Du befindest dich hier: Home » Kultur » „Dissonanzen sind das Salz des Jazz“

    „Dissonanzen sind das Salz des Jazz“

    Michl Lösch: Carla Bley in Lana wäre super, Sonny Rollins ein Traum... (Foto: Paolo Bega)

    Michl Lösch: Carla Bley in Lana wäre super, Sonny Rollins ein Traum… (Foto: Paolo Bega)

    Vor 5 Jahren haben Michl Lösch und Helga Plankensteiner das Festival Lana Meets Jazz gegründet. Mittlerweile ist es eine der besten Adressen in der Südtiroler Jazzfestival-Landschaft. Ein Geburtstagsgespräch mit Michl Lösch.

    Tageszeitung: Herr Lösch, man kennt Sie als einen Mann von unerschütterlich guter Laune. Braucht es ein solches Gemüt, um ein Jazzfestival in einem kleinen Ort wie Lana zu organisieren?

    Michl Lösch: Ja das braucht es unbedingt, den nervösen Part, der auch notwendig ist, um die Dinge voranzutreiben, übernimmt freundlicherweise Helga Plankensteiner.

    Lana ist Apfel. Hat diese geradezu illegale Dissonanz Sie gereizt, einen urbanen Musikstil dort einzupflanzen?

    Dissonanzen sind das Salz des Jazz. Der Reiz lag vor allem darin, Helga’s MusikschülerInnen aus Lana und Meran eine neue Plattform zu geben, um gemeinsam mit internationalen Jazzern zu performen. Das macht den Charakter von Lana Meets Jazz aus. Wir bekommen sehr positive Feedbacks von Publikum und MusikerInnen, die dieses Zusammentreffen der Generationen schätzen. Und wenn wir es geschafft haben, ein wenig „Big Apple“ nach Lana zu bringen, hat es sich 2mal gelohnt.

    Lana und Jazz – das klingt nach einem harten Stück Arbeit und viel Improvisation. Wie ist das Pflänzchen in den ersten 5 Jahren gediehen?

    Eigentlich haben wir schon vor 8 Jahren begonnen, im Rahmen eines Jazzkurses der Musikschule Lana einmal im Monat ein Konzert im Ansitz Rosengarten zu organisieren. Vor fünf Jahren haben wir aufgrund des großen Erfolges beschlossen, die Konzerte in ein Festival zusammenzufassen. Das Pflänzchen ist inzwischen gut gewachsen, schön erblüht, braucht aber natürlich sehr viel Pflege…

    An welches Highlight erinnern Sie sich am liebsten?

    Da gibt es einige: letztes Jahr die Jugendbigband im Turbinenraum des Wasserkrafwerks, Paolo Fresu in der vollen Hl.Kreuzkirche, Gianluca Petrella mit Helga’s Turbosax Ensemble, Franco Ambrosetti, der nach seinem! Konzert selbst eine freiwillige Spende für die Musikschüler hinterließ…

    Der Name des Festivals „Lana Meets Jazz“ klingt nach einem Treffen unter Freunden. Nehmen die Lanaer die Einladung ohne Berührungsängste an?

    Helga Plankensteiner: Den nervösen Part, der auch notwendig ist, um die Dinge voranzutreiben, übernimmt freundlicherweise Helga Plankensteiner.

    Helga Plankensteiner: Den nervösen Part, der auch notwendig ist, um die Dinge voranzutreiben, übernimmt freundlicherweise Helga Plankensteiner.

    Es ist eine Herausforderung, Jazzmusik im ländlichen Bereich zu etablieren. Aber wir hatten das große Glück, von Anfang an neben einem tollen Stammpublikum aus Lana auch eine große Fangemeinde aus ganz Südtirol und dem Trentino ansprechen zu können. Mittlerweile haben wir Gäste aus der Schweiz und…..

    Jazzfestivals sind oft wie Fachmessen für Eingeweihte. Wie bringt man Leuten, die weniger Ahnung vom Jazz haben, den Jazz näher?

    Wir versuchen, den Jazz der musizierenden Jugend näher zubringen in der Hoffnung, dass sie Freunde und Verwandte davon überzeugen, dass diese Musik gar nicht so schwierig ist wie viele meinen und sogar Spaß macht.

    Vor 50, 60 Jahren wurde Jazz von älteren Herrschaften noch als „Negermusik“ bezeichnet. Hört man solche rassistischen Aussagen noch?

    Glücklicherweise nicht!

    Sie sind ein Virtuose des Jazzklaviers. Ist Improvisationskunst Voraussetzung für ein gelingendes Festival?

    Na ja, Virtuose ist ein großes Wort…Aber es stimmt schon: meistens braucht es eine gute Portion Improvisation, da sich die Voraussetzungen schon im Vorfeld immer wieder ändern, Sponsoren, die abspringen, nicht verfügbare Locations oder neue Sicherheitsbestimmungen, und dann Wetterbedingungen, Ausfälle von Musikern und und und…

    Wie erstellen Sie ein Programm? Wägen Sie ab, was und wieviel man den Zuhörern zutrauen darf und soll?

    Wir versuchen ein breites Spektrum an Stilrichtungen zu bieten, auch um der Vielseitigkeit dieser Musik gerecht zu werden, von Swing bis zeitgenössischem Jazz, auch die Location muss stilistisch passend sein.

    Sie sind zusammen mit Helga Plankensteiner auch künstlerischer Leiter der Jazz-Konzerte in der Bozner Laurinbar. Sind Sie sich immer einig oder spielt einer die Rolle des Stilpolizisten?

    Im Großen und Ganzen sind wir uns schon einig, die Details lassen dann ohne weiteres verschiedene Meinungen zu.

    Manche Festivals versuchen großes Publikum anzulocken, indem sie immer banaler und simplizistischer werden. Der falsche Weg?

    Ich denke, ein Festival sollte eine Persönlichkeit, die wiedererkennbar ist, oder so was wie eine Message haben. Im Prinzip sind wir eher für klein und fein, das hat einige Vorteile: der bessere Sound in kleineren Räumen, der persönliche Kontakt zwischen Musikern und Publikum, geringere Kosten und ein umweltverträglicheres Marketing.

    Zuhörer unter 40 Jahren sind beim Jazzpublikum in der Minderheit. Lana Meets Jazz hingegen steht mit dem Jugend-Big-Band-Projekt ganz im Zeichen der musizierenden Jugend. Ist das das Alleinstellungsmerkmal von Lana Meets Jazz?

    Wahrscheinlich schon, das kommt daher, dass Helga schon lange Jazz an der Musikschule unterrichtet und unser Festival daraus enstanden ist. Außerdem sind die Jugendlichen ziemlich aufgeschlossen für alles Neue.

    Welche Jazzgröße möchten Sie unbedingt einmal nach Lana bringen?

    Carla Bley wäre super, Sonny Rollins ein Traum…

    Amerika ist immer noch der Olymp der Jazzer. Aber die frühere Abhängigkeit des europäischen Jazz von amerikanischen Leitfiguren scheint es nicht mehr zu geben. Stimmt dieser Eindruck?

    Absolut. Jazz ist mittlerweile eine Weltmusik und hat überall verschiedene Färbungen. Viele möchten den Jazz wieder ausschließlich als Black Music sehen, da kann ich nicht zustimmen.

    Bebop ist unter jungen Bands wieder groß in Mode und sogar Swing hat mittlerweile wieder Anhänger gefunden. Ist das reine Nostalgie oder fehlt es an Ideen im Jazz?

    Es gibt eine teilweise Rückkehr zu einer mehr handwerklichen Sicht der Musik, hin zu einer direkteren Art von musikalischer Kommunikation. Das ist sicherlich auch bedingt durch den Erfolg der zahlreichen Jazzschulen, die in letzter Zeit entstanden sind. Der Weg ist der richtige, auch wenn die Ideen nicht fehlen dürfen.

    Ganz ehrlich: Was hat Jazz, was Pop oder Rock nicht haben?

    In erster Linie die Improvisation, die in Pop und Rock nur eine zweitrangige Funktion hat. Aber die Grenzen verschwimmen zusehends.

    Jazz war einmal Rebellion. Fließt dieses Blut noch in Ihren Adern?

    Jazz war aber immer auch Unterhaltung, Tanz, unpolitische Reflexion. Rebellion schwingt sicherlich noch mit im Versuch, herkömmliche musikalische Strukturen aufzubrechen und neu zu kombinieren.

    Letzte Frage: Was serviert das Festival zum ersten runden Geburtstag?

    Eine ganze Woche Jazz mit hochkarätigen Musikern, dem Starsaxophonisten Stefano Di Battista, dem amerikanischen Exzentriker Marc Ribot, das Debut eines einzigartigen Ensembles mit 4(!) Baritonsaxophonen, Uraufführungen mit der Jugendbigband Südtirol, 3 Workshops mit dem Saxophonisten Javier Girotto, dem Klarinettisten Alfredo Ferrario und dem Vibraphonisten Marco Bianchi, Jazzbrunch im Cafe Plankensteiner, eine Fotoausstellung von Gigi Bortoli im Kunstraum Gries, Lindy Hop Dancers im Hotel Schwarzschmied, DJ im JUX…und natürlich viel Nachwuchs.

    Interview: Heinrich Schwazer

     

    Das Programm

    2. Mai: Klarinettenworkshop mit Alfredo Ferrario, Vibraphonworkshop mit Marco Bianchi von 15- 18 Uhr in der Musikschule Lana. Um 20.00 Uhr Alfredo Ferrario Quartett mit Klarinettenschülern der Musikschule Lana im Ansitz Rosengarten: Hommage to Benny Boodman

    3. Mai: Saxophonworkshop mit Javier Girotto von 18 – 21 Uhr in der Musikschule Lana. Um 21.00 Uhr Flo´s Jazzcasino im Hotel Schwarzschmied. Flo’s Jazz Casino ist eine Hommage an die amerikanische Popularmusik zu Beginn des 20. Jahrhunderts – Ragtime, Chicago Jazz, New Orleans Jazz und vor allem Swing.

    4. Mai: Barionda (I/A/ARG) um 20.00 Uhr auf Schloss Katzenzungen. Das Debüt einer ungewöhnlichen Besetzung mit 4 Baritonsaxophonen und Schlagzeug mit einer Hommage an die großen Baritonisten der Jazzgeschichte.

    5. Mai: Marc Ribot guitar um 20.00 Uhr im Jux Lana. Der aus NewJersey stammende Allrounder Marc Ribot ist bekannt für ungewöhnliche Töne auf der Gitarre, die er schon in Tom Waits Band erfolgreich einsetzte. Vorgruppe: Maiband (Schüler des Jazzkurses der Musikschule Lana). Ab 22.00 Uhr DJ-SET w DJ Ah.so?

    6. Mai: Farejazz Bigband feat. Tino Tracanna & Walter Civettini um 21.30 Uhr in der Laurin Bar Bozen.

    7. Mai: Almananouche Quintet, 11.00 Uhr im Café Plankensteiner. Mit der Musik von Legende Django Rheinhardt auf den Spuren des Hot Club de France. Um 20.00 Uhr Rosa Brunello y Los Fermentos und Jugendbigband Südtirol bei Kultur.Lana. Die junge Bassistin aus Venedig präsentiert ein Programm mit erfrischend originellen Kompositionen. Ebenfalls um 20.00 Uhr The Youngsters, Jazzensemble der Musikschule Lana, am Golfplatz Lana.

    8. Mai: Stefano di Battista Quartet um 20.00 Uhr im Lounge Restaurant Golfplatz. Der italienische Starsaxophonist wurde bekannt durch seine Auftritte mit dem Orchestre National de Jazz, Michel Petrucciani, Flavio Boltro, Jacky Terrasson, Elvin Jones, Vince Mendoza, Kenny Barron und seine erfolgreichen Cds, die bei dem Kultlabel Blue Note Records erschienen sind.

    Infos: www.sweetalps..com

    Clip to Evernote

    Kommentar abgeben

    Du musst dich EINLOGGEN um einen Kommentar abzugeben.

    2013 ® © Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH/Srl - Alle Rechte vorbehalten. Impressum | AGB | Kontakt

    Nach oben scrollen