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    Essstörung mit 7

    trauriges kindIn Südtirol erkranken immer mehr Jugendliche an Essstörungen. Die jüngsten Betroffenen sind sieben Jahre alt.

    Am 10. Oktober wird landesweit der Tag der psychischen Gesundheit begangen: Für Markus Markart, Primar der Pädiatrie am Krankenhaus Brixen und Leiter des landesweiten Referenzzentrums für Essstörungen im Kindes- und Jugendalter, ein Anlass darauf hinzuweisen, dass besonders im jungen Alter Essstörungen zunehmen.

    „Essstörungen sind psychosomatische Erkrankungen mit Suchtcharakter“, betont Markart. „Sie zeichnen sich durch langwierige, zur Chronifizierung neigende Symptomatik aus, mit hohen Mortalitätsraten. Betroffen sind vor allem Mädchen und junge Frauen. Der Erkrankungsgipfel liegt bei 15-17 Jahren. Die Betroffenen werden jedoch immer jünger, so sind auch Fälle mit sieben Jahren bei uns bekannt.“

    Und die Anzahl an Erkrankten jeden Alters steigt: Waren es 2011 noch 387 Menschen (männliche Patienten stellen zwar nur einen geringen Anteil dar, sind aber eingeschlossen), so stieg die Anzahl 2012 und 2013 auf 422 bzw. 415 Patientinnen und Patienten, die wegen Essstörungen in Behandlung waren. 2015 wurden 481 Erkrankte im ganzen Land verzeichnet, die meisten davon bereits bekannte Patienten.

    Primar Markus Markart

    Primar Markus Markart

    Den Grund dafür sieht Markart unter anderem durch das auch in Südtirol verbreitete Diät- und Hungerverhalten, Erbrechen und Missbrauch von Abführmitteln im Sinne eines übersteigerten Schlankheitsideals in der Bevölkerung.

    Solche Verhaltensweisen gelten als Risikoverhalten/“Einstiegsdroge“ für die Pathologie der Essstörungen. Bis zu 35% der Mädchen und 24% der jungen Männer zeigen laut Markart solche Einzelsymptome. Besonders häufig tritt Magersucht (Anorexia) auf: Erkennbar erkranken in der Bevölkerungsgruppe der Mädchen und jungen Frauen 1% daran; das Verhältnis zwischen erkrankten Frauen und Männern liegt bei 10:1. Relativ gering ist in Südtirol das Erkrankungsbild Bulimie (Ess-Brechsucht) verbreitet.

    „Die Behandlung dieser Erkrankungen ist aufwändig und langwierig. Sie erfordert das interdisziplinäre Zusammenwirken mehrerer Berufsdisziplinen wie des ärztlichen, psychologischen und ernährungstherapeutisch tätigen Personals“, erklärt Markart. Seit vielen Jahren arbeiten deshalb in allen Gesundheitsbezirken spezielle Fachambulanzen mit interdisziplinären Teams. Die Rehabilitation wird durch Bad Bachgart angeboten, die Präventionsarbeit wird vornehmlich durch die Beratungsstelle INFES geleistet.

    Schwere Verläufe im Kindes- und Jugendalter, welche auch lebensbedrohlich entgleisen können und einer stationären Aufnahme bedürfen, werden an der Pädiatrie am Krankenhaus Brixen behandelt. 2011 wurde entschieden, das landesweite Referenzzentrum für Essstörungen im Kindes- und Jugendalter dort zu errichten.

    Durch dieses stationäre Angebot können betroffene Kinder und Jugendliche, auch mit schwerer Ausprägung der Erkrankung, in Südtirol betreut werden und ein vollständiges, abgestuftes Behandlungsprogramm durchlaufen. Allein 2015 gab es zehn Aufnahmen.

    Das landesweite Referenzzentrum für Essstörungen wirkt in enger Zusammenarbeit mit den vier Gesundheitsbezirken und folgt in den Therapieprogrammen international abgesicherten Leitlinien. Eine Zusammenarbeit mit Universitäten sichert die hohen klinischen Standards.

    „Unsere Therapie besteht aus medizinischer Überwachung und Behandlung, Ernährungsrehabilitation, Psychotherapie unter Einbeziehung der Eltern und supportiven Therapien, durch Sozialpädagogik, Ergo-und Kunsttherapie“, so Markart. Während der Schulzeit steht den jungen Menschen eine Lehrerin zur Verfügung. Eine Überführung zuerst in teilstationäre und später in ambulante Betreuung am Wohnort der Patientinnen soll den Behandlungserfolg sichern.

    Die Behandlung dieses Krankheitsbildes braucht Geduld: So umfasst die Behandlungsdauer einer Essstörung durchschnittlich eineinhalb bis zwei Jahre; eine Zeit, in der hohe personelle und zeitliche Ressourcen in den sanitären Strukturen garantiert werden müssen.

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