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Phelps „Knutschfleck“

Viele Profi-Sportler schwören auf Akupunktur, Schröpfen und Kinesio-Tapes. Führen diese Methoden aber wirklich zu einer Leistungssteigerung – und wird auch im Amateursport davon Gebrach gemacht?

Dieses Foto fasziniert gerade die Welt. Die lila-blau-braunen kreisrunden Flecken auf den Schultern von US-Schwimmstar Michael Phelps wurden auf Google zeitweise häufiger als Suchbegriff eingegeben, als die Olympischen Spiele oder der Medaillenspielgel selbst. Die Welt rätselt über die Flecken auf seinem Rücken und die Antwort auf die große Frage ist eigentlich ganz simpel: Michel Phelps wurde vor dem Wettkampf von seiner Physiotherapeutin geschröpft.

Schröpfen? Es ist dies eine alternative Behandlungsmethode, die von vielen Sportlern zur Lösung von Verspannungen und Muskelbeschwerden eingesetzt wird. Aber nicht nur Sportler lassen sich schröpfen. Auch in Südtirol findet diese Behandlung immer mehr Zuspruch, wie Sportmediziner Alex Mitterhofer erklärt: „Geschröpft wird sehr viel. Ich bekomme auch ein recht gutes Feedback, dass Schröpfen bei muskulären Beschwerden hilft.“

Beim Schröpfen werden eigene Gläser mittels Unterdruck auf die Haut gesetzt, diese saugen sich dann am Körper fest. Dieser Unterdruck löst Verspannungen. „Was zurückbleibt sieht aus wie ein Knutschfleck“, schmunzelt der Sportmediziner.

Noch populärer als das Schröpfen ist in Südtirol aber die Akupunktur. „Es gibt hier schon fast eine Inflation bei den Akupunkteuren: Es gibt gute Leute, die sich mit dieser Thematik auskennen und ausgebildet sind, aber es gibt auch die 08/15-Schnellakupunkteure, die irgendwo ein paar Nadeln einstechen“, warnt der Mediziner.

Olympia-Stars in Rio schwören aber nicht nur auf Schröpfen und Akupunktur, auch andere Fitness-Tricks sollen helfen, wieder fit zu werden. So nutzen französische Fußballnationalspierinnen beispielsweise vor und nach den Spielen eine eigene Kältekammer. Diese extreme Kälte soll vor dem Spiel leistungssteigernd wirken und nach einem Match die Regeneration fördern.

Ebenfalls bei vielen Athleten sichtbar sind bunte Streifen von Kinesio-Tapes. Sie sollen stark beanspruchte Gelenke stützen. Von Kinesio-Tapes hält der Mediziner relativ wenig. „Wenn man heute ins Schwimmbad geht, muss man schon fast irgendwo einen Tape-Streifen aufgeklebt haben, dass man modern ist“, beschreibt Alex Mitterhofer das Phänomen. Er selbst habe sich zu Beginn dieses Hypes mit dem Thema intensiv beschäftigt. „Ich war immer der Meinung, dass die verschiedenen Farben für verschiedene Stärken stehen und war dann ziemlich enttäuscht, als man mir sagte, dass dem nicht so ist und die Farben durch die Farben wirken“, lacht Mitterhofer, der sich für dieses Thema seitdem nur noch am Rande interessiert.

Nicht außer Acht lassen dürfe man bei derartigen Behandlungen aber den sogenannten Placebo-Effekt, so Mitterhofer: „Wenn ich mir einbilde, dass eine Behandlung wirkt, dann hilft es oft auch. Das machen sich viele Therapeuten zu nutze“, so Alex Mitterhofer. Andererseits sei aber genau dies auch bis zu einem gewissen Punkt positiv, da man den Selbstheilungsprozess fördert. „Wenn man es schafft, mit solchen Methoden die Selbstheilungskräfte der Menschen anzustoßen, finde ich das in Ordnung“, erklärt der Sportmediziner. Vor allem wenn man nicht genau weiß, was hinter bestimmten Schmerzen steckt, seien derartige Behandlungsmethoden nicht unsinnig, meint der Mediziner: „Man muss nicht sofort mit Kanonen auf Spatzen schießen und überall Kortison spritzen.“

Alternative Behandlungsmethoden im Sport sind aber keine Neuheit. „Sportler waren schon immer für alternative Behandlungsmethoden sehr zugänglich. Schwieriger ist es einem Sportler ein schulmedizinisches Medikament zu verschreiben“, sagt Alex Mitterhofer. Warum? „Weil Sportler und junge Menschen der Schulmedizin häufig nicht mehr so vertrauen und viele davon ausgehen, dass ein chemischen Medikament Gift ist – das ist aber nicht so“, erklärt der Sportmediziner.

Der Sportmediziner relativiert dennoch die leistungssteigerde Wirkung dieser Methoden. „Es steckt natürlich immer die Hoffnung dahinter, dass man die eigene Leistung steigern kann, wenn man bestimmte Mittelchen einnimmt, aber alles, was die Leistung relevant beeinflusst, steht auf der Doping-Verbotsliste“, so der Mediziner der ergänzt: „Alles, was einen gesunden Mensch stärker macht, ist verboten und alles, was nicht verboten ist, nützt nichts.“

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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