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„Das System überrennt uns“

„Das System überrennt uns“

Die Pusterer Sozialpädagogin Barbara Pizzinini über die Arbeit mit ausländischen Jugendlichen, machtlose Streetworker – und die Vorzüge von Jugendgefängnissen.

TAGESZEITUNG: Frau Pizzinini, wie geht man mit Jugendlichen um, die sich derartige Gewaltexzesse leisten?

Barbara Pizzinini: Ein Kind, das die Gewalt von klein auf gelernt hat, kann nicht von heute auf morgen umerzogen werden. Gerade Flüchtlinge kommen oft aus Ländern, in denen gewisse Handlungsmuster Teil der Kultur sind. Wer aus dem zerbombten Aleppo kommt, sieht Stehlen vielleicht als kleineres Delikt – und wer sich das ganze Leben lang bedroht fühlt, schlägt auch mal schneller zu. Fakt ist, dass diese Problematiken massiv auf uns zukommen.

Wie sollen wir darauf reagieren? Mit härteren Gesetzen?

Mit einer Neuausrichtung der Integration und mit Strafen, die weh tun. Jugendliche, die sich derartige Ausbrüche leisten, müssen irgendwann weg. Mit Rassismus hat das nichts zu tun, Gesetze müssen für alle gelten. Als Gesellschaft müssen wir klar sagen: Benimm dich, oder du musst raus aus diesem Land.

Gibt es in der Jugendarbeit Patentrezepte, mit denen man gewaltbereiten Jugendlichen entgegentreten kann?

Nein, ein Handbuch gibt es nicht – aber es gibt ein zentrales Problem: Ein Jugendlicher, der zu allem bereit ist, steht einem Sozialarbeiter gegenüber, der zu nichts befugt ist. Über dieses Problem müssen wir sprechen, die Diskussion muss über tagesaktuelle Vorfälle hinausgehen.

Hat sich die Jugendarbeit in den letzten zwanzig Jahren verändert?

Ja, massiv – und zwar in jeder Hinsicht. Plötzlich haben wir es mit Jugendlichen zu tun, die ihr Geschlecht ändern wollen, die nur mehr digital kommunizieren, die gemeinsam mit tausenden Flüchtlingen aus einem anderen Land kommen. Auf diese Veränderungen waren wir nicht vorbereitet. Dieses System überrennt uns.

Das gilt auch für die Gewalt?

Die Gewalt wurde in den letzten Jahren mit Sicherheit aggressiver. Dazu haben auch die Medien beigetragen, die Kindern und Jugendlichen den Zugang zu gewalttätigen Inhalten erleichtern.

Wie geht man damit um?

Ich wäre dafür, besonders gewaltbereite Jugendliche in eine gemeinsame Struktur, eine Art Jugendgefängnis, zu stecken. Ohne Freigang, aber mit vielen Chancen zur Rehabilitation, Sprachkursen und Arbeit. Wenn sie sich bessern, kann man ihnen die Freiheit Stück für Stück zurückgeben.

Interview: Anton Rainer

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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