie Herbst, Winter oder Frühjahr.

    • besserwisser

      Pietät und Respekt zollen den Verunglückten vor allem die Leser und Teilnehmer an den Diskussionsrunden die hier immer wieder stattfinden, und das ist auch richtig so.
      Ich finde das Interview mit dem Herrn Lintner absolut unangemessen und mit der Pose am Gipfel noch dazu reisserisch. In Anbetrach der Tragödie die passiert ist, und in Anbetracht der Tatsache dass zwei Kameraden noch nicht mal geborgen sind könnten sich auch die Medien in nobler Zurückhaltung üben.

    • erbschleicher

      Hätte Hätte Fahradkätte.
      Solche Berichte sollten meiner Meinung nach nicht veröffentlicht werden .
      Herr Lintner hatte Glück, dass er an der Bergtour nicht teilgenommen hat. Immer wieder trifft es in letzter Zeit sehr erfahrene Bergleute.
      Genauso finde ich Berichte über stattgefundene Beerdigungen (wie letztlich die Beerdigung des jungen Göller) sowas von sinnlos. Mir kommt immer vor als ob die Journalisten zur Beerdigung gehen und die einzelnen Leute zählen würden die an der Beerdigung teilnehmen.

    • goggile

      wie wàrs mit einem grossen bericht fuer eine Spendenaktion fuer die Hinterbliebenen Frauen und Kinder? das wàre hifreich.

      • watschi

        wie wäre es, wenn familienväter/mütter, die eine extrem gefährliche sportart ausüben, rechtzeitig eine lebenversicherung abschliessen würden? da wären die kinder wenigestens finanziell abgesichert, wenn sie schon auf den geliebten elternteil verzichten müssen

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