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    „Hätte auch geschossen“

    terrorSüdtirol diskutiert über den TV-Event „Terror“: Darf oder muss man den Tod weniger Menschen herbeiführen, um viele zu retten? Die TAGESZEITUNG hat den Moraltheologen Paolo Renner mit diesem moralischen Dilemma konfrontiert.

    TAGESZEITUNG Online: Don Rennner, ist Major Lars Koch schuldig oder unschuldig? Wie hätten Sie entschieden?

     Paolo Renner: Er ist natürlich nicht schuldig!

    Warum?

    In der katholischen Moraltheologie gilt: Wenn man gezwungen ist, zwischen zwei Übeln zu entscheiden, dann hat man sich für das kleinere Übel zu entscheiden. In diesem Fall stellt das kleinere Übel das relativ Gute dar. 

    Der Pilot hat richtig gehandelt?

    Ja, wir kennen das Prinzip des geringeren Übels auch aus anderen Fällen. Nehmen wir das Beispiel einer Kindsgeburt, bei der das Leben der Mutter bedroht ist. In dem Fall müsste man eher die Mutter, die einen Mann und vielleicht weitere Kinder hat, vorziehen. Freilich: Könnte man sich für etwas Schönes, könnte man sich frei für das absolut Gute entscheiden, dann wäre es einfach. Aber es gibt Situationen, in denen man das mindere Übel wählen muss.

    Die Staatsanwältin hat plädiert: Die Moral dürfe nie über dem Gesetz stehen. Und in der Verfassung stehe: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Nach diesem Prinzip hätte Lars Koch die Maschine nicht abschießen dürfen?

    Wenn er das nicht getan hätte, wären 70.000 Menschen gestorben …

    Der Beweis, dass die Maschine in das Allianz-Stadion gedonnert wäre, ist nicht zu führen …

    Das ist richtig, aber das Flugzeug war auf der Route ins Stadion. Im Zweifelsfall hat der Pilot agieren müssen. Das muss man ihm zugestehen, denn ansonsten müsste man auch die Forscher verurteilen, die die Atomwaffen entwickelt haben, die auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden und Hunderttausende Tote gefordert haben.

    Sie stellen die Moral über das Gesetz?

    Nein, aber wenn man sich auf einem Spannungsfeld zwischen Treue zum Gesetz und Treue zur Moral bewegt, sollte man im Zweifelsfall dem eigenen Gewissen folgen.

    Aber der Pilot hat sich zum Herrn über Leben und Tod gemacht.

    Er war gezwungen, eine Entscheidung zu treffen. In dieser außerordentlichen Situation hat er nach seinem Gewissen entschieden. Ich hätte genauso entschieden …

    Sie hätten das Flugzeug abgeschossen?

    Ja.

    Sie kennen das Trolley-Problem. Hans Weizel hat 1951 das moralische Dilemma in einem Gedankenexperiment, im sogenannten Weichensteller-Fall, dargestellt …

    Kenne ich …

    Ein Güterzug droht wegen falscher Weichenstellung auf einen vollbesetzten stehenden Personenzug aufzufahren. Ein Weichensteller erkennt die Gefahr und leitet den Güterzug auf ein Nebengleis um, so dass dieser in eine Gruppe von Gleisarbeitern rast, die alle zu Tode kommen. Wie ist die Strafbarkeit des Weichenstellers zu beurteilen?

    Er ist unschuldig.

    Der Pilot hat im Prozess erklärt, er habe die entführte Maschine als Waffe von Terroristen angesehen, die entführten Passagiere seien Teil dieser Waffe gewesen. Deswegen habe er auf die Maschine geschossen. Heißt dies im Umkehrschluss, die Menschen in dem entführten Flugzeug waren keine Subjekte mehr, sondern Objekte?

    Mit Verlaub, das ist eine zu akute Rechtsphilosophie. Menschen bleiben Menschen. Menschen bleiben Menschen mit einer unbedingten und unantastbaren Würde. Umso wichtiger war es, 70.000 Menschen zu retten.

    Der Pilot ein Held?

    Nein, der Pilot ist selbst ein Opfer von kriminellen Menschen, die einen unschuldigen Menschen in so eine Zwickmühle hineinmanövriert haben. Aber er ist ein Mensch mit Gewissen. 

    Interview: Artur Oberhofer

    DAS GESAMTE INTERVIEW MIT DON PAOLO RENNER LESEN SIE AM MITTWOCH IN DER PRINT-AUSGABE.

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    Kommentare (8)

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    • andreas

      Schuldig ist der Pilot auf jeden Fall, er hat aktiv und bewusst ein Flugzeug mit zivilen Passagieren abgeschossen.
      Seine Entscheidung war aber trotzdem richtig, weil die Passagiere voraussichtlich auch ohne sein Zutun gestorben wären und er so 70.000, welche auch eine Würde haben, was die Staatsanwältin nicht berücksichtigt hat, das Leben gerettet hat.

      Am interessantesten war die Frage ob er auch geschossen hätte, wenn seine Frau und sein Kind im Flugzeug gewesen wäre, welche er nicht beantworten konnte.

      Das Gesetz sollte so definiert werden, dass die Entscheidung bei Verteidigungsminister/in, Bundespräsident/in und Bundeskanzler/in liegt und da 2 von 3 für den Abschuss sein müssen.
      Die Entscheidung muss bei den höchsten politischen Ämtern im Staat liegen und auf keinen Fall beim schießwütigen Militär.

      Die Aussage der Staatsanwältin, dass die Verfassung bzw. Prinzipien über der Moral stehen, ist schon deshalb fragwürdig, da sie damit Prinzipien über das Leben eines Menschen stellt und damit keinen Entscheidungsspielraum lässt, welcher aber, wie in diesem Fall, manchmal notwendig ist. .

      Die Thematik wird beim autonomen Fahren aktuell, dort muss die Steuerung eines Autos in einer unausweichlichen Gefahrensituation auch eine Entscheidung treffen, wenn z.B. Kinder auf die Straße rennen und ein Auto entgegenkommt. Entweder die Kinder oder sich selbst und den anderen Autofahrer opfern.

      • tiroler

        Einer der überall alles besser weiß. Nur mit der Umsetzung haperts.

      • yannis

        >>>Die Entscheidung muss bei den höchsten politischen Ämtern im Staat liegen und auf keinen Fall beim schießwütigen Militär.<<<

        Das dürfte aber ein riesiges Zeitproblem werden, bis die Verteidigungsminister/in und Konsorten zusammen getrommelt sind, ist im ERNSTFALL der Film längst gelaufen.

        Außerdem hat eine "Von der Layen" von Militärischen Dingen so viel Ahnung wie ein Kampfjet Pilot vom Kuchen backen bei der Von der Leyen zu Hause.
        Daher war Manfred Wörner, selbst Luftwaffen Pilot, einer der wenigen der für das Amt eines Verteidigungsministers die notwendige Qualifikation besaß.

      • homoerektus

        bla bla bla………!

    • unglaublich

      87 Prozent haben in Österreich und in Deutschland entschieden, dass der Pilot nicht schuldig ist. Gott sei Dank hat die Bevölkerung damit Hausverstand bewiesen. Ich glaube nicht, dass die Verfassung über der Moral stehen darf.
      Das Gesetz kann nicht alle Situationen abdecken und denken wir nur daran was wäre, wenn wir in einer Diktatur leben würden. Wenn wir an Hitlerdeutschland denken, dann würde dieses Prinzip bedeuten, dass wir uns auch einer Diktatur unterwerfen müssten.
      Der Mensch und sein Gewissen ist die letzte Instanz.

    • rota

      Für alles und für jede Situation kann man Regeln aufstellen und wird irgendwann an Grenzen stoßen.

      Nur ein weiteres Beispiel: wären in der Allianzarena alle 70.000 über 80 Jahre alt gewesen und die 164 Passagiere alle unter 25 Jahre, wie hätten dann der vollinformierte Pilot moralisch richtig entscheiden sollen?

      Ein Fehler im Film: wäre die Frau des Kampfpiloten im Flugzeug gewesen, hätte dieser auch nur bei solchem Verdacht das Kommando an seinen Begleitjet abgeben müssen.

      Und @ unglaublich: Demokratie kann auch Diktatur mit anderen Mitteln sein.

      Und wie sicher und „richtig“ und neutral Kommissions- Bewertungen, Gerichte mit und ohne Schöffen oder auch nur Juroren sind, hat letzthin eine Honigbewertung ergeben:
      mehrmals gleicher Honig gleiches Glas- hintereinander aus dem selben Eimer abgefüllt, wurde von ein und derselben Gruppe sehr unterschiedlich mit 13 Punkten max Differenz bewertet..
      Folglich Geschmäcker Ansichten Moral und Ohrfeigen sind verschieden!!

    • franz

      Vorausgesetzt, dass der Pilot davon überzeugt ist dass das Flugzeug in das Allianz-Stadion donnert, (Der Pilot hat im Prozess erklärt, er habe die entführte Maschine als Waffe von Terroristen angesehen, die entführten Passagiere seien Teil dieser Waffe gewesen )
      und abgesehen davon, dass es sich bei einer solchen Entscheidung um ein moralisch unlösbares Dilemma handelt.
      So ganz kann man das Dilemma in den sich so ein Pilot befinden würde, nicht mit Trolley-Problem. Hans Weizel hat 1951 vergleichen. Zum Unterschschied zum Weichensteller muss der Pilot davon ausgehen , dass die Insassen des Flugzeug auf jedem Fall Tod sind ,wenn es in die Allianz Stadion donnert. Daher gibt es für den Piloten als letzte Konsequenz nur eine Möglichkeit das Prinzip des geringeren Übels zu wählen.

    • felixaustria

      …und , was sagt uns das ?
      was möchtest du uns damit sagen ??

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