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    „Bin eine Liebesdienerin“

    hure teil 2Die Prostituierte Antonia arbeitet seit Jahren in Südtirol: Im zweiten Teil des Interviews spricht sie über Liebe – und kuriose Freier-Wünsche.

    TAGESZEITUNG Online: Welche Wünsche erfüllen Sie?

    Antonia: Auspeitschen, Spazierenführen wie einen Hund. Manche wollen auch nur die Wohnung putzen.

    Wie bitte?

    Manche wollen nur meine Wohnung putzen, die Wäsche aufhängen und alles blitzblank machen im Haus. Nichts weiter.

    Dafür zahlen sie?

    Ja.

    Was machen Sie in der Zwischenzeit?

    Ich stehe mit der Peitsche daneben und schimpfe ihn, dass er nicht sauber genug geputzt hat. Manche wollen auch gekreuzigt werden. Das sind Männer, die bestraft werden und Schmerz empfinden wollen. Das erfordert viel Erfahrung, denn man darf nicht zu fest zuschlagen. Eine Kunst, die man über die Jahre erlernen muss.

    Putzende Männer, die auch noch dafür bezahlen – das klingt nach Traummann.

    Genau.

    Als Prostituierte richten Sie sich nach den Wünschen der Männer, was bevorzugen Sie?

    Ich kommandiere gern, ich bin gerne Domina, ich höre aber auch gerne zu und gebe Ratschläge. Es macht mich glücklich, wenn ich jemandem helfen kann. Manche Männer wissen wirklich nicht mehr weiter.

    Und der „normale“ Rest?

    Die meisten Männer suchen einfach Abwechslung. Statt immer nur der gleichen Suppe, auch einmal eine gute Pastasciutta genießen. Die wollen Sex mit einer anderen Frau, aber nicht die Familie aufgeben oder zerstören. Ich gebe ihnen das, was sie wollen, stelle aber keine Ansprüche, grüße sie nicht auf der Straße und rufe sie nie an. Diskretion ist das wichtigste. Diese Männer wollen keine Liebhaberin, weil dabei immer das Risiko besteht, aufzufliegen. Und billiger ist es auch, wenn der Mann einmal pro Woche zu mir kommt, als seiner Liebhaberin teure Kleider und Schmuck zu kaufen. Umgekehrt gehen viele verheiratete Frauen fremd und bekommen dafür kein Geld. Für mich sind eher das die, entschuldigen sie den Ausdruck, Huren als wir. Wir machen es professionell und damit ehrlicher.

    Vom Altersdurchschnitt her gesehen – wie schauen Ihre Kunden aus?

    Es kommen von ganz jungen bis zu 85jährigen Greisen alle. Manche sind so jung, dass ich sie um den Ausweis fragen muss, ob sie überhaupt volljährig sind. Viele hatten noch nie eine Freundin und wollen ein paar Erfahrungen sammeln, damit sie mitreden können, wenn ihre Freunde mit ihren Sex-Geschichten angeben. Die 80jährigen hingegen wollen einfach eine Massage.

    Trotz Viagra.

    Das nehmen sie möglicherweise zuhause. Ich darf es ihnen nicht geben.

    Wofür geben Sie Ihr Geld aus?

    Ich liebe Wellness, gehe gerne gut essen, kaufe mir manchmal ein schönes Kleid und lege etwas Geld zur Seite. Ich lebe gut, ich bin unabhängig, ich kann auf der ganzen Welt arbeiten.

    Arbeiten Sie auch außerhalb von Südtirol?

    Ja, und ich werde es in Zukunft noch mehr machen. Spanien, München, dort gefällt es mir gut. Hier sind die Leute sehr engstirnig. Allein das Wort Prostitution ist für die meisten schon negativ, es ist Sünde, dabei ist es einfach ein Beruf.

    Sehen Sie sich als Sünderin?

    Nein, überhaupt nicht. Ohne Prostitution gäbe es viel mehr Vergewaltigungen, davon bin ich überzeugt. Die Leute sollten froh sein, dass es uns gibt. Was ist mit den zahllosen kirchlichen Missbrauchsfällen, über die man nicht reden darf? Ich frage mich, wer sich das Recht herausnehmen darf, über uns zu urteilen?

    Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Kunden?

    Ja, das war ein ganz netter. Ich bin mit ihm essen gegangen und danach alles weitere. Dennoch war es schwierig, weil ich zuerst den inneren Stolz und auch die Angst überwinden musste. Die Angst, dass es aufkommt und dass ich mich danach schlecht fühlen werde, weil ich meinen Körper verkaufe. Diesen inneren Widerstand muss man überwinden und das ist alles andere als leicht.

    Das Gefühl, dass Sie sich verkaufen, haben Sie nicht mehr?

    Nein, das habe ich nicht mehr.

    Ich kann mir vorstellen, dass nicht alle Kunden überaus appetitlich sind.

    Dann schicke ich sie weg oder unter die Dusche. Und die Schuhe müssen auf den Balkon.

    Sind Sie glücklich?

    Ich bin glücklich, obwohl man mit dieser Arbeit sehr viel allein ist. Eine Prostituierte ist viel allein. Nicht nur, weil sie allein in ihrer Wohnung auf Kunden wartet, sondern weil es privat nicht anders geht. Eine Liebesbeziehung neben dieser Arbeit kann nicht gut gehen. Ich glaube es jedenfalls nicht. Er leidet darunter und du auch. Liebe ist kein Lichtschalter, den man ein- und ausschalten kann.

    Haben Sie sich nie in einen Kunden verliebt?

    Wenn das passiert, drücke ich gleich auf den Stoppknopf.

    Nehmen wir an, das Unmögliche passiert und sie verlieben sich. Würden Sie Ihren Beruf aufgeben?

    Nein. Ich würde die Liebe stoppen. Ich denke mit dem Kopf, nicht mit dem Herz. Der Kopf sagt, mein Beruf ist sicherer als die Liebe. Ich würde meinen Beruf nie aufgeben, um einem Mann untertan zu sein. Außer, ich finde einen Job, in dem ich gleich gut verdiene. Das ist aber sehr unwahrscheinlich.

     

    Interview: Heinrich Schwazer

     

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