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    Das perfekte Kind

    Der Bozner Psychiatrie-Primar Andreas Conca über die Risiken der pränatalen Diagnostik, Wert und Kosten eines Menschenlebens – und unseren Wunsch nach dem „perfekten Kind.“

    TAGESZEITUNG: Herr Conca, Sie sprachen im Rahmen eines Vortrags über pränatale Diagnostik und die Kindereuthanasie im dritten Reich. Was haben diese Begriffe miteinander zu tun?

    Andreas Conca: Ich habe in Schulen über das Thema Euthanasie gesprochen. Die Aktualität dieser Frage muss ich nicht unterstreichen, die Diskussion um Sterbehilfe findet in unserer Gesellschaft ja immer häufiger Platz. Dasselbe gilt, gerade bei Jugendlichen, für die Frage der pränatalen Diagnostik.

    Welche Fragen stellen sich die Jugendlichen?

    Was passiert, wenn ich schwanger werde? Lasse ich auf Trisomie 21 und andere Krankheiten testen? Akzeptiere ich einen möglichen Befund oder entscheide ich mich für eine Abtreibung? Diese Fragen diskutieren die Schülerinnen. Und wenn sie die geschichtliche Brücke zum Sozialdarwinismus des 19. Jahrhunderts schlagen, werden sie plötzlich hellwach. Wir sprechen dann über die weltweiten Folgen. Ein Beispiel: In den Vereinigten Staaten gibt es heute Versicherungen, die Mütter nur dann aufnehmen, wenn sie während der Schwangerschaft bestimmte Tests durchführen. Damit geben sie eine Art Garantie dafür ab, dass das Kind nicht kostenintensiv wird.

    Die Schüler verstehen diese Auseinandersetzung?

    Sie verstehen sofort, dass es hier um den Preis statt um den Wert eines Lebens geht. Diese Kostenfrage erleben wir heutzutage brutal: Was kostet ein Patient? Was kosten Geburtenstationen? – Niemand fragt: Was ist uns die Gesundheit wert? Wer nur mehr über Kosten diskutiert, findet sich irgendwann im Sozialdarwinismus wieder. Das gilt auch für andere Bereiche: Die Fremdenfeindlichkeit von heute lässt sich gut der Rassenhygiene von damals gegenüberstellen.

    Die pränatale Diagnostik ist aber keine Erfindung der Versicherungen, sie wird auch von Eltern immer wieder gefordert. Ist der Wunsch nach absoluter Kontrolle ein aktuelles Phänomen?

    Auf jeden Fall, Untersuchungen werden angefragt, ohne dass man über die Konsequenzen nachdenkt. Häufig ist es aber auch eine Forderung des Systems, das sagt: „Unter diesen Umständen würden wir eine pränatale Diagnose empfehlen.“ – aber niemand spricht darüber, was im Anschluss passiert. Was tun, wenn man plötzlich mit einem Erbschaden konfrontiert ist? Entscheidet man sich für eine Geburt, eine Abtreibung, eine Abgabe in eine Pflegefamilie?

    Wie geht die Psychologie mit diesem Dilemma um?

    In erster Linie geht es um die Akzeptanz einer Entscheidung. Wir dürfen keine Vorwürfe und keine Zustimmung abgeben, wir müssen die Patientinnen und ihre Partner in eine Situation bringen, in der sie mit Scham und möglicher Schuld umzugehen lernen.

    Niemand hat so viel Einfluss auf die Entscheidung wie die zuständigen Ärzte.

    Die Ärzte werden aber für eine politische Ideologie instrumentalisiert. Natürlich haben auch sie eine Verantwortung – aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass Ärzte durch Institutionen selbst zum Mord gebracht werden können. Die Gefahr besteht in der normativen Inklusion: Wenn die pränatale Diagnostik zur Gesetzgebung wird, wird aus freier Entscheidung eine Ideologie. Diese Gefahr laufen wir allein aus Kostenüberlegungen schon jetzt.

    In konservativen Kreisen wird die Abtreibung als „stiller Holocaust“ bzw. als zeitlich vorverlegte Euthanasie verteufelt. Wie geht man mit solchen Sichtweisen um?

    Diese Aussagen sind genauso gefährlich wie die absolute Freiheit. Frauen, die abtreiben, brauchen moralische Unterstützung und medizinische Absicherung. Viele Frauen müssen zwar darüber aufgeklärt werden, dass es Alternativen gibt – der Vergleich mit dem Holocaust ist aber ideologischer Unsinn.

    Auch der Untertitel der Veranstaltung, an der Sie tstellt die pränatale Diagnostik mit der Kindereuthanasie in einen Zusammenhang.

    Die pränatale Diagnostik erlaubt aber zum Beispiel auch die Möglichkeit, während der Schwangerschaft Operationen am Herzen des Kindes vorzunehmen. Wenn sie auf diese Weise eingesetzt wird oder Eltern eine bewusste Entscheidung erlaubt, ist sie ein wertvolles Instrument. Zum Problem wird es nur dann, wenn die Technik missbraucht wird – aus Versicherungszwecken, Sparzwang, medizinischem Fortschrittswahn und so weiter. Daran trägt aber der Mensch Schuld, nicht die pränatale Diagnostik.

    Gibt es Eltern, die sich bewusst dagegen entscheiden?

    Ja, immer wieder. Ich finde das schön, Eltern zu sehen, die die Erwartung gestalten, bis hinauf zur Entscheidung, das Geschlecht nicht wissen zu wollen. Die Diagnostik nicht mehr anzubieten, fände ich aber genauso schlimm, wie sie jemandem aufzuzwingen. Ja oder Nein zu sagen muss weiterhin möglich sein.

    Interview: Anton Rainer

     

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    Kommentare (27)

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    • elisa

      Das ist die richtige antwort, was ist uns die gesundheit wert, nicht was kostet sie. Schade, dass die Buchhalter dad ssgen haben
      Frohe Weiehnachten

    • ......

      also, ich würde diese Anzeige nutzen und den aktuell über 300 bereits lebenden südtiroler Kindern und Eltern gedenken, die an diesem heutigen Tag nicht Weihnachten feiern. ein Dom voll Kinder die von den Sozialdiensten und Jugendgerichten deren Elterhaus genommen wurden, erwiesen aus nichtigen Gründern, ausser den Profit derselben. und in irgendeinem Heim, fernab von Liebe und Geborgenheit dahinsiechen. den Eltern wünsch ich Kraft und Hoffnung, auch wenn wahrscheinlich keiner einen Weihnachtsbaum aufgestellt hat, weil es zu sehr schmerzt, erinnerungen weh tun wie Säure, ihnen und den Kindern, deren Schmerz heute unermesslich ist. Auch wenn euer Leben niemals mehr sein wird, wie es einmal war, ob zusammen oder durch durchgeführte Adoptionen für immer getrennt, möchte ich doch sagen, es gibt viele Menschen, die mit euch leiden und euch glauben. hilft zwar nicht viel, aber ein heisser Tropfen auf dem Stein des Gefühles, von aller Welt allein gelassen zu sein. in Liebe.

      • Yannis

        @……
        25. Dezember 2015 um 09:28

        damit Du hast mir aus der Seele geschrieben, Danke !

      • Daniel

        > …..
        ich teile Deinen Gedanken sehr, sehr wohl! Ein grosses Leid heutiger Zeit!
        und die Zahl 300 ist sehr untertrieben, denn es sind ungefähr 300 pro Jahr, die Kinder, die den Eltern weggenommen werden und mehrere Jahre wegbleiben.
        Wieso rechnet man nicht da mal nach, wie hoch die Kosten sind?
        Antwort: weil ex Politiker und solche Arten diese Strukturen leiten, wo Kinder untergebracht werden, diese Strukturen Sozialgenossenschaften sind, und diese feste abkassieren: meist 300 Euro (und mehr) pro Kopf und pro Tag!!
        Und vielfach sind auch diese modernen Pfaffen (Kinderpsychiater) die Schuld an der Entfernung dieser Kinder …. neben Jugendstaatsanwaltschaft und Sozialhelfer, Helfer die eher abhelfen als helfen!

      • C

        Jo jo, mog schon sein, ober normalerweise (!) VON NICHTS KIMP NICHTS!! A bisl normal und mit Hirn lebn, nocher geat olls. Leider hot ober die heutige Gesellschoft ollaweil wieniger Hirn… (wos a durch eine universitaere Studie belget wordn isch…).

    • Andreas

      Conca macht es sich etwas einfach die Kosten konsequent auszublenden und stellt die Leute, welche die Sanität auch in Zukunft noch finanzierbar machen wollen, indirekt als Mörder hin.
      Alles für alle zu tun war schon bis jetzt nicht finanzierbar und wird es in Zukunft noch weniger sein.

      Mit der CRISPR-Cas9-Methode ist es möglich das Erbgut eines Embryos zu modifizieren und chinesische Wissenschaftler haben dies auch schon gemacht.

      Unabhängig der Kosten gibt es auch die Frage in wie weit überhaupt eingegriffen werden darf/soll/muss und auch, ob solche Eingriffe, sofern sie gestattet werden, von was man ausgehen kann, ein Privileg der Reichen werden, welche sich Designerbabys zurechtschnippeln und sozusagen eine „Herrenrasse“ herangezüchtet wird.

    • Sachlichkeit

      Dieser Conca hält es wohl nicht aus, wenn man länger nichts mehr von ihm hört! Jedes Thema ist willkommen, um sich ins Rampenlicht zu bringen. Was hat dieses Thema mit Psychiatrie zu tun? Man könnte genauso gut irgend einen anderen Arzt oder sonst wen dazu befragen! Diese Besserwisserei ist einfach ekelhaft.

      • Daniel

        > Sachlickkeit:
        So sind nun mal diese modernen Pfaffen!
        Mediziner die keiner Wissenschaft folgen, die nur am Menschen herumexperimentieren und sehr unter ihrer professionellen Unsicherheit leiden.
        Psyhiatrie ist alles nur reine Rethorik: ihr fehlen die Laborwerte!!
        Alles ein grosser Quatsch, vielfach! Und die reinste Geldmacherei!
        Deshalb auch dieses immer wieder Propagandieren dieses Faches: sie wünschen sich die Anerkennung, die sie wissen, nicht zu haben!

      • Andreas

        @Sachlichkeit
        Dein Kommentar ist alles andere als sachlich.
        Jedenfals geht es um die Psyche des Menschen und dem Umgang mit einer bestimmten Situation und da finde ich Conca doch etwas kompetenter als den Tierarzt.
        Er sagt sachlich seine Meinung, was ist daran besserwisserisch?

        • Sachlichkeit

          @andreas: 1.) sehe in seinen Aussagen wenig darüber, wie Menschen mit solchen Situation umgehen.
          2.) Es geht hier auch nicht um Psyche, sondern um Ethik. Das ist etwas Anderes!
          3.) Wenn er seine Meinung sagt, dann muss dies auch von ihm als persönliche Meinung gekennzeichnet werden und nicht als Pseudowissen.
          4.) Andernfalls bitte auf dem Boden der Fachwissenschaft bleiben! Allerdings vermisse ich diese Haltung leider allzu oft.

          • Yannis

            @Sachlichkeit,

            der gute Andreas hat wohl offensichtlich noch NIE die HOHE Kunst dieser
            ach so wichtigen Berufsgruppe genießen dürfen, sonst hätte er Deinen Kommentar mit Sicherheit NICHT kritisiert.

          • Andreas

            @Sachlichkeit
            1) Weil du es nichts siehst, bedeutet dies noch lange nicht, dass er nichts dazu sagt.
            „In erster Linie geht es um die Akzeptanz einer Entscheidung. Wir dürfen keine Vorwürfe und keine Zustimmung abgeben, wir müssen die Patientinnen und ihre Partner in eine Situation bringen, in der sie mit Scham und möglicher Schuld umzugehen lernen.“

            2) Was hat diese Aussage mit Ethik zu tun?
            „Auf jeden Fall, Untersuchungen werden angefragt, ohne dass man über die Konsequenzen nachdenkt. Häufig ist es aber auch eine Forderung des Systems, das sagt: „Unter diesen Umständen würden wir eine pränatale Diagnose empfehlen.“ – aber niemand spricht darüber, was im Anschluss passiert. Was tun, wenn man plötzlich mit einem Erbschaden konfrontiert ist? Entscheidet man sich für eine Geburt, eine Abtreibung, eine Abgabe in eine Pflegefamilie?“

            Es geht um die möglichen Konsequenzen einer Entscheidung und wie damit umgegangen wird.

            3) Es liegt in der Natur der Sache, dass in Interviews die persönliche Meinung wiedergegeben wird und dass die Psychiatrie keine exakte Wissenschaft wie die Mathematik ist bzw. auch nie sein wird, sollte auch Leuten wie Dir einleuchten, was aber auch kein Grund ist, sie als Werk des Teufels hinzustellen.

            4) Wo verlässt er in diesem Gespräch den „Boden der Fachwissenschaft“, was immer das sein soll.

    • Yannis

      >>>Was hat dieses Thema mit Psychiatrie zu tun?<<<

      richtig, rein gar nichts ! würde man die "Gefährlichkeit" aller Medizinischen Berufsgruppen klassifizieren, müsste man die Psycho´s (manche nennen sie auch (Gehirnwäscher) unweigerlich auf Platz eins setzen.
      Die können des eigenen Profit´s wegen die Menschheit manipulieren wie sie wollen, weil sog. Kunstfehler denen im Gegensatz zu anderen Medizinern nie nachgewiesen werden können. Wenn da, bis hin zum Suizid des Patienten, was gründlich schief geht, liegt die Schuld der Ursache zuverlässig und garantiert immer beim Patienten selbst.
      Und wie es sich hier damit wieder bewiesen hat, keiner aller anderen "Fakultäten" der Medizin tritt mit so hoher Latenz an "Wichtigtuerei" auf, aber die scheinen es halt nötig zu haben.

    • BATMAN

      >> NEW REFORMATION<<
      1. Professionalismus

      Im ersten Teil von "New Reformation": SIENCE AND PROFESSIONS ging paul Goodman aus von dem damaligen Unbehagen über und dem Protest gegen Wissenschaftler und andere PROFESSIONALS wie Lehrer, Ärzte, Therapeuten, Ingenieure usw., die Erfolg nur daran messen, ob ein Problem technisch, formal und instrumentell gelöst ist, nicht, ob es im Sinne der betroffenen Menschen gemeistert wurde. Dennoch stimmte er den gängigen Schlussfolgerungen und üblichen Forderungen nicht zu. Gängig und üblich war – und ist immer noch – die Vorstellung, das die Wertfreiheit der PROFESSIONALS durch gesellschaftliche, ethisch motivierte Kontrolle begrenzt, überwacht und in die richtige, humane Richtung gelenkt werden sollte.
      Für Goodman dagegen war die ethische Bezogenheit auf den Menschen Teil der Sache der PROFESSIONALS. Der Beruf des Arztes beispielsweise ist es, Kranke zu heilen.

      WIR DER ARZT ZUM VOLLSTRECKER EINES MECHANISTISCHEN MEDIZIN- UND PHARMAZIEBETRIEBES, MACHT ER EINEN JOB, INDEM ER SEINE ROLLE ALS ARZT SPIELT, ÜBT ABER KEINEN BERUF AUS. Die Zweck- und Wertfreiheit ist Teil eines Entfremdungsprozesses, in welchem der Beruf sich aufzulösen beginnt.
      Dies lässt sich Goodman zufolge im Verhalten der PROFESSIONALS – ( in ihren psychischen Einstellungen) – nachweisen. Wenn nun diesem entstellten Verhalten der auf Jobausübung beschränkten PROFESSIONALS die sogennante "soziale Kontrolle" entgegengesetzt wird, schreibt die Kritik den Zustand der Entfremdung fest. Psychotherapeutisch gesehen ist das die klassische Situation der Behandlung des Symptoms durch Unterdrückung, die bekanntlich stets mit der Verschiebung zu neuen Symtomen zu rechnen hat. Politisch gesehen ist es die paradoxe Verstärkung des Bestehenden mittels Kritik: Die Kritik bringt genau das hervor, was das System zur eigenen Stabilisierung braucht.

      Ausschnitt aus dem Buch "GESTALT BEGREIFEN" von Stefan Blankertz

    • Klaus

      Finde es richtig, dass die Eltern die Entscheidung treffen und nicht andere und von bereits erfahrenen Personen begleitet werden.

    • Yannis

      Hier das dicke Buch woraus sie die für JEDEN Menschen etwa 20 Diagnosen herauslesen können, obwohl dieser ganz normal ist.

      https://www.youtube.com/watch?v=UHZo9a2Pc2A

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