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„Keine Spinner“

„Keine Spinner“

Drei bekannte Extremsportler haben in den letzten 10 Tagen ihr Leben verloren. Martin Riegler von den Rieglerbrothers war selbst Basejumper. Er erklärt, warum ein Verbot keinen Sinn macht und welche Verantwortung Sponsoren tragen.

Tageszeitung Online: Herr Riegler, zwei bekannte Südtiroler Basejumper haben in den letzten Tagen ihr Leben verloren. Welche Reaktionen rufen diese tragischen Unglücke in Ihnen hervor?

Martin Riegler: Trauer. Mehr kann man dazu eigentlich nicht sagen. Wir wissen, dass jederzeit etwas passieren kann, aber man rechnet schlussendlich doch nicht damit. Man denkt immer, dass anderen etwas passieren wird – und einem selbst nichts.

Sie selbst haben auch den einen oder anderen Sprung gemeinsam mit Uli Emanuele durchgeführt. Springen Sie immer noch oder lassen Sie es jetzt sein?

Ich habe mit dem Basejumpen schon vor einiger Zeit aufgehört. Ich habe eine Firma gegründet und arbeite jetzt als Architekt und brauchte das Geld. Ich habe beide Fallschirme verkauft und konzen- triere mich auf meine Arbeit und das Klettern. Mir hat es zwar im- mer gut gefallen, aber es ist ein- fach zeitintensiv. Es steckt viel Training und Arbeit hinter einem coolen Sprung – Dinge, die ein nor- maler Zuschauer im Video nicht sieht.

Würde Sie es aber noch einmal reizen oder haben diese Unglücke endgültig einen Schlussstrich unter diesen Sport gesetzt?

Es gab früher auch schon Unfälle und ein guter Freund von mir ist ebenfalls ums Leben gekommen. Ich habe trotzdem weitergemacht. Man denkt nach solchen Unglücken vielleicht länger über einen Sprung nach und ist noch vorsichtiger, aber wenn jemand bei einem Autounfall ums Leben kommt, setzte ich mich danach auch wieder ans Steuer.

Hatten Sie je Angst beim Springen?
Ich hatte immer großen Respekt vor dieser Sportart. Wenn man den Respekt und die Angst verliert, riskiert man zu viel. Diese Gefühle sorgen dafür, dass man vorsichtig bleibt.

Uli Emanuele betonte immer, dass er sich vor einem Absprung sicher sein muss und alles genau geplant hat. Sie sind selbst viel in den Bergen unterwegs, kann man wirklich alles einrechnen, was den Flug stören könnte?

Uli Emanuele war ein guter Springer, ein genauer Mensch, der nicht riskiert hat oder leichtsinnig war. Er hat sich schrittweise an seine Leistungen herangearbeitet und sich steht’s sehr gut vorbereitet. Für jemanden, der sich nicht auskennt, schaut es natürlich brutal aus. Uli Emanuele war ein Pionier.

Die meisten Basejumper sagen, dass sie wissen, dass das Risiko mitspringt und dass es nicht um Adrenalin geht. Warum machen Sie es trotzdem?

Wenn es nur um Adrenalin gehen würde, könne ich auch einfach ins „Gardaland“ fahren und mir dort den Kick holen. Darum geht es wirklich nicht. Basejumping ist ein Sport, für den man trainieren muss. Es sind nicht einfach nur ein paar Spinner, wie es oft verstanden wird. Jeder der Jungs hat einen Pilotenschein und trainiert hart.

Der Sprung durch ein zwei Meter breites Loch hat Uli Emanuele zu weltweiter Bekanntheit verholfen. Ein Fluch, weil die Erwartungen an ihn weiter nach oben geschraubt werden – oder ein Segen, weil man finanzielle Unterstützer findet?

Die Erwartungen setzt sich jeder Sportler selbst – das kenne ich vom Klettern. Jeder macht sich nur selbst Druck. Den anderen Leuten ist es eigentlich egal, ob ich etwas mache oder nicht – die Welt wird davon nicht verändert. Natürlich, wenn man oft springt, wird man vielleicht etwas laxer – aber so wie ich Uli gekannt habe, war er nicht jemand, der diesen Sport auf die leichte Schulter genommen hat. Er war ein Profi. Er ist auch nicht immer gesprungen: Wenn es nicht gepasst hat, ist er umgedreht.

Welche Verantwortung tragen Sponsoren? Sind Sie vielleicht auch Mitschuld, dass Sportler ein größeres Risiko wagen, um bessere Verträge und mehr Geld zu bekommen?

Ich denke nicht, dass man das so sagen kann. Dem Sponsor sind die Sportler nur etwas wert, wenn sie noch leben. Schöne Fotos oder Filme können gut verkauft werden. Aber auch gescheiterte Missionen oder Expeditionen können gut vermarktet werden. Den Druck macht man sich nur selbst, die Sponsoren verlangen sicher nichts Unmögliches. Natürlich brauchen Sportler Sponsoren um ihren Traum beruflich ausüben zu können. Die Athleten suchen sich aber selbst ihre Projekte aus und führen diese durch. Ich glaube nicht, dass jemand Uli Sprünge vorgeschrieben hat.

Aufgrund der häufigen Unfälle fordern Kritiker, diesen Sport zu verbieten. Wäre dies der richtige Weg?

Nein, absolut nicht. Ein Verbot würde nichts ändern. Man kann nicht auf jeden Berg einen Polizisten stellen, um dieses Verbot zu überwachen. Es gibt schon einige Regeln: Das Landen auf Privatflächen ist verboten, aber in der Luft darf man sich frei bewegen. Basejumping wird immer eine Randsportart bleiben. Es wird nicht zu einer Trendsportart wie Snowboarden oder Klettern werden, dafür ist es einfach zu gefährlich.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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