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    „Ich habe es nie bereut“

    Tageszeitung-Eigentümer Christoph Lentsch

    Tageszeitung-Eigentümer Christoph Lentsch

    Er scheut die Öffentlichkeit, gehört keinen Machtzirkeln an: Warum Christoph Lentsch die Tageszeitung gegründet hat – und warum er von einem medialen Gegenpol zu Athesia träumt. Das Interview zum 20 Geburtstag der TAGESZEITUNG.

    TAGESZEITUNG Online: Herr Lentsch, wie oft haben Sie bereut, die Tageszeitung gegründet zu haben?

    Christoph Lentsch: Nie! Ich habe diese Entscheidung oft verflucht, aber nie bereut.
    Eine Zeitung ist ein Machtinstrument, mit dem man politische Interessen durchsetzen kann.

    Wozu brauchen Sie eine Zeitung?

    DSC_0477Ich brauche keine Zeitung, das Land braucht Medienvielfalt. Ich habe die Wichtigkeit des Medienpluralismus in Österreich kennengelernt. Als ich nach meinem Studium nach Südtirol zurückgekehrt bin, habe ich am eigenen Leib erfahren, welche Auswirkungen eine mediale Machtkonzentration hat …

    Nämlich?

    Ich habe erfahren, was es bedeutet, wenn Nachrichten gesperrt werden. In Branzoll gab es damals einen Plan, 300 Meter vom Ortskern entfernt eine Bauschuttrecyclinganlage zu errichten. Die Tageszeitung „Dolomiten“ hat dieses Projekt totgeschwiegen. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis …

    … und die Geburtsstunde der TAGESZEITUNG?

    Ja, in gewissem Sinne schon, denn mir ist bewusst geworden, dass Südtirol mehr Vielfalt, dass Südtirol eine zweite Tageszeitung braucht. Mir wurde klar, dass man etwas gegen das deutschsprachige Medienmonopol unternehmen muss.

    Sie haben sich stets im Hintergrund gehalten, haben nie die öffentliche Bühne gesucht. Warum nicht?

    Weil ich nur die Rahmenbedingungen für einen freien Journalismus schaffen wollte.

    Die TAGESZEITUNG war nie ein SVP-Blattl, der Besitzer ist ein SVP-Wähler?

    Ich habe – außer bei Gemeinderatswahlen – nie SVP gewählt, aber das müssen wir nicht laut sagen (lacht). Ich war allerdings Mitbegründer der SVP-Jugend von Branzoll. Im Lauf der Recycling-Geschichte wurden mein Onkel, der nach dem Krieg als Dableiber Mitbegründer der Volkspartei war, und ich aus der Partei hinauskomplimentiert, weil wir das Kleine Edelweiß gefordert hatten.

    DSC_0450Die TAGESZEITUNG hat durch ihre kontroverse und mutige Berichterstattung auch gebüßt, finanziell. Einige Geschichten sind Ihnen teuer zu stehen gekommen. Haben Sie nie gedacht, sich mehr in die Berichterstattung einzumischen oder den einen oder anderen Redakteur zu feuern?

    Das war nie ein Thema. Aber es stimmt: Wir leiden beispielsweise heute noch unter der Mila-Gastrofresh-Affäre …

    Inwiefern?

    Die TAGESZEITUNG hatte diesen Skandal federführend begleitet. Damals wurde ich vom Geschäftsführer, den ich persönlich kannte, in die Mila zu einer Aussprache zitiert. In dieser Aussprache hat man mir nahegelegt, auf die Berichterstattung Einfluss zu nehmen …

    Was Sie nicht getan haben?

    Nein. Aber wir haben bis heute von dieser Sennerei keine Werbung bekommen. Und man muss auch sagen: Es gibt nur ganz wenige, ausgewählte Agenturen, die aktiv bei uns Werbung schalten.

    Warum?

    Aus vorauseilendem Gehorsam.

    Aus vorauseilendem Gehorsam gegenüber …

    ... gegenüber einem Medienkonzern, der Boni und Sonderrabatte gewährt.

    Ein Werbespruch der TAGESZEITUNG lautet: „Es ist ein harter Job, aber jemand muss ihn machen.“ Ist der Job noch so hart?

    Nicht mehr so hart wie früher. Wir haben in der Zwischenzeit leichte Reserven anlegen können, die es uns erlauben, über Durststrecken hinwegzukommen.

    Wie mächtig ist der Athesia-Konzern heute noch?

    DSC_0401Mächtiger denn je, auch wenn man es nicht sieht. Man hört das auch von anderen Medien, wobei gerade einige top-gestaltete Bezirksblätter ganz extrem darunter leiden. Diese Blätter schreiben immer noch Verlust, tun sich trotz journalistischer Kompetenz schwer, zu überleben. Die meisten Blätter verdanken ihr Überleben privaten Gönnern.

    Wieso schafft man in Südtirol keinen medialen Gegenpol zu Athesia?

    Weil die einzelnen Akteure leider Angst haben, von ihrer Autonomie potentiell etwas abgeben zu müssen. Aber eine „ff“, ein „Vinschger Wind“, die „PZ“ und die „Südtiroler Weinstraße“ wären von der journalistischen Qualität und vom Engagement ihrer MitarbeiterInnen sicher für eine Zusammenarbeit prädestiniert.

    Vielen Menschen fragen sich: Wie kann die TAGESZEITUNG ohne viel Werbung leben und überleben?

    Dank unseren LeserInnen, die tagtäglich die Zeitung nicht nur lesen, sondern auch kaufen.

    Ein Südtiroler Tagblatt macht ein Geschäft mit den Toten. Sie mit den Masseusen?

    Wir haben in puncto Werbung keine Vorurteile oder Vorbehalte. Mir sind die Schaltungen von Masseusen wesentlich lieber als die aktive und aufdringliche Werbeaquisition bei Angehörigen, die soeben eine liebe Person verloren haben. Es ist eine freie Entscheidung dieser Damen, zu inserieren. Bei uns ist jede Werbung willkommen, sofern sie nicht Dritte verletzt oder politisch extrem ist. Übrigens: Die Masseusen inserieren auch im Tagblatt – nur weiter hinten und ohne Foto.

    Die TAGESZEITUNG hat seit knapp vier Jahren auch ein Online-Portal …

    DSC_0324Das Online-Portal war ein wichtiger Schritt für uns. So erreichen wir die Jugend, so platzieren wir unsere Marke im Netz. Obwohl uns der Online-Auftrag im Print-Bereich seit einem Jahr die Stagnation im Verkauf gekostet hat, war es ein notwendiger Schritt.

    Wird es in 20 Jahren noch Papierzeitungen geben?

    So wie bei den Büchern wird es auch Print-Zeitungen parallel zu den Online-Nachrichten geben, wobei beide Medien nicht ein Spiegelbild des jeweilig anderen Mediums, sondern zwei differente Medien sein werden. Es steht jetzt eine Aussprache mit Kulturlandesrat Achammer an. Dabei geht es darum, wie wir die Jugend, vor allen die Oberschüler, wieder näher an das Zeitunglesen heranführen können. Ich hoffe sehr, dass Achammer das seinerzeit bahnbrechende Projekt von Otto Saurer, die Jugend zum Zeitunglesen und zum Zeitungmachen zu animieren, weiterführen wird.

    In Südtirol regiert seit 2013 eine neue Politiker-Generation. Sind Sie glücklich damit?

    Soll ich darauf wirklich antworten?

    Bitte.

    Unter Luis Durnwalder gab es zweifellos demokratiepolitische Defizite. Aber die Entscheidungen wurden offen kommuniziert. Rückwirkend hat die Ära Durnwalder dem Land sicher viel Gutes gebracht. Bei der neuen Politiker-Generation habe ich immer mehr das Gefühl, dass vieles Schein ist. Es gibt sicher mehr demokratiepolitische Vielfalt, demokratiepolitisch passt es, aber im Grunde regieren jetzt die Verwalter.

    Welche waren die besten Geschichten der TAGESZEITUNG?

    (lacht) Der jeweils letzte Scoop!

    Im Ernst?

    Die Nachrichten, die es in die Rai schaffen, wobei dies in letzter Zeit immer seltener vorkommt. Zwar übernimmt die Rai mehrmals in der Woche unsere Geschichten, aber zitiert werden wir nur, wenn die Quelle nicht überprüfbar ist, oder in einem für uns negativen Kontext.

    Interview: Artur Oberhofer

    Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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